Sprachpuristen kräuseln die Stirn und Laien vermuten einen kryptischen Geheimcode: Die Rede ist von der Medizinersprache. Moderne medizinische Fachterminologien entspringen nicht selten einem babylonischen Sprachcharivari mit exotischen Formulierungskreationen. Patienten formen dann ihrerseits aus dem Gehörten alltagstaugliche Neologismen. Ein Sprachabenteuer in jeder Hinsicht.

Dass selbst innerhalb eines Begriffes Wortstämme griechischer oder lateinischer Provenienz vermischt werden, etwa bei der Dyslexie oder der Legasthenie, hat eine jahrhundertealte Tradition. Weil die englische Sprache im Laufe einer globalisierten Welt zur neuen Lingua franca wurde und sich in fast jedem Fachgebiet eingenistet hat, kommt es inzwischen aber zu abenteuerlichen, herkunftsübergreifenden Phrasenbildungen. Wortungetüme wie das zerebrale Perfusions-Diffusions-Mismatch, ein angelsächsisch-lateinisches Hybrid zur Benennung einer gestörten Hirndurchblutung, rufen bei Ärzten Konfusion und bei Laien ratloses Staunen hervor.

Wenn gewöhnliche Menschen ihren Opa mit einem Schlaganfall in die Klinik bringen, klingt es natürlich hochprofessionell, wenn sie erfahren, "dass eine entsprechende Krankenpopulation durch die selektive, RCT-basierte Therapiestrategie einen guten Benefit habe und trotz der Visualisierung des Problems im magnetresonanztomografisch darstellbaren Perfusions-Diffusions-Mismatch ein erfolgreiches Outcome" prognostiziert werden könne.

Weniger Eindruck macht es, aber mehr Ausdruck hat es, wenn der Stationsarzt empathisch und verständlich erklärt, dass die vorgeschlagene und wissenschaftlich überprüfte Behandlung wahrscheinlich zu einem guten Ergebnis führen werde.

Auf einer anderen Ebene mindestens aber genauso spannend wird es, wenn Fachtermini durch Otto Normalverbraucher alltagstauglich zurechtgeschliffen werden und damit zu linguistischen Höhepunkten im hausärztlichen Alltag mutieren.

Zu meiner Studentenzeit wohnte in unserer Nachbarschaft eine Dame, die einen affektierten Zwergpudel ihr Eigen nannte. Doch eines Tages erzählte sie mir, dass ihr Liebling seit Neuestem "Epleptiker" sei und immer wieder an "galloptischen Zuständen" leide. Noch heute muss ich deshalb bei den Stichworten Epilepsie und Kollaps innerlich schmunzeln, ähnlich wie bei der Herzinsuffizienz.

Als Assistenzarzt erlebte ich nämlich einen Spitalspförtner, der herzleidende Patienten stets mit den Worten ankündigte: "Ein Notfall, eine Herzsuffens." Das prägt sich ein. Wenn dann Zeckenopfer mit der Befürchtung kommen, an der medizinisch wie auch sprachlich variantenreichen "Bolriose" oder "Bolleriose" erkrankt zu sein, folgt prompt die von mir gefürchtete Frage "Brauche ich da ein Antibiotika?"

Dieser fehlerhafte Singular bei einem ursprünglich griechischen Wortmix mit lateinischem Neutrumende grenzt an Körperverletzung, wenn man ein Schulleben lang mit den alten Sprachen aufwuchs. Egal, selbst wenn der Patient beteuert, kein Stimulant zu sein, so ist er zwar kein Simulant und der falsche Wortgebrauch "unter jeder Kanone" (lat.: sub omni canone), aber er stimuliert immerhin die Entwicklung einer heiteren Gemütslage.


Dies meint Ihr Fritz Meyer, Allgemeinarzt


Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2017; 39 (7) Seite 26