John Wesley (1703–1791) war ein englischer Theologe, ein Erweckungsprediger und Religionsstifter. Berühmt geworden ist er als Gründer der methodistischen Kirche. Weitgehend unbekannt ist, dass von all seinen Schriften ausgerechnet ein kleines medizinisches Buch zum Bestseller wurde. „Primitive Physic“ war eines der populärsten Bücher Englands im 18. Jahrhundert und kann durchaus als erstes Handbuch für Allgemeinmedizin gelten. Unser Autor und Hausarzt Martin Glauert hat sich auf eine Spurensuche gemacht.

John Wesley muss ein tiefgläubiger, aber mindestens ebenso eigenwilliger Mensch gewesen sein. Obwohl Priester der anglikanischen Kirche, hatte er doch keine eigene Pfarrei, sondern predigte abwechselnd in den Gotteshäusern seiner Kollegen. Denen wurde es irgendwann zu bunt mit dem frommen Eiferer, und er erhielt Hausverbot. Seine unbändige missionarische Energie brachte Wesley auf eine Idee, die damals als revolutionär und geradezu ungeheuerlich empfunden wurde: Von nun an ritt er auf einem Pferd durchs ganze Land und predigte unter freiem Himmel!

Ein hartnäckiger Prediger

Nicht nur auf den Marktplätzen der idyllischen Dörfer Südenglands trifft man ihn, wo er auf offene Ohren der gläubigen Landbevölkerung stößt. Auch in die Zechentäler von Wales wagt er sich und zu den Arbeitern der Baumwollfabriken Nordenglands. Die industrielle Revolution hat ein verarmtes Proletariat geschaffen, das sich von der Gesellschaft verraten fühlt. Elend, Trunksucht und Gewalt herrschen in den wachsenden Industriestädten. Und da kommt so ein frommer Pfaffe, predigt Tugend und Enthaltsamkeit, Glaube und Demut! Oft wird er niedergebrüllt, mit Steinen und Exkrementen beworfen, mehrfach muss er fliehen und kann nur mit Mühe sein Leben retten. Am nächsten Tag aber steht er wieder da und verwandelt mit seiner Ausstrahlung und Hartnäckigkeit auch die erbittertsten Gegner. Am Abend lassen sich Hunderte taufen.

Auf seinen weiten Reisen lernt John Wesley das Leben der einfachen Leute kennen. Überall begegnet er Armut und Krankheit. Ärztliche Behandlung oder gar Medizin kann sich kaum einer leisten. Ebenso besorgt wie um das Seelenheil seiner Schäfchen ist Wesley um ihre Gesundheit. Er hält die Ohren offen und sammelt das medizinische Volkswissen, traditionelle Therapien und überlieferte Rezepte. 1747 veröffentlicht er sein Buch unter dem Namen „Primitive Physic“, was so viel heißt wie „ursprüngliche Heilkunst“. Der Untertitel verspricht „eine einfache und natürliche Methode, die meisten Krankheiten zu kurieren“.

Krankheiten von A bis Z

Genau 288 Krankheitsbilder werden aufgezählt und über 900 Therapien und Rezepte zu ihrer Heilung empfohlen. Das wirksamste Medikament wird zuerst benannt, dann folgt eine Aufzählung der Reservemittel, in dem Bewusstsein, dass jeder Fall und jeder Patient unterschiedlich ist und eine individuelle Therapie erforderlich sein kann. Das Spektrum der aufgeführten Leiden ist so bunt und breit gefächert wie das Leben selbst. Syphilis und Schlaganfall findet man ebenso wie Blindheit und Brustkrebs, Tollwut und Tinnitus. Von der Lepra bis zur Glatze – für alles hält das Buch therapeutische Ratschläge bereit. Besonders ausführlich werden die Krankheiten besprochen, die damals (und teilweise heute) in England offenbar weit verbreitet waren: Husten, Schwindsucht und Rheumatismus. Dass auch Hundebisse, Flöhe und Wanzen eigene Kapitel haben, mag mit den unliebsamen Erfahrungen zusammenhängen, die Wesley auf seinen Reisen machte.

Medizin für die Allgemeinheit

Allgemeinmedizin bedeutet bei John Wesley aber nicht nur die Behandlung eines breiten Krankheitsspektrums, sondern auch, allgemeinverständlich zu sein und die notwendige Therapie der Allgemeinheit zugänglich zu machen. Damit tritt er bewusst in einen offenen Konflikt zu den Ärzten seiner Zeit. Die haben die Medizin zu einer abgehobenen, teilweise abstrusen Wissenschaft gemacht. Sie konstruieren geheimnisvolle Zusammenhänge, sprechen von Miasmen, bauen Philosophie und Astrologie in ihre Lehre ein – und das alles nur, um ihre Honorare in die Höhe zu treiben. Die Medikamente sind entsprechend undurchsichtige Mischungen und ebenso unerschwinglich.

John Wesleys Konzept ist radikal alternativ: „safe, cheap, and easy“ – das heißt: Alle Heilmittel sind natürlich, billig und für jedermann einfach zu bekommen. So verwendet er Honig, Pflaumen, Limonade und Lakritz für unterschiedlichste Erkrankungen. Brennnessel, Zimt und Zwiebeln gehören zu seinem Erste-Hilfe-Kasten. Besonders rührend ist die Empfehlung, bei Magenschmerzen eine Katze auf dem Bauch schlummern zu lassen.

Skurrile Therapien …

Natürlich ist Wesley ein Kind seiner Zeit, deshalb erscheinen uns seine Therapien teilweise skurril. Bei "hysterischer Kolik" empfiehlt er kalte Bäder oder warme Limonade, "im Extremfall koche drei Unzen von Klettensamen in Wasser und verabreiche es als Klistier, oder 20 Tropfen Laudanum in einem passenden Klistier, das gibt rasche Linderung." Esssucht, „wenn sie ohne Erbrechen einhergeht, wird oft geheilt durch ein kleines bisschen Brot, in Wein getunkt und an die Nase gehalten.“ Keuchhusten war offenbar häufig und auch damals schon hartnäckig und langwierig. Dementsprechend füllen die Empfehlungen zwei ganze Seiten. „Benutze das kalte Bad täglich, oder reibe die Füße vor dem Zubettgehen gründlich mit Schweineschmalz vor dem Feuer, und halte das Kind darin warm. Oder reibe den Rücken im Liegen mit altem Rum ein. Das misslingt selten. In verzweifelten Fällen hat alleine eine Luftveränderung geheilt. „Gegen Irrsinn wird ein Sud von Ackerkraut viermal täglich“ empfohlen, „oder reibe den Kopf mehrmals täglich mit Essig ein, in dem gemahlene Efeublätter aufgelöst wurden.“

… mit ernstem Hintergrund

Man amüsiert sich heute beim Lesen und tut das Ganze schnell als Quacksalberei ab. Dann aber stolpert man über Stellen, bei denen man sich die Augen reibt. So heißt es bei der Behandlung des Skorbuts: „Ernähre dich einen Monat lang von Steckrüben, oder nimm morgens und abends einen oder zwei Löffel voll Zitronensaft und Zucker. Das ist ein wertvolles Mittel und gut erprobt.“ Tatsächlich sind Steckrüben ebenso wie Zitronen ein wertvoller Lieferant von Vitamin C, dessen Mangel ja Skorbut hervorruft. 200 Jahre bevor die genauen biochemischen Zusammenhänge erkannt wurden, benennt Wesley hier die korrekte Therapie!

Überhaupt wirkt seine Auffassung ausgesprochen modern, mit seinem naturheilkundlichen und ganzheitlichen Medizinverständnis läge er heute voll im Trend. Unermüdlich betont er, dass vor allem der richtige Lebenswandel Voraussetzung für einen gesunden Körper ist. Das liest sich fast wie in einem der Fitness- und Wellnessmagazine, die in unseren Wartezimmern ausliegen. „Vermeide stark gewürzte Speisen und trinke Wasser in Mengen. Vermeide Kaffee und Tee, aber ein kleines Bier kannst du dir genehmigen. Sorge für reichlich Bewegung und frische Luft. Iss mehr Gemüse als Fleisch. Trage nicht zu viele Kleider.“

Wo ist die Evidenz?

Ganz selbstverständlich hebt er die Trennung von somatischen und psychischen Erkrankungen auf. Hysterie, Bulimie, Wahnsinn und Tobsucht werden ebenso selbstverständlich abgehandelt wie Erkältung, Krebs und Würmer. Damit entfällt die Stigmatisierung psychischer Erkrankungen, was selbst in unserem doch so aufgeklärten Zeitalter noch nicht gelungen ist.

Absolut ungewöhnlich, geradezu revolutionär für seine Zeit ist der sozialpolitische Aspekt seines Wirkens. Er nannte es ganz einfach christliche Nächstenliebe. Während seine Zeitgenossen die sozialen Missstände als gottgegeben hinnahmen, setzten sich die Methodisten von Anfang an für die Versorgung armer Familien, für Arbeitsbeschaffung und hygienische Lebensverhältnisse ein. Wesley gründet Armenapotheken und die ersten „free clinics“ des Königreichs, in denen auch Mittellose kostenlos behandelt werden.

Und da ist noch eine frappierend moderne Idee. Zwar schöpft Wesley aus dem Erfahrungsschatz der Volksmedizin, doch er geht noch einen entscheidenden Schritt weiter: Alles muss auf den Prüfstand! Überlieferte Rezepte schön und gut, aber sie müssen der empirischen Verifikation standhalten. Hat das Mittel wirklich gewirkt? Welche Behandlung ist die beste? Wesley befragt die Kranken und schreckt auch vor Selbstversuchen nicht zurück. Das wertvollste Prädikat in seinem Buch ist daher die kleine Bemerkung „tried“ – selbst ausprobiert! Damit wird er zu einem Vorläufer unserer heutigen evidence-based medicine.

Bei allem missionarischen Eifer und medizinischem Selbstbewusstsein blieb er realistisch. Der letzte Satz mancher ausgeklügelten Therapieanleitungen lautet: „Rufe unverzüglich einen guten Doktor!“


Therapievorschläge aus Wesleys „Primitive Physic“

Schwindsucht

  • Kalte Bäder haben viele schwere Fälle von Schwindsucht geheilt: ausprobiert.
  • Nimm keine Nahrung außer frischer Buttermilch, in einer Flasche gequirlt, und Weißbrot. Ich weiß, es ist erfolgreich.
  • Oder: mische einen halben Liter Magermilch mit einem Viertelliter Bier. Koche in dieser Molke etwa 20 Efeublätter und 2 oder 3 Schösslinge Ysop. Trinke die Hälfte in der Nacht, den Rest am Morgen. Tu dies, falls nötig, zwei Monate lang täglich. Dies hat in einem hoffnungslosen Fall Heilung gebracht. Ausprobiert.
  • Oder schneide jeden Morgen einen kleinen Soden aus der frischen Erde, lege dich nieder und atme eine Viertelstunde lang in das Loch hinein.
  • Oder wirf Weihrauch auf brennende Kohlen und atme den Rauch täglich durch eine passende Röhre in die Lungen. Ausprobiert.

Apoplex

  • Im Anfall füge eine Hand voll Salz in einen halben Liter kaltes Wasser und, wenn möglich, gieße es dem Patienten in den Hals. Er wird schnell wieder zu sich kommen.
  • Reibe den Kopf, Füße und die Hände kräftig und lass zwei starke Männer den Patienten aufrecht vorwärts und rückwärts durch den Raum tragen.

Essucht

  • Wenn sie ohne Erbrechen einhergeht, wird sie oft geheilt durch ein kleines bisschen Brot, in Wein getunkt und an die Nase gehalten.

Glatze

  • Reibe den Teil morgens und abends mit Zwiebeln, bis er rot ist. Reibe ihn danach mit Honig.
  • Oder elektrifiziere ihn täglich.

Mundkrebs

  • Mische so viel verbranntes Alaun und so viel schwarzen Pfeffer, wie auf einem Sixpence liegen kann, mit einer Unze Honig und betupfe die Stelle damit oft.
  • Oder blase die Asche von scharlachrotem Tuch in Mund oder Rachen. Es misslingt selten.

Keuchhusten

  • Benutze das kalte Bad täglich,
  • oder reibe die Füße gründlich mit Schweineschmalz vor dem Feuer vor dem Zubettgehen, und halte das Kind darin warm. Ausprobiert.
  • Oder reibe den Rücken im Liegen mit altem Rum ein. Das misslingt selten.
  • In verzweifelten Fällen hat alleine eine Luftveränderung geheilt.

Schwindel oder Schwimmen im Kopf

  • Erbrich dich ein- oder zweimal.
  • Oder, an einem Morgen im Mai, gegen Sonnenaufgang, schnuppere täglich den Tau auf Malvenblättern.

Lethargie

  • Schnupfe starken Essig die Nase hoch.

Syphilis

  • Nimm eine Unze Quecksilber jeden Morgen und ein Glas voll Schwefelwasser um 5 am Nachmittag. Ich kannte eine Person, die hiervon geheilt wurde, an der Schwelle des Todes, infiziert von einer unreinen Krankenschwester.

Tobsucht

  • Wickel um den Kopf Tücher, die in kaltes Wasser getaucht wurden,
  • oder setze den Patienten mit dem Kopf unter einen großen Wasserfall, solange seine Kraft es zulässt,
  • oder gieße Wasser auf seinen Kopf aus einem Teekessel,
  • oder lass ihn einen Monat lang nichts als Äpfel essen.

Martin Glauert

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2015; 37 (20) Seite 98-101