Im Jahr 1681 gründete King Charles II. in London ein Heim für verletzte oder ausgediente Soldaten. Seit über 300 Jahren verbringen militärische Veteranen – bis heute – im Royal Hospital Chelsea ihren Lebensabend und erhalten eine soziale und medizinische Versorgung, die absolut modern und vorbildlich erscheint. Der Arzt und Autor Martin Glauert hat diese Einrichtung besucht und zeigt sich beeindruckt.

Die Anlage erinnert an ein herrschaftliches Schloss. Der große Innenhof wird auf drei Seiten von imposanten Gebäudeflügeln eingeschlossen, deren Kolonnaden an heißen Tagen wohltuenden Schatten spenden. Dort sitzt Ted Parsons auf einer Bank und raucht in aller Seelenruhe seine Pfeife. Mit seinen 80 Jahren kann ihn so schnell nichts mehr erschüttern. Er hat in Libyen, Jordanien, Singapur, Zypern, Indonesien und Borneo gedient. "Menschenfresser sind mir da zum Glück nicht begegnet", scherzt er. Auch verwundet wurde er glücklicherweise nie.

Wie ist das Essen hier in der Kaserne – Wasser und Brot? Ted muss laut lachen. Aus mehreren Menüs können die Veteranen täglich wählen, da ist für jeden Geschmack etwas dabei. Das Mittagessen wird gemeinsam in der Great Hall eingenommen. Der riesige holzgetäfelte Saal ist bis zur Decke mit alten Regimentsfahnen und Gemälden verblichener Könige geschmückt. Auf den Mahagonitischen, an denen jeweils acht Personen Platz finden, stehen edle Messinglampen mit grünem Glasschirm, edler Kolonialstil vom Feinsten! Auf der Wandtäfelung sind mit goldener Schrift fein säuberlich alle Kriege aufgeführt, in die Britannien verwickelt war, nebst Ortsnamen und Jahreszahl. Krimkrieg, Boxeraufstand, die beiden Weltkriege, Revolte in den Kolonien – beim Essen erhält man so eine Lektion in Geschichte und liest die Namen ganz unterschiedlicher Orte zwischen Dublin und Dubai, Kleve und Kilimandscharo. Der letzte Eintrag lautet "Al Basrah, Western Iraq 2003", und daneben ist noch erschreckend viel Platz.

All inclusive statt magerer Rente

Jeder ehemalige Soldat kann hier Aufnahme finden, wenn er älter als 65 Jahre ist und "nicht mit einer Ehegattin belastet", wie die ursprüngliche Regel verlangt. "Es ist ein einfacher Han-del", erklärt Ted Parsons. "Du verzichtest auf deine Soldatenrente und bekommst im Gegenzug ein Zimmer, drei Mahlzeiten am Tag, medizinische Versorgung, und vor allem: Du wohnst mitten in London."

Royal Hospital Chelsea
Wer will, kann das Royal Hospital Chelsea auch selbst einmal besuchen. Der Eintritt ist frei. Gruppen ab 10 Personen können eine geführte Tour buchen, die man aber drei Monate im Voraus buchen sollte (tours@chelsea-pensioners.org.uk). Die Adresse: Royal Hospital Chelsea, Royal Hospital Road, London SW3 4SR, Telefon: +44 20 7881 5200

Die Wohnkabinen der alten Soldaten sind allerdings eher spartanisch und haben sich seit 300 Jahren kaum verändert. Auf neun Quadratmetern müssen sie sich einrichten, da ist gerade einmal Platz für ein Bett, ein Regal und einen kleinen Tisch, die Kleider hängen auf Bügeln. Fenster – Fehlanzeige, lediglich eine Wandöffnung mit Vorhang geht auf den Flur hinaus, und dort spielt sich das Leben ab. Die alten Kameraden treffen sich hier zum Kartenspiel, zum Billard und zum Austausch verblassender Erinnerungen. Ohrensessel laden zum gemütlichen Lesen ein, Zeitungen und Tee stehen bereit. Die Toiletten und ein gemeinsames Bad für 36 Männer befinden sich am Ende des 70 Meter langen Flurs. "Morgens liefern wir uns ein Wettrennen", erzählt Ted Parsons mit britischem Humor, "nicht um heißes Wasser, sondern um eine kalte Klobrille." Das kann schon mal ein Problem werden mit 82 Jahren, und das ist das Durchschnittsalter der Truppe hier. Bei aller Liebe zur Historie und zur großartigen Vergangenheit soll das Royal Hospital aber kein Museum sein, sondern ein bequemes Zuhause für geriatrische Soldaten. Deshalb hat man vor einem Jahr mit umfangreichen Umbauten begonnen, jedes Zimmer soll nun eine eigene Dusche und Toilette bekommen.

Ein Allgemeinarzt kümmert sich

Für die Bewohner steht auf dem Gelände ein eigenes Krankenhaus zur Verfügung. Das "Margaret Thatcher Infirmary" ist Klinik und Hospiz zugleich. In 125 geräumigen Apartments leben hier die älteren und hinfälligen Bewohner. Versorgt werden Langzeitpflegefälle und Patienten, die nach einer Operation Rekonvaleszenz und besondere Zuwendung benötigen. Ein Arzt für Allgemeinmedizin ist fest angestellt und hält täglich Sprechstunden ab. "Die typi-schen Probleme sind Rückenschmerzen, offene Beine, Herzschwäche und Asthma – wie in jeder Allgemeinpraxis auch", erklärt der general practicioner. "Aber auch kleinere chirurgische Eingriffe und Wundversorgung können wir hier vornehmen." Schwere Krankheitsfälle dagegen werden in die umliegenden Krankenhäuser verlegt, innerhalb von fünf Gehminuten liegen allein drei Kliniken. Unterstützt wird der Arzt von der "Matrone", der leitenden Krankenschwester. Sie herrscht über ein kleines Reich, überwacht und koordiniert die Pflege, Physiotherapie und Ergotherapie in den einzelnen Abteilungen. Es gibt eine kleine Turnhalle und sogar ein Schwimmbecken für Hydrotherapie.

Hier lebt man länger

Was das Royal Hospital so speziell macht, ist das Gefühl der Zusammengehörigkeit. "Grässlich am Alter ist die Langeweile und die Einsamkeit", meint Ted. Die kommen hier gar nicht erst auf. Es gibt Kleingärten, Anlagen für Cricket und Boule, Ausflüge zum Theater und zu Sportveranstaltungen. Alle Bewohner bekommen kostenlose Eintrittskarten für die Fußball-spiele des FC Chelsea – zum Neid vieler Londoner! Zu solchen Anlässen tragen die stolzen Veteranen ihre scharlachrote Uniform und den Dreispitz, der sie unübersehbar und einzigartig macht. Statistiken zeigen, dass die Veteranen fünf Jahre länger leben als die Vergleichsgruppe im Land. Ob es wirklich nur an der guten medizinischen Versorgung und der gesunden Ernährung liegt? Ebenso wichtig ist das Gefühl, geschätzt zu sein und in einer Gemeinschaft Gleichgesinnter zu leben. "Für einen alten Krieger gibt es keinen friedlicheren Ort auf der Welt", meint Ted Parsons.



Autor:
Martin Glauert

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2019; 41 (11) Seite 90-92