Die meisten jungen Hausärzte werden sich in den Ergebnissen der jüngsten repräsentativen Umfrage des Digitalverbands Bitcom und der Bayerischen TelemedAllianz (BTA) sehr gut wiederfinden. Viele ältere Hausärzte werden eher skeptisch sein. Denn die Hauptbotschaft der 1.000 befragten Bundesbürger könnte eindeutiger nicht sein: Die Potenziale der Digital Health liegen brach und müssten weit mehr als bislang ausgeschöpft werden.

Belege hierfür gibt es zur Genüge: So nutzen zwar bereits 45 % der Bürger Gesundheits-Apps. 45 % tun dies zwar noch nicht, könnten es sich aber gut vorstellen. Untersuchungsergebnisse auf CD erhalten erst 32 % aller Patienten, 43 % könnten sich aber mit solchen digital hinterlegten Dokumenten durchaus anfreunden. Noch stärker ist die Diskrepanz zwischen Wunsch und Realität bei der Erinnerung an Termine oder Untersuchungen per SMS oder E-Mail. 14 % werden bereits auf diese Weise informiert, mehr als dreimal so viele Patienten (45 %) könnten sich solche Kommunikationswege durchaus vorstellen. Ganz am Anfang steht die Online-Sprechstunde mit dem Arzt. Immerhin 27 % aller Patienten würden eine Online-Sprechstunde durchaus befürworten, lediglich jeder 100. Patient hat damit aber bisher Erfahrungen gesammelt.

Elektronische Patientenakte

Ein Ergebnis, von dem junge wie ältere Hausärzte unabhängig von ihrer Einstellung zu Digital Health in gleicher Weise profitieren würden, sticht aber besonders ins Auge: 60 % aller Patienten befürworten eine elektronische Patientenakte, die relevante Daten über ihre Gesundheit enthält (etwa über die Medikation) und die in gleicher Weise von ihnen selbst wie auch vom Hausarzt genutzt werden könnte. Eindeutiger könnte ein Auftrag an die Politik gar nicht ausfallen. Doch genau hier hakt es. Denn bisher fehlt eine klare Ansage an die Praxen, wie sie ihre nicht unbeträchtlichen Investitionen in die Technik refinanzieren können. Notwendig hierfür sind ein Konnektor, onlinefähige Kartenlesegeräte und ein Zugangsdienst zu einem geschlossenen Netzwerk (Virtual Private Network, VPN). Doch jetzt wird vonseiten der Politik der Druck erhöht. Finden Vertragsärzte, Kassen und auch die KBV bis Mitte 2018 nicht in die Spur, drohen Honorarkürzungen oder Sanktionen.

Blockieren nützt nichts

Die Gesundheitskarte wird also wohl kommen und man kann sogar die Prognose wagen, dass sich die Arztpraxen in den nächsten 10 Jahren immer mehr zu kleinen IT-Unternehmenspraxen verändern werden. Überrollen lassen sollten sich die Ärzte aber nicht von den digitalen Entwicklungen. Wenn heute bereits 20 % der Ärzte auf Drängen von Patienten, die im Internet auf neue Medikamente oder Therapien gestoßen sind, ihre Behandlung daraufhin umstellen, läuft etwas aus dem Ruder. Und auch bei schwerwiegenden Erkrankungen wie Tumoren oder manifesten Depressionen stoßen z. B. Gesundheits-Apps rasch an ihre Grenzen. Diese Realität sollten die Digital Natives schon zur Kenntnis nehmen. Aber auch die notorischen Skeptiker, die mit ihrer Blockadehaltung schon heute viele Potenziale für ihre Hausarztpraxis und damit für ihre Patienten verspielen, sollten endlich die Zeichen der Zeit hin zur digitalen Praxis erkennen, meint

Ihr
Raimund Schmid



Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2017; 39 (10) Seite 28