Als sie 1954 mit ihrem „Fiat-Ferkelställchen“ Hausbesuche fuhr, war sie ganze 29 Jahre jung und hatte bereits 3 ihrer 4 Kinder. Am 12. März 2015 feiert Prof. Dr. Waltraut Kruse ihren 90. Geburtstag – und kümmert sich immer noch um einige ihrer treuen Patienten.

Für die Jahre ihres Medizinstudiums in Danzig und Frankfurt am Main sowie ihrer Weiterbildung in den Fächern Gynäkologie, Pädiatrie, Chirurgie und Innere hatten die Soziologen in den 1940er- und 1950er-Jahren noch nicht den Begriff von der „Work-Life-Balance“ erfunden. Organisieren und Anpacken waren damals angesagt, oft genug auch Zurückstecken, Verzichten oder gar Beigeben. 1949 hatte Ehemann Dr. med. Herbert Kruse in einem Randgebiet von Aachen eine Hausarztpraxis gegründet, in der seine Frau mitarbeitete. Immer mehr wurden „neben dem ganz normalen Wahnsinn der Sprechstunde“ die Psychotherapie und Autogenes Training, insbesondere mit Kindern, zu ihrem Neigungsschwerpunkt.

Charmant und hartnäckig

Als ihr Mann 1985 starb und ihr Sohn Thomas in die Praxis eintrat, da hatte Waltraut Kruse bereits seit 9 Jahren einen Lehrauftrag für Allgemeinmedizin und war seit 2 Jahren Honorarprofessorin an der RWTH Aachen. Zahlreiche Doktorarbeiten wurden von ihr betreut. 1976 gründete sie die „Westdeutschen Psychotherapieseminare“ („mein ureigenstes Kind“), die bis 2012 zeitweise 2 500 Teilnehmer anzogen.

1989 trat sie die Nachfolge des Übervaters der Allgemeinmedizin, Prof. Siegfried Häußler, als Vorsitzende der Vereinigung der Hochschullehrer und Lehrbeauftragten für Allgemeinmedizin (VHLA) an. Dieses Amt übte sie bis 2005 aus. Unvergesslich sind die sogenannten „Dekansymposien“ in München mit prominenten Gast- und Diskussionsrednern sowie die Seminare „Lehre und Didaktik“ in Köln. Unermüdlich gelang es ihr, Sponsorengelder für diese aufwendigen Veranstaltungen zu gewinnen. Unentwegt verwandte sie sich für „ihre“ Lehrbeauftragten bei den Hochschulvertretern, die der Allgemeinmedizin gegenüber häufig noch skeptisch eingestellt waren. Als Türöffner ein kleiner Blumengruß oder ein recht persönlicher Brief, immer jedoch ein charmantes Lächeln und eine umwerfende Hartnäckigkeit: „Als ältestes von 7 Kindern hab ich das zwangsläufig gelernt“, sagt sie heute.

Wissenschaftlicher Nachwuchs als Herzensangelegenheit

Zusammen mit Prof. Schettler gab sie 1998 das „Handbuch der Allgemeinmedizin“ heraus. In 3 Auflagen erschien ihr Buch „Entspannung. Autogenes Training für Kinder“. Jahrelang war sie Fachvertreterin am Institut für medizinische und pharmazeutische Prüfungsfragen (IMPP) und Mitglied im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM). Mit einer leidenschaftlichen Rede eröffnete Kruse 2004 das 30. Symposium „Allgemeinmedizin und Hochschule“: „Die Allgemeinmedizin muss gegenüber den anderen wissenschaftlichen Fachdisziplinen ein größeres Gewicht erhalten. Dabei sollte die Hinführung zu einer wissenschaftlichen Tätigkeit unter keinen Umständen vernachlässigt werden. Ohne wissenschaftlichen Nachwuchs kann unser Fach keine Anerkennung finden, und der Nachwuchs muss aus unseren Lehr- und Forschungsbereichen kommen.“ Dieser visionäre Appell trägt heute seine Früchte.

Es waren die Patienten, die ihre Hausärztin ermunterten, in die Kommunalpolitik zu gehen: Gute 750 Jahre hat es gedauert, bis die Stadt Aachen 1979 eine Erste Bürgermeisterin hatte. Waltraut Kruse übte dieses Amt bis 1989 aus. Zu den alljährlichen Feiern des Aachener Karlspreises schüttelte sie vielen gekrönten und ungekrönten Häuptern, nationalen Staatsmännern und ausländischen Gästen die Hände. Anerkennungen und Auszeichnungen blieben nicht aus: Verdienstorden des Landes NRW, Goldener Ehrenring der Stadt Aachen (1995), Ehrenvorsitzende der Gesellschaft der Hochschullehrer für Allgemeinmedizin (GHA)(2005) oder jüngst die Paracelsus-Medaille der deutschen Ärzteschaft.

Ruhe und Gelassenheit

„Ich bin ein Familienmensch“, sagt Waltraut Kruse gegenüber der Zeitschrift Der Allgemeinarzt. Und ihre 4 Söhne können es bestätigen. Besonders gepflegt wurden bei Kruses die Hausmusikabende. Die Mutter am Klavier oder Cembalo, unterstützt von den Söhnen – 3 von ihnen ehemalige Regensburger Domspatzen. „Manchmal kamen da um die 100 Gäste zu uns. Da war ganz schön was los.“ Die Söhne – 3 Ärzte und ein Ordinarius für Gerontologie – treffen sich einmal im Jahr ganz privat zu ihren „Emser Gesprächen“. Da wirkt der gute Geist der familiären Kohärenz weiter.

„Meine Mutter hat sehr, sehr viel gearbeitet und sich wahnsinnig für die Patienten eingesetzt. Noch abends hat sie durch die Gegend telefoniert, wenn´s kritisch wurde“, erinnert sich heute Thomas, der 63-jährige Allgemeinarzt, dessen Sohn gerade dabei ist, als Arzt in Weiterbildung in die Fußstapfen des Vaters zu treten. Waltraut Kruse ist überzeugt, dass sie ein Satz des indischen Nobelpreisträgers Rabindranath Tagore geprägt habe: „Ich schlief und träumte, das Leben wäre Freude. Ich erwachte und sah, das Leben war Pflicht. Ich handelte, und siehe, die Pflicht war Freude.“ Vielleicht aber hat Brigitte Herrmann, Kruses langjährige rechte Hand im Sekretariat, recht: „Die jahrzehntelangen Entspannungsverfahren mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, die sie heute noch mit einzelnen Patienten übt, haben sicherlich dazu beigetragen, dass Frau Kruse eine gewisse Ruhe und Gelassenheit ausstrahlt, was aber nicht unbedingt mit ihrer bis heute spürbaren außerordentlichen Lebendigkeit zu tun hat.“

Herausgeber und Redaktion der Zeitschrift Der Allgemeinarzt wünschen der rüstigen Jubilarin und Hausärztin aus Leidenschaft, die auf ein imposantes Lebenswerk zurückblicken kann, weiterhin diese Beschaulichkeit mitten in der Aktion.


Frank H. Mader


Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2015; 37 (5) Seite 34-35