"Von Schnecken überholt" sieht Ulrich Weigeldt, der Bundesvorsitzende des Deutschen Hausärzteverbandes (DHÄV), das deutsche Gesundheitswesen mit Blick auf die schleppende Digitalisierung. Den Kollegen würden dadurch viele Tausend Arbeitsstunden verloren gehen. Mit Geniocare will der DHÄV den Hausärzten nun eine webbasierte Applikation zur Umsetzung und Abrechnung der Verträge zur Hausarztzentrierten Versorgung (HzV) jenseits der KV-Abrechnungssysteme anbieten.

Die Digitalisierung ist für Weigeldt "eine der größten Baustellen im deutschen Gesundheitswesen." Noch immer kämen zu wenig Lösungen in den Praxen an, um die Prozesse zu erleichtern, Strukturen effizienter zu gestalten. Eine "neuartige webbasierte Applikation" soll hier Abhilfe schaffen. Teil dieser Applikation werden unter anderem auch verschiedene Funktionalitäten, wie beispielsweise ein umfassendes Medikationsmanagement, sein, welche die digitalen Prozesse in den Hausarztpraxen zukünftig deutlich vereinfachen werden", so die Erwartung. Als zentrales Hindernis sieht Weigeldt, dass die Verantwortlichen im Kollektivsystem seit vielen Jahren nicht in der Lage seien, die notwendige Telematikinfrastruktur zur Verfügung zu stellen. Dies scheitere unter anderem daran, dass sich die Akteure innerhalb der Gematik nicht auf einheitliche Standards zur Ausgestaltung einigen können. Der DHÄV-Chef will das Thema für den nächsten Koalitionsvertrag auf die Agenda setzen.

"Rohrkrepierer" Videosprechstunde

Deutliche Kritik übt der Deutsche Hausärzteverband auch an der Umsetzung der Videosprechstunde, die seit April diesen Jahres Teil des GKV-Leistungskataloges ist. Aufgrund der vielen Vorgaben und Regelungen sei das Projekt ein "Rohrkrepierer". "Deswegen haben wir uns entschlossen, selbst aktiv zu werden", so Weigeldt. Ein Beispiel hierfür sei gerade Geniocare, das gemeinsam mit Hausärzten und MFA entwickelt und speziell auf die Hausarztpraxis zugeschnitten wurde. Die Verärgerung über den unbefriedigenden Stand der Technik sitzt tief, wie Jens Wagenknecht, Mitglied im Vorstand des DHÄV, anmerkt: "Wir arbeiten uns wund in der Verwaltung unserer Patienten." Die technologischen Praxissysteme seien "sehr alt" und andererseits überfrachtet. "Das System soll "nur das machen, was wir brauchen und nicht, was andere denken, dass wir brauchen."

Weigeldt begründet den Vorstoß damit, dass die Gesellschaft für Telematik sich seit Jahren selbst blockiere "und aktuell einen KV-Konnektor gebiert mit dem Risiko, dass es erneut nicht klappt. Wir gehen dagegen vom Workflow in den Praxen aus. Wir sind spät dran, aber immer noch schneller als die anderen", räumt der DHÄV-Chef ein. Derzeit seien 16.000 Ärzte in den HzV-Verträgen aktiv. Mit Geniocare komme "… zusätzliche Bewegung rein und wir werden im vierstelligen Bereich landen", gibt sich Weigeldt zuversichtlich, den betriebswirtschaftlichen Break-even schon bald zu erreichen.

Abrechnung per Mausklick

Die Abrechnung sollte jederzeit per Mausklick zu erledigen sein. Eine Vielzahl von unterschiedlichen Verträgen hätten in der Vergangenheit die Entwicklung bei der HzV verzögert. Erklärtes Ziel ist es, alle Verträge gleich abzuwickeln. Die neue Applikation laufe im Browser, parallel zum normalen Arztinformationssystem, und könne deshalb "auch problemlos mobil, beispielsweise auf dem Tablet-PC, genutzt werden. Außerdem ermögliche es diese Basis, das gesamte Medikations- und Formularwesen digital zu nutzen.

Mit Geniocare könnten zukünftig sämtliche Vollversorgungsverträge zur Hausarztzentrierten Versorgung in einer Applikation abgerechnet werden. Es handelt sich dabei nicht um ein umfassendes Arztinformationssystem, sondern diene insbesondere der Leistungserfassung und Abrechnung der Vollversorgungsverträge zur Hausarztzentrierten Versorgung. Geniocare wird den Hausärzten im Verlauf des dritten Quartals 2017 angeboten. Die Kosten für den Praxiseinsatz belaufen sich auf 49 Euro monatlich.

"Unsere künftigen datenschutztechnischen Vorkehrungen und die datenschutzrechtliche Bewertung sind bereits auf die ab Frühjahr 2018 geltende Datenschutz-Grundverordnung der EU ausgerichtet", versicherte Dr. Lutz Kleinholz, Geschäftsführer der egopulse Deutschland GmbH, die Geniocare mitentwickelt hat. Geniocare funktioniere komplett webbasiert und erfordere daher keine zusätzliche Hardware oder Installationen. Die Updates würden automatisiert eingespielt. "Eine normale Internetverbindung reicht aus, um das Produkt nutzen zu können. Das wird die Abläufe in den Praxen deutlich vereinfachen", so Kleinholz abschließend.

Was ist Geniocare?

Geniocare ist eine webbasierte Applikation, mit der Hausärzte die Vollversorgungsverträge zur Hausarztzentrierten Versorgung erfassen und abrechnen können.

Können Hausärzte mit Geniocare auch ihre KV-Abrechnung machen?

Nein! Für die KV-Abrechnung wird weiterhin die bisherige Praxissoftware genutzt.

Welche technischen und Hardware-Anforderungen stellt Geniocare?

Geniocare ist eine webbasierte Applikation, die im Browser läuft und parallel zur Praxissoftware genutzt werden kann. Die Hausärzte benötigen keine zusätzliche Hardware.

Können Hausärzte ihre Drucker und Kartenleser mit Geniocare verbinden?

Ja! Zur Anbindung ihres Kartenlesegerätes und zur Druckersteuerung wird eine Steuerungs-komponente installiert, die sowohl das Kartenlesegerät wie auch die Drucker mit Geniocare verbindet.

Wie können Hausärzte Geniocare in einer Gemeinschaftspraxis nutzen?

Geniocare ist geeignet für alle Praxisformen und bietet den Hausärzten eine einfache Vergabe der Zugriffsrechte für das gesamte Praxisteam.

Kann Geniocare auch unterwegs genutzt werden?

Geniocare ist eine webbasierte Applikation und läuft per Internetverbindung im Browser. Hausärzte können Geniocare sowohl in ihrer Praxis als auch beim Hausbesuch, mit ihrem Tab-let-PC oder iPad, ihrem Smartphone oder ihrem Desktop-Rechner nutzen. Damit sind sie immer mobil und unabhängig.

Was für eine Internetverbindung wird benötigt, um Geniocare nutzen zu können?

Um Geniocare nutzen zu können, reicht eine normale Internetverbindung.

Wie wird die Sicherheit bei der Übertragung der Daten gewährleistet?

Die Datenübertragung erfolgt ausschließlich über sicher verschlüsselte Verbindungen. Die über-tragenen Daten werden auf extra gesicherten ausfallsicheren Servern gespeichert und zudem über automatisierte Backups gesichert. Die künftigen datenschutztechnischen Vorkehrungen und die datenschutzrechtliche Bewertung sind bereits auf die ab Frühjahr 2018 geltende Daten-schutz-Grundverordnung der EU ausgerichtet.

Was kostet Geniocare?

Geniocare wird zum Fixpreis von 49 Euro pro Monat zzgl. 19 % MwSt. pro Praxis angeboten. Alle HzV-Verträge sind verfügbar. Es entstehen keine Bereitstellungskosten. Alle Updates inklusive Medikationsmanagement erfolgen automatisiert und kostenfrei.

Ab wann ist Geniocare verfügbar?

Die App kann im Laufe des dritten Quartals 2017 bestellt werden. In den ersten zwei Quartalen kann man dann die webbasierte Applikation kostenlos nutzen.




Autor:
Hans Glatzl

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2017; 39 (19) Seite 37-38