Im ungarischen Héviz liegt der größte biologisch aktive Thermalwassersee der Welt. In jeder Minute sprudeln 20.000 Liter Wasser aus der Quelle. Aus den Tiefen der Erde bringt das Wasser seine heilsamen Wirkstoffe mit, das sind vor allem Schwefel und das leicht radioaktive Radon. Aber auch Mineralstoffe wie Magnesium, Kalzium und Bikarbonat sind kraftvolle Mittel gegen jede Art von Gelenkbeschwerden, berichtet unser Autor Martin Glauert.

Bereits die lebensfreudigen Römer aalten sich tagsüber im bis zu 34 Grad warmen Wasser und vergnügten sich abends in Weinkellern, die heute noch als Museum zu besichtigen sind. Eigentlich unverständlich, dass erst im Jahre 1795 der ungarische Graf Festetics auf die Idee kam, hier wieder ein Badehaus zu errichten. Nur zu gern nutzten anfangs die Bauern aus der Umgebung die Gelegenheit, ihre Knochenbeschwerden zu lindern. Rasch sprach sich die erstaunliche Wirkung des Wassers herum, schon bald kamen auch betuchte und vornehme Patienten von weit her.

Wellness mit Gesundheits-Check

Inzwischen ist Héviz ein regelrechtes Mekka für Menschen aus ganz Europa geworden, die Linderung von ihren Schmerzen suchen. Darauf hat der Ort sich eingestellt. Statt einfacher Pensionen erwarten den Besucher heute elegante Hotels, die meist über eine eigene Ther-malquelle und eine regelrechte Badelandschaft verfügen. Das geht freilich deutlich über das übliche Wellness hinaus. Auf Wunsch kann sich der Gast einem gründlichen Gesundheits-Check unterziehen und dann entsprechend behandeln lassen. In einigen Hotels stehen Kardiologen, Orthopäden und Rheumatologen bereit, und manchmal ist sogar ein "Life-coach" dabei, eine Mischung aus Psychotherapeut und Lebensberater. Dabei muss man nicht befürchten, Quacksalbern in die Hände zu geraten. Die ungarische Medizinausbildung dauert neun Jahre und gilt als eine der anspruchsvollsten Europas.

Man kann sich nur wünschen, dass die Krankenhäuser im Land genauso gut ausgestattet sind wie die Hotels. Der Katalog der Anwendungen macht einen fast schwindelig: Mikrowelle und Massagen sind selbstverständlicher Standard, doch das Angebot geht noch viel weiter: Diadynamischer Strom, Magnettherapie und Hydrogalvantherapie im Vierzellenbad helfen gegen Gelenk- und Nervenschmerzen. In der Kryosauna setzt sich der Patient zwei Minuten lang einer eisigen Kälte von minus 110° Celsius aus, um Beschwerdelinderung zu erreichen. Das findet man in Deutschland nur in Rheuma-Zentren. Daneben stehen Therapien zur Auswahl, die man selbst als Mediziner noch nie gehört hat. Beim "Ionozon" umhüllt ein Gasgemisch aus Ozon und CO2-Dampf den Körper, die "Hydrosun-Therapie" arbeitet mit wassergefilterter Infrarot-A-Strahlung. Eine "Vitalfeld-Therapie" beruft sich auf Forschungen der NASA und wird als "das größte Versprechen der zukünftigen Medizin" gepriesen, indem sie die verringerte elektromagnetische Aktivität der Erde auf zellulärer Ebene wieder ausgleichen soll. Wem das alles zu abgehoben und zu anstrengend erscheint, kann sich ins "Hamam für 1001 Nacht", ins ägyptische Rasul oder ins "Champagnerbad für Paare" zurückziehen. Kein Wunder, dass manche Gäste während des gesamten Aufenthaltes ihr Hotel kein einziges Mal verlassen!

Langanhaltende Linderung

"Allein das Wasser ist das Geheimnis!", holt uns Frau Dr. Veronika Moll auf den Boden zu-rück. Sie ist rheumatologische Chefärztin und Spross einer alteingesessenen Ärztedynastie in Hévíz. Im Heilwasser des Thermalsees liegt Schwefel gelöst und gleichzeitig als Gas vor, dazu tut das leicht radioaktive Radon seine Wirkung. Einzigartig ist die meterdicke Schicht aus Torfschlamm, durch die heilsame Huminsäuren nach oben geschwemmt werden. "Diese Stoffe werden beim Baden eingeatmet und gleichzeitig durch die Haut aufgenommen", erklärt die Ärztin. "Die leichte Bewegung im warmen Wasser tut den Gelenken und Muskeln gut." Aus ihrer langjährigen Erfahrung weiß sie, dass in der ersten Woche oft eine Erstverschlimmerung eintritt, Beschwerden nehmen zu, die Besucher sind schon nachmittags todmüde. Ab der zweiten Woche tritt dann die Besserung ein, die erstaunlich lange anhält. Ein halbes Jahr lang, manchmal bis zu ein Jahr können Patienten auf ihre Schmerzmittel oft gänzlich verzichten. Ungefragt schwärmen die Menschen auf den Badeliegen von der Wirkung des Gesundbrunnens. Manche kommen seit zehn Jahren regelmäßig immer wieder hierher, "weil es so guttut, warum sonst?" Überzeugender als alle Komplimente ist die Abstellkammer im Hotel Europa. Sie ist vollgestellt mit Krücken und Rollatoren, die geheilte Patienten einfach vergessen haben.

"Ist das was für mich?" – Indikationen für eine Kur in Héviz
  • Ganz oben stehen die schmerzhaften Verschleißerkrankungen des Bewegungsapparates, also die Arthrose der Knie, Schultern und der Hüftgelenke, chronische Rückenschmerzen und Bandscheibenleiden. Durch Heilbäder wird die Beweglichkeit verbessert und die Schmerzen werden so gut gelindert, dass oft monatelang keine Medikamente mehr eingenommen werden müssen. Das Gleiche gilt für Gicht und Osteoporose.
  • Auch entzündlicher Gelenkrheumatismus kann in seinem Verlauf günstig beeinflusst werden.
  • Nach Knochenbrüchen, Verletzungen und orthopädischen Operationen wird die Heilung beschleunigt.
  • Quälende Hautkrankheiten wie Schuppenflechte und Neurodermitis sprechen erstaunlich gut auf den Schwefel und die Huminsäuren des Wassers an.
  • Neu dagegen sind Patienten, die mit Erschöpfungssyndromen und Stresserkrankungen kommen und in der heilsamen Natur Ruhe und Erholung erfahren. Ihre Zahl steigt in den letzten Jahren rapide an. Die Thermalbäder haben offensichtlich eine beruhigende und entspannende Wirkung auf das vegetative Nervensystem. Das spürt jeder an der wohltuenden Müdigkeit, die einen nach dem Bad überkommt!

Die gesetzlichen Krankenkassen erstatten grundsätzlich die Kosten, die sie auch in Deutschland übernehmen würden. Die Beantragung und Bewilligung der Kur müssen vor Reiseantritt erfolgen. Der Kurgast muss sämtliche Leistungen zunächst in Vorkasse selbst bezahlen und reicht sie nachträglich bei der Krankenkasse ein. Deshalb unbedingt alle Rechnungen aufheben!

Wenn der See am Körper zieht

Jetzt sind wir neugierig und wagen einen Selbstversuch – natürlich im See! Umgeben von altmodischen hölzernen Badehäusern aus der Kaiserzeit lassen sich die Menschen entspannt in bunten Schwimmringen zwischen Seerosen und Entenfamilien treiben. Wir aber wollen es wissen und riskieren das Gewichtsbad, die epochale Erfindung von Dr. Károly Moll, der damit weltberühmt wurde. Die "subaquale Traktion" ist die Spezialität des Heilbads. Wir bekommen einen Hüftgürtel mit schweren Gewichten umgelegt, auch an den Fußgelenken ziehen Bleikilos gnadenlos in die Tiefe hinab. Dass wir dort nicht versinken, verhindern lediglich die Gurte am Nacken, die den Kopf über Wasser halten. Zwanzig Minuten hängen wir so bewegungslos im warmen Wasser. Der ganze Körper streckt sich, die Muskeln entspannen, wir vergessen alles um uns herum. Wieder an Land, schwerelos wie Astronauten, sind die Rückenschmerzen wie weggehext. Das hat teuflisch gutgetan!Martin Glauert

Reiseinformationen
Die längste Erfahrung mit Kuren in Héviz hat "Mutsch Ungarn Reisen". Ein besonderer Service ist die kostenlose Haustürabholung für jeden Reisenden, der innerhalb von 80 km um die Startflughäfen Berlin, Frankfurt, Düsseldorf, Hamburg oder Friedrichshafen wohnt. Der Transfer zum Hotel in Heviz ist im Preis inbegriffen. Adresse: Mutsch Reisen Ungarn, Pettenkoferstr. 43, 10247 Berlin. Telefon 030-42800083. E-Mail: info@mutsch-reisen.de

Neben privaten Pensionen gibt es in Héviz mehrere Sterne-Hotels, die über eigene Thermalquellen und Therapiebereiche verfügen. Empfehlung: Hotel Europa Fit, Chefärztin Frau Dr. Veronika Moll, http://www.europafit.hu .

Weitere Auskünfte: http://www.badheviz.de , http://www.ungarn-tourismus.de



Autor:
Martin Glauert


Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2018; 40 (10) Seite 82-84