Die Angst, lebendig begraben zu werden, ist uralt. Grausige Funde und medizinische Fachberichte erzählen von verzweifelten Kämpfen in dunklen Grüften. Lebendig im Sarg zu liegen, solche Fälle hat es offenbar tatsächlich gegeben. Eine Ursache war sicherlich das Unvermögen, den Eintritt des Todes, mithin das Erlöschen aller körperlichen Funktionen, exakt zu bestimmen. Der Arzt Martin Glauert hat nachgeforscht.

"Tot ist tot!" – Das klingt endgültig und eindeutig. "Ein bisschen tot" gibt es nun mal nicht – oder doch? Zumindest in Märchen und Sagen erwachen Menschen aus dem Todesschlaf, klopfen von innen an den Sarg oder steigen aus ihrem Grab. Unter Gebildeten galt das freilich als Phantasie und Fabulieren des einfachen Volkes. Das änderte sich schlagartig, als der französische Arzt Jean Jacques Bruhier 1742 seine Dissertation über "Die Unsicherheit der Kennzeichen des Todes" veröffentlichte. Auf 500 Seiten listete er in wissenschaftlichem Ton jede Menge schockierende Vorfälle auf, bei denen Verstorbene oder Totgeglaubte wieder zum Leben erwachten. Hingerichtete werden vom Galgen abgenommen und laufen einfach davon, ein blutender Trompeter entsteigt dem Grab, die verblichene Großmutter erhebt sich vom Totenlager. Als das Buch 1754 auf Deutsch erschien, löste es eine gewaltige akademische Diskussion über den Scheintod aus. Neben aller reißerischen und anekdotischen Übertreibung aber ist Bruhiers Grundaussage richtig: "Die Anzeichen des Todes sind trügerisch. Ein jeder ist in Gefahr, zu früh und damit lebendig begraben zu werden. Einzig die Fäulnis zeigt den sicheren Tod an."

Eine Glocke soll Alarm schlagen

Dieser letzte Satz hatte politische Konsequenzen. Auf Drängen von Christoph Wilhelm Hufeland wurde 1792 in Weimar das erste Leichenhaus in Deutschland gebaut. "Vitae dubiae asylum", stand über dem Eingang, "Asyl des ungewissen Lebens". Hier sollten alle Leichen aufgebahrt werden, bis die Verwesung eintrat. Ähnliche Häuser entstanden bald in vielen Städten, trotzdem breitete sich im Volk plötzlich eine lawinenartige Panik vor dem Scheintod aus. Unerträglich war die Vorstellung, in schwärzester Dunkelheit in einem engen, stickigen Sarg aufzuwachen, hilflos und verlassen, ohne die geringste Aussicht auf Rettung. Wie also konnte man verhindern, lebendig begraben zu werden?

Der Pfarrer Benjamin Georg Peßler entwickelte 1798 seinen "Leicht anwendbaren Beystand der Mechanik, um Scheintodte beym Erwachen im Grabe auf die wohlfeinste Art wieder daraus zu erretten". Peßler schlug vor, dass jeder Leichnam in seinem Sarg über ein feines Seil direkt mit der Glocke der Friedhofskapelle verbunden werden sollte. Bewegte sich der erwachte Scheintote, würde automatisch die Glocke geschlagen und die Umwelt alarmiert. Andere Särge wurden mit Röhren oder Schloten ausgestattet, die aus der Erde ragten und die Luftversorgung sichern sollten, falls der Doch-nicht-Tote im Grab erwachte. Aufwendiger waren mechanische Särge mit Drehtüren oder gar der Sicherheitssarg, der es dem Bestatteten ermöglichte, gegebenenfalls durch Betätigen einer Schnur einen Mechanismus auszulösen, durch den sich der Sarg selbstständig aus dem Boden graben sollte.

Stich ins Herz macht alles klar

Die radikalste Maßnahme war der Herzstich. Um sicherzugehen, dass wirklich der Tod eingetreten war, sollte der Arzt vor Ausstellung des Totenscheins mit einem speziell dafür angefertigten Instrument die Brust des Verstorbenen durchbohren. Wie ein gebogener Schraubenzieher sieht das Werkzeug aus, angenehm liegt der Mahagonigriff in der Hand, die Spitze aber ist messerscharf geschliffen. Der Herzstich hatte jedoch einen Nachteil: Falls der Patient nur scheinbar tot war, war er es nach dem Eingriff sicherlich!

Tot auf dem Schein oder nur scheintot?
In Deutschland werden nach Einschätzung des Rechtsmediziners Wolfgang Huckenbeck pro Jahr mindestens zehn Scheintote beerdigt. Der Scheintod ist definiert als komatöser Zustand mit Bewusstlosigkeit, Muskelerschlaffung, dem Fehlen von Reflexen und dem scheinbaren Fehlen von Atmung und Puls. Bei Unterkühlung, Vergiftung oder Stoffwechselentgleisungen kann solch ein Zustand leicht eintreten.

Um den Scheintod sicher ausschließen zu können, darf man sich niemals auf unsichere Todeszeichen verlassen, als da sind: Blässe der Haut, Abnahme der Körperwärme, Atemstillstand, Herz-Kreislauf-Stillstand, fehlende Pupillenreaktion, Muskelatonie.

Nur bei Vorliegen eines sicheren Todeszeichens ist ein Scheintod ausgeschlossen! Sichere Todeszeichen sind: Totenflecke (livores), Totenstarre (rigor mortis), Fäulnis (Autolyse), Körperzerstörungen, die nicht mit dem Leben vereinbar sind. Schließlich der Hirntod, erkennbar an dem Fehlen aller Hirnströme. Allerdings fällt es durchaus schwer, einen hirntoten Menschen, dessen Herz unter künstlicher Beatmung weiter schlägt und dessen Organe noch funktionieren, als wirklich tot zu empfinden.

Schöner wäre es doch, einen Scheintoten einfach ins Leben zurückzuholen. Dies war der Beginn der Reanimation. Das therapeutische Repertoire der Ärzte erscheint aus heutiger Sicht allerdings eher wie eine Folteranleitung. Leopold Berchtold empfahl 1791 die Erweckung "durch einen in die Ohren geblasenen Trompetenschall, grosses und oftmaliges Geschrey ins Ohr, besonders von einer Sache, die den Scheintodten sonst am aufmerksamsten machte, zum Beispiel weckt den Geizigen Geschrey von Räubern, vielleicht das Scheppern von Geld". Scharfe und heiße Klistiere nach Spezialrezepten wurden dem Patienten in Mund oder Darm gespritzt, allein die komplizierte Zubereitung dauerte wohl Stunden. Heißer Lack wurde auf die Haut getropft, mit scharfen Instrumenten fügte man dem armen Opfer schmerzhafte Wunden zu. Einige Ärzte schlugen die Trepanation, also das Aufbohren des Schädels, bei Scheintoten vor, "um den gestauten Druck der Lebenskraft zu lindern und das Leben wieder zu wecken". Oft genug führten diese gut gemeinten Torturen nicht zur Erweckung, sondern bedeuteten den letzten Todesstoß für den Patienten.

Strom lässt die Muskeln zucken

In Italien führten Galvani und Volta Experimente mit elektrischer Spannung an Tieren durch. Wenn Elektrizität sogar die Muskeln von Fröschen, denen man Kopf und Herz entfernt hatte, wieder lebendig zucken ließ, lag in ihr offenbar das Geheimnis aller Lebenskraft. Charles Kite erfand 1788 einen elektrischen "Apparatus for resuscitation victims of appareant death", Christoph Wilhelm Hufeland promovierte 1783 mit einer Arbeit "De usu vis electricae in Asphyxia". Giovanni Aldini ging in seinen Versuchen weiter als seine Kollegen zuvor. "Ich legte die beiden Menschenköpfe also horizontal auf einen Tisch mit dem Halse zusammen. Ich steckte in das rechte Ohr des Einen und das linke des Andern einen Leiter, und es war äußerst merkwürdig, die Grimassen und Gesichtsverzerrungen beider Köpfe gegeneinander zu sehen", notierte er lakonisch. Am 17. Januar 1803 stellte Aldini in London Versuche an der Leiche des soeben gehängten Mörders Thomas Forster an. Sein Ziel, den Toten durch Stromstöße wieder zum Leben zu erwecken, gelang leider nicht.

Bertolt Brecht war vorsichtig

Das alles ist doch längst überwunden, ein skurriles Kapitel der Medizingeschichte? Weit gefehlt! Noch heute findet man beim Deutschen Patentamt zehn Einträge mit der Erfindung eines "Sarges zum Überleben". Die letzte Konstruktion dieser Art wurde 1999 unter der Nummer WO 1999023988 A2 patentiert. Der Sarg verfügt über interne Bewegungsmelder, Infrarot-Wärmemesser und ein Mikrofon. Empfangen sie einen Impuls, wird über der Erde ein akustisches und optisches Alarmsignal ausgelöst. Gleichzeitig wird im Sarg die Beleuchtung eingeschaltet und eine eingebaute Sauerstoffreserve freigesetzt.

Und was wurde aus dem makaberen Herzstich? Bertolt Brecht, der knallharte Realist, ein Protagonist der Aufklärung, verfügte noch 1956, dass nach seinem Tod ein Stich durchs Herz getrieben werden sollte, um den Tod auch wirklich sicherzustellen. Seine größte Sorge nämlich war, scheintot begraben zu werden. Die Anweisung wurde wunschgemäß ausgeführt!

Das Museum für Sepulkralkultur in Kassel ( http://www.sepulkralmuseum.de ) zeigt noch bis zum April 2017 die Ausstellung „Vita dubia – Über die Ungewissheit des Todes und die Angst, lebendig begraben zu werden“.



Autor:
Martin Glauert

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2017; 39 (3) Seite 86-88