In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung hat ein Radiologe die Einführung einer Männerquote unter Medizinstudierenden gefordert. Junge Frauen wären Männern hinsichtlich der Abiturnote zwar überlegen, brächen dann aber häufiger das Studium ab – oder übten nach dem Examen ihren Beruf nicht aus. Fertige Ärztinnen seien zu allem Überfluss dann bevorzugt halbtags tätig. Der radiologische Gastkommentator hat eine Flut an Leserbriefen ausgelöst.

Dem medizinischen Nachwuchsmangel mit Quotenregelungen zu begegnen, scheint aktuell in Mode zu sein – 2016 sollte noch die Landarztquote ländliche Regionen vor der drohenden Unterversorgung retten. 2017 würde das Nachwuchsproblem demnach durch eine garantierte Mindestzahl an Männern gelöst? Einflussreiche Player aus Medizin und Politik haben sich bisher allerdings nicht zustimmend geäußert. Dennoch fällt auf, dass die sogenannte Feminisierung der Medizin in Medien und Politik vor allem als Herausforderung betrachtet wird. Wird die Männerquote also zu Recht diskutiert?

Mit der ohnehin niedrigen Abbruchquote unter Medizinstudierenden kann man den Mangel an Ärztinnen und Ärzten sicher nicht erklären. Nach einer Studie von Heublein (2010) ist es zudem nicht das Geschlecht, das zum Studienabbruch führt, sondern vor allem Leistungsprobleme und schlechte Studienbedingungen. Ein Jahr nach dem Examen gehen außerdem 90 % aller AbsolventInnen einer Erwerbstätigkeit nach – hierunter dürften auch zahlreiche Ärztinnen sein. 170.685 berufstätigen Ärztinnen, die 2015 tagtäglich in deutschen Krankenhäusern und Arztpraxen die medizinische Versorgung sicherstellten, standen 11.397 Ärztinnen gegenüber, die in Elternzeit bzw. ausschließlich im Haushalt tätig waren. Ausgeblendet wird bei der Diskussion um Frauen in der Medizin, dass die Notwendigkeit der Kinderbetreuung zeitlich begrenzt ist. Selbst die engagierteste Mutter wird den Nachwuchs in Schule und Adoleszenz entlassen müssen.

Arbeiten Ärztinnen tatsächlich weniger als ihre männlichen Kollegen? Laut einer Umfrage des Zentralinstituts für Kassenärztliche Versorgung von 2013 arbeiteten niedergelassene Ärztinnen durchschnittlich 2.116 Stunden pro Jahr. Bei 232 Arbeitstagen im Jahr 2013 (unter der Voraussetzung einer 5-Tage-Woche, inkl. 28 Tagen Urlaub und 8 Tagen Wochenend- oder Feiertagsarbeit) wären das 9,1 Stunden pro Tag. Bei ihren männlichen Kollegen sind es 10,5 Stunden pro Tag – und damit nur eine Stunde pro Tag mehr. Nach Angaben des Bundesamtes für Statistik entscheiden sich zudem immer mehr ÄrztInnen der jüngeren Generation für eine Teilzeittätigkeit – und dies unabhängig vom Geschlecht. Nicht zuletzt qualifizieren sich Frauen häufiger in genau dem Fach, das in Deutschland am nötigsten zur Sicherstellung der medizinischen Versorgung gebraucht wird – der Allgemeinmedizin!

Das Gerede über eine Männerquote unter Medizinstudierenden ist ebenso abwegig wie die künstliche Problematisierung von erfreulich vielen Frauen in der Medizin.


Sandra Blumenthal

Ärztin in Weiterbildung



Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2017; 39 (7) Seite 34