Ärzte wünschen sich mehr E-Health-Anwendungen. Zu diesem für viele vielleicht etwas überraschenden Ergebnis kommt der aktuelle Digitalisierungsreport der DAK-Gesundheit. Allerdings sind E-Health-Anwendungen bei Medizinern in verschiedenem Maße bekannt: Während 4 von 5 Ärzten die Video-sprechstunde kennen, hat von der digitalen Patientenakte bislang nur jeder zweite gehört. Digitalisierung als technische Spielerei auf Kosten der Ärzte und zeitfressende Bürokratie wird abgelehnt.

Andere Länder Europas sind im Bereich E-Health bereits viel weiter als wir. Wenn wir nicht handeln, droht Deutschland den Anschluss zu verlieren, bestätigt der DAK-Vorstandsvorsitzende Andreas Storm bei der Vorstellung des Digitalisierungsreports 2018 zunächst das gängige Vorurteil vom technikphoben Arzt, für den Telefon und Fax noch immer die einzigen Kontaktfühler mit der Außenwelt darstellen. Doch die jüngste Online-Umfrage der DAK ergibt ein anderes Bild. IT nimmt auch in den Praxen der niedergelassenen Ärzte immer mehr an Fahrt auf – wenn die Bedingungen stimmen. Jeder zweite Arzt begeistere sich inzwischen generell für Telemedizin, wie der Testlauf der Videosprechstunde in Baden-Württemberg mit einer Evidenzprüfung von digitalen Angeboten beweise.

Jüngere Ärzte sind für E-Health-Lösungen offener

Jüngere Ärzte mit maximal 2 Jahren Berufserfahrung sind offener für E-Health-Lösungen als ältere, die 20 Jahre oder länger im Beruf sind. So sieht gut jeder zweite der Jüngeren den Vor-teil, durch digitale Anwendungen Zeit zu sparen. Bei den Älteren sieht dies nur jeder vierte so. Eine bessere Therapietreue ihrer Patienten erhoffen sich 58 % der jüngeren Mediziner. Bei den älteren ist es nur ein Drittel.

Die Studienteilnehmer sind der Meinung, dass digitale Angebote konkrete Vorteile für die Be-handlung haben. Jedoch ist zum Beispiel ein ortsunabhängiger Austausch zwischen Arzt und Patient per Videokonferenz derzeit nur eingeschränkt möglich: Das geltende Fernbehandlungsverbot sieht vor, dass ein Arzt einen Patienten persönlich untersucht haben muss, bevor er Telemedizin einsetzen darf. Das Bundesministerium für Gesundheit hat angekündigt, das Gesetz auf den Prüfstand zu stellen. Der DAK-Digitalisierungsreport 2018 zeigt, dass dies auch die Ärzte für notwendig halten, um Versorgungsengpässe in ländlichen Regionen mit geringer Arztdichte aufzufangen. "Das Fernbehandlungsverbot ist ein Anachronismus aus der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts und muss grundlegend modifiziert werden, um mehr Spielräume für Ärzte und Patienten durch digitale Lösungen zu schaffen", fordert DAK-Chef Storm.

Ein überwiegender Teil der Studienteilnehmer sieht in digitalen Lösungen auch Vorteile, die über den Patientennutzen hinausgehen. Ärzte sehen die Chance auf Wirtschaftlichkeit und Zeitersparnis für ihre Praxis – drei Viertel sehen hier einen möglichen oder klaren Nutzen. 85 % sind sicher, dass sich neue medizinische Erkenntnisse und Leitlinien schneller verbreiten lassen. Fast 90 % können sich vorstellen, dass wissenschaftliche Studien mit digitalen Methoden schneller durchgeführt werden können.

Unbekannte Patientenakte

Tatsächlich sind digitale Anwendungen aber bisher noch längst nicht im Praxisalltag angekommen, das macht der Digitalisierungsreport auch deutlich. So haben zwar 4 von 5 Ärzten schon von der Videosprechstunde gehört, aber nur 8 % hatten schon damit zu tun. Von einer Online-Patientenakte hat nur jeder zweite gehört, nur 8 % hatten schon damit zu tun. Andererseits aber halten 83 % der Befragten Videosprechstunden für "sinnvoll" und 81 % würden diese Versorgungslösung sogar "selbst anwenden", wenn es dazu finanzielle Anreize gäbe. In der Tendenz bestätigt sich dieser Trend auch beim Thema Patientenorientierte Gesundheitsakte. 68 % halten deren Einsatz für sinnvoll und sogar 72 % würden sie selbst anwenden. Die Möglichkeit einer Videokonferenz wird als Novum von immerhin 75 % der Befragten eher positiv gesehen.

Dennoch: Ein "klarer Nutzen" dieser IT-Unterstützung für die Praxis wird durchaus skeptisch gesehen. So bewerten zum Beispiel nur 30 % der Mediziner die Zusammenführung von Tracking-/Wearable-Daten aus Fitnessarmbändern in die digitale Gesundheitskarte als eindeutig positiv. Den meisten Ärzten ist es wichtig, dass Apps mit therapeutischer oder diagnostischer Funktion auf ihren Nutzen geprüft werden. 80 % verlangen einen Nachweis des Nutzens mit klinischen Studien, so wie es bei Medikamenten üblich ist. Ein etwas höherer Anteil von 84 % kann sich eine Art TÜV vorstellen, um eine unabhängige Prüfung zu gewährleisten.

Digital gestützter Hausbesuch ist der Renner

Mehr noch als die Finanzierungsfrage beschäftigt der Wunsch nach einer Regulation. Drei Viertel der Ärzte legen mehr Wert auf eine geregelte Evaluation digitaler Anwendungen und sehen die Finanzierung eher nachrangig. Gerade bei Thema Online-Coaching werden die Unterstützungsangebote der Pharmaindustrie von 46 % der Befragten skeptisch beurteilt. Mehr Vertrauen genießen hier laut DAK-Befragung Krankenkassen als Partner. Gut zwei Drittel der Ärzte wären demnach bei einem entsprechenden Coachíngangebot dabei.

Eine besonders hohe Zustimmungsrate verzeichnet das Szenario digital gestützter Hausbesuche. 97 % der befragten Ärzte halten es für realistisch, dass zukünftig ähnlich dem Modell "Schwester Agnes" eine zertifizierte Pflegekraft zum Beispiel mittels Tablet Fotos einer Wundbehandlung zur Befunderhebung und Dokumentation direkt beim Patienten vor Ort macht. Die hohe Zustimmungsrate in diesem Bereich spricht einerseits für den Realitätssinn der niedergelassenen Ärzte angesichts des fortschreitenden Ärztemangels in strukturschwachen Versorgungsgebieten. Andererseits arbeitet die DAK bei der Versorgung chronischer Wunden bereits mit diesem Modell. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Neues E-Health-Gesetz ist angekündigt

Deutschland brauche einen Masterplan, um den Aufbau der Telematikinfrastruktur zu beschleunigen und die Interoperabilität von Systemen im Gesundheitswesen herzustellen, fordert die DAK. Jährliche Fortschrittsberichte sollten ein weiterer Teil dieses Plans sein. Eine Entwicklung der Digitalisierung sei dringend, die Ankündigung des Bundesministeriums für Gesundheit, in der aktuellen Legislaturperiode ein E-Health-Gesetz II zu entwickeln, mache Hoffnung, dass es hier vorangehe.



Autor:
Hans Glatzl

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2018; 40 (6) Seite 22-24