Wie immer im Winter ist die Praxis gut gefüllt mit schniefenden und schnäuzenden Menschen. Ich nutze den – möglichst Handschlag-freien – Patientenkontakt nicht nur für Empfehlungen zur Symptomlinderung, sondern auch, um prophylaktische Strategien an die Frau oder den Mann zu bringen, was durchaus dankbar angenommen wird.

Beratungsproblem: Erkältung
Patienten, die sich mit Husten, Schnupfen oder Halsschmerzen quälen, bevölkern zu dieser Jahreszeit die hausärztlichen Wartezimmer in besonderem Maße. Und sie erwarten sich oft mehr von ihrem Doc als eine AU: die Versicherung, dass es wirklich nur ein banaler Infekt ist, die Verordnung oder wenigstens die Empfehlung eines hilfreichen Medikaments oder Tipps für bewährte Hausmittel, nicht zuletzt einen Rat, wie Ansteckungen künftig vermieden werden könnten. Wie gehen Sie mit diesen Wünschen um und was ist Ihre persönliche Strategie, haben wir einige Hausärzte gefragt. Die Antworten stellen wir Ihnen in dieser und den nächsten Ausgaben vor.

Patienten mit eindeutigen Erkältungssymptomen verweise ich grundsätzlich mit einer ausholenden Armbewegung und ohne näheren Kontakt auf den Besucherstuhl meines Sprechzimmers. Und überhaupt: demonstratives Händewaschen war einmal, außer nach direkter Kontamination mit infektiösem Material. Dafür desinfiziere ich meine Hände nach jedem Patienten, regelmäßig reinige ich auch mein Stethoskop, meinen Telefonhörer, Computertastatur und -maus. Die bekannten neuralgischen Punkte der Praxis nehmen sich meine Mitarbeiterinnen regelmäßig vor, bei laufender Sprechstunde und vor den Augen der Patienten. Das macht Eindruck und das erwartete Händeschütteln wird meist von selbst mit einer abwehrenden Geste unterlassen: "Besser nicht, Sie müssen ja unbedingt gesund bleiben!"

Schutz vor Viren: Was empfehle ich?

Patienten mit erhöhtem Gefährdungspotenzial für Infekte (Raucher, Pflegekräfte, Lehrer, Erzieherinnen, Handwerker in staubbelasteten Berufen) kläre ich intensiv über Selbstschutzmaßnahmen und vorbeugende Strategien auf. Raucher bekommen einen Kurzvortrag über ihr Zigarettenproblem und bekennende Nichtsportler werden auf die positiven immunologischen Effekte eines angemessenen Ausdauertrainings hingewiesen. Wer überwiegend in trockenen, überheizten Räumen arbeiten muss, sollte seine Nasenschleimhaut auch in der infektarmen Jahreszeit durch eine Funktionspflege mit befeuchtenden Rhinologika (Tabelle 1) unterstützen [1]. Patienten mit sehr staubbelasteten Berufen (Schreiner, Landwirt) können nach der Arbeit auch eine Nasenspülung machen, um die verstopfte Nase mechanisch von funktionshindernden Partikeln zu befreien. Vermutlich sollte diese Maßnahme aber nicht ständig erfolgen, um den natürlichen Immunschutz der Nasenschleimhaut nicht zu beschädigen. In der Nasenschleimhaut sitzen nämlich wichtige Immunzellen, deren Zusammensetzung sich verändert, wenn sie ständig ausgewaschen werden. Während zur Reinigungspflege isotonische Spüllösungen Verwendung finden, kommen hypertone Zubereitungen therapeutisch zum Einsatz.

Was tun, wenn die Nase zu ist?

Ist der Infekt schon da, eine ernsthafte Nasennebenhöhlenentzündung ausgeschlossen und die Nasenatmung durch dickflüssiges Schnupfensekret behindert (Abb. 1), kann durch die Anwendung hypertoner Salzlösung und deren osmotischen Effekt die Nase ohne Schnäuzen frei gemacht werden. Das ist wichtig, weil so das Risiko einer Weiterleitung der Keime über die Eustachische Röhre in das Ohr verringert werden kann. Mit einem Merkblatt (Abb. 3) werden die Patienten über die entsprechenden Modalitäten einer Nasenspülung instruiert.

Halsschmerzen als Beratungsproblem

Durch Studien ist belegt, dass der Patient selbst bei einer banalen Erkältung die Sicherheit sucht, dass nichts Ernstes vorliegt. Patienten mit starken Halsschmerzen wollen vor allem wissen, ob es sich um eine bakterielle Infektion handelt, die den Einsatz eines Antibiotikums notwendig machen würde. Diese Möglichkeit kann durch eine exakte klinische Untersuchung [2] zumindest stark eingeengt werden, was den Patienten erfahrungsgemäß sehr beruhigt. Liegt dann nur eine unkomplizierte, meist viral verursachte Pharyngitis (Abb. 2) vor, bringen in der Regel symptomatische Maßnahmen und vor allem Ruhe den Infekt zum Abklingen. Bewährt hat sich die Aushändigung eines Merkblattes (Abb. 4), wobei die meisten der dort genannten Hausmittel in vielen Ländern an vorderster Stelle traditioneller Selbstbehandlungsstrategien stehen, die von Betroffenen (auch Ärzten und MFA) bevorzugt werden [3, 4].

Selbstverständlich ist es wichtig, den Patienten sowohl bei Schnupfen wie auch bei Halsschmerzen für potenzielle "Red flags" zu sensibilisieren. Bei besonders besorgten Patienten kann zur Reduzierung überflüssiger Antibiotikaverordnungen eine Strategie der "verzögerten Verordnung" (delayed-prescribing) zum Einsatz kommen, d. h. es werden verbindliche Optionen über den Zeitpunkt einer Antibiotikaverordnung festgelegt (keine Besserung innerhalb einer Woche, zunehmendes oder hohes Fieber, sich verschlechternder Allgemeinzustand). In den meisten Fällen reicht dies zur Beruhigung des Patienten aus und gibt dem Arzt die Sicherheit, eine eventuell doch noch notwendig werdende antibiotische Behandlung nicht versäumt zu haben.


Literaturnachweis
Meyer F. Was lässt trockene Nasen aufatmen? Der Allgemeinarzt 26 (2004) 16: 1002 - 1005
Meyer F, Beck C, Baum E, Donner-Banzhoff N. Die Diagnose der Streptokokkentonsillitis. Kritische Prüfung diagnostischer Entscheidungsregeln.
Z. Allg. Med. 78 (2002) 5: 248 – 253
Thielmann A, Weltermann B. Prävalenz und Muster von Selbstbehandlungen bei Erkältungen (CoCo-Study): Ein Querschnittsurvey aus 14 Europäischen Ländern. Meeting Abstract (16degam282) in: http://www.egms.de/dynamic/de/meetings/degam2016
Afshar K, Hartung M, Junius-Walker U, Schneider N, Krause O. Was tun Hausärzte und Medizinische Fachangestellte, wenn sie selbst erkältet sind? – Ergebnisse einer Befragung beim Hannoveraner Tag der Allgemeinmedizin. Meeting Abstract (16degam 280) einsehbar in: http://www.egms.de/dynamic/de/meetings/degam2016


Autor:

Dr. med. Fritz Meyer

Facharzt für Allgemeinmedizin
Facharzt für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde
Ernhährungsmedizin (KÄB)
86732 Oettingen/Bayern

Interessenkonflikte: Der Autor hat keine deklariert.



Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2017; 39 (1) Seite 44-49