Auf dem DEGAM-Kongress vor einigen Monaten wurde die Marburger Professorin und niedergelassene Allgemeinärztin Erika Baum zur neuen Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin gewählt. Der Allgemeinarzt wollte von ihr wissen, welche Ziele sie sich für ihre Amtszeit gesetzt hat und wo die Fachgesellschaft in den nächsten Jahren hinsteuert.

Der Allgemeinarzt: Frau Prof. Baum, nach 50 Jahren DEGAM sind Sie die erste Frau an der Spitze der Fachgesellschaft. Ist das vielleicht auch ein Symbol dafür, dass auch die Allgemeinmedizin weiblicher wird?

Prof. Baum: Eigentlich ist das nur ein Frage der Emanzipation, und es ist ja inzwischen auch gesellschaftlich akzeptiert, dass Frauen Führungspositionen übernehmen. Für mich ist das aber gar nichts Besonderes mehr, ich hatte ja bis vor Kurzem auch den Lehrstuhl für Allgemeinmedizin an der Universität Marburg inne. Aber natürlich ist es schon seit einigen Jahren so, dass sich Strukturen ändern – auch weil immer mehr Frauen in die Medizin streben. Heute will man auch als Hausärztin nicht mehr rund um die Uhr verfügbar sein, sondern auch Zeit für die Familie haben. Das machen auch die Männer längst nicht mehr mit. Es gibt heute mehr Kooperationen und man teilt sich die Arbeit anders ein. Und um es klar zu sagen: Die Mär, dass Frauen weniger arbeiten würden als die Männer, stimmt so auch nicht. Natürlich arbeiten Frauen gerade am Anfang, während sie Kinder großziehen, womöglich etwas weniger in der Praxis, vielleicht auch nur halbtags, aber das holen sie dann umso mehr hinterher wieder auf und sie halten länger durch.

Beim DEGAM-Kongress in Frankfurt stellten Sie die Frage, wie es mit der DEGAM weitergeht. Welche Themen stehen da für Sie im Vordergrund, was muss die DEGAM anpacken?

Für mich ist wichtig, dass wir die im Jahr 2012 postulierten und nach wie vor aktuellen Zukunftspositionen der DEGAM umsetzen. An erster Stelle steht dabei, dass die Allgemeinmedizin das Kernfach in der Medizin wird. Alle anderen Fächer haben sich inzwischen total diversifiziert und sind in Untergruppen zerfasert. Nur die Allgemeinmedizin bietet noch den Überblick, den man gerade im Studium braucht, um seinen Weg in der Medizin zu finden. Natürlich fürchten andere da um ihre Claims, aber vom Arbeitsauftrag her ist die Allgemeinmedizin am nächsten dran an dem, was die Studierenden brauchen. Die Stärkung der Allgemeinmedizin im Studium ist dabei ein kontinuierlicher Prozess. Und mit dem Masterplan Medizinstudium 2020 sind wir da bereits auf einem guten Weg. Der sollte nun ja eigentlich schon längst verabschiedet sein, aber noch hakt es an zwei Punkten: der von einigen wenigen geforderten Landarztquote – von der die DEGAM gar nichts hält – und der Tatsache, dass die Kultusminister gesagt haben, sie hätten kein zusätzliches Geld für die Umsetzung. Man kann nur hoffen, dass der Masterplan noch in dieser Legislaturperiode realisiert wird, aber ich wage derzeit keine Prognose, ob das klappen wird. Im Frühjahr 2017 werden wir im Übrigen ein Spitzentreffen aller Lehrstuhlinhaber für Allgemeinmedizin in Deutschland durchführen, bei dem wir uns untereinander besser abstimmen wollen im Hinblick auf die Kompetenzzentren und den Masterplan, auch um uns hier nicht auseinanderdividieren zu lassen.

Was ist Ihnen sonst noch wichtig?

Ein weiterer Punkt, der mir sehr am Herzen liegt, ist die Weiterbildung. Denn nur über eine gute Weiterbildung, wie z. B. über die Kompetenzzentren, bekommen wir sehr gut qualifizierte Ärzte, die gut vorbereitet sind für diese spannende Arbeit in der Allgemeinmedizin. Dazu müssen wir die Weiterbildung noch besser strukturieren, um sie für möglichst viele akzeptabel zu machen. So sollten möglichst alle einen Rotationsplan und Begleitseminare bekommen. Wichtig ist zudem, dass wir die Weiterbildung bundesweit vereinheitlichen. Im Prinzip ist sie ja überall gleich, aber was dann wo anerkannt wird, kann sehr unterschiedlich sein. Das ist ein Problem, das wir beseitigen sollten.

Wie sehen Sie die Stellung der Allgemeinmedizin im Gesundheitswesen?

Da sprechen Sie einen wunden Punkt an. Denn hier nehmen wir leider zunehmende Erosionsbestrebungen wahr. Ein typisches Beispiel ist die Diskussion um die Einführung der sogenannten spezialisierten geriatrischen Versorgung. Dabei wissen wir doch: Je mehr ein Versorgungssystem fragmentiert ist, umso ineffizienter ist es. Gerade deshalb ist eine starke Stellung der Allgemeinmedizin im Gesundheitssystem so wichtig. Und die Allgemeinmedizin muss sich dieser Aufgabe auch stellen, statt die Patienten zum Spezialisten weiterzuleiten. Dazu gehört auch, dass wir die Patienten so schulen, dass sie viele ihrer Probleme selber managen können. Und auch unsere nicht-ärztlichen Mitarbeiterinnen können eine Menge Funktionen übernehmen, die uns Hausärzte beim Bewältigen dieser wichtigen Aufgabe entlasten. Das Ziel der DEGAM ist hier, auf der politischen Ebene Überzeugungsarbeit zu leisten. Fakt ist nun einmal, dass wir innerhalb unserer ärztlichen Standesorganisationen nicht mehr die Mehrheit haben und sie auch in den nächsten Jahren nicht mehr bekommen werden. Das heißt, wir kämpfen hier gegen bestimmte Partikular-
interessen. Wir müssen aber für bessere Strukturen sorgen. Und wenn die Selbstverwaltung dies nicht schafft, dann muss eben die Politik sich einschalten.

Die DEGAM führt ja die "Familienmedizin" schon seit vielen Jahren im Namen. So richtig wahrgenommen hat man das aber bisher nicht. Ist es denn richtig, dass auf dem nächsten Ärztetag die Bezeichnung "Facharzt für Allgemeinmedizin und Familienmedizin" beschlossen werden soll?

Ja, das stimmt. Das soll so in der neuen Weiterbildungsordnung stehen. Eigentlich sollte die schon vor zwei Jahren beschlossen werden. Mit etwas Glück wird es vielleicht dieses Jahr tatsächlich so weit sein. Wir wollen damit klarmachen, dass in der Regelversorgung die gesamte Familie beim Hausarzt ist. Das heißt nicht, dass alle Familienmitglieder beim Hausarzt in Behandlung sein müssen, aber der Arzt muss die Familien immer mitdenken. Ich sehe darin auch eine Verbreiterung unseres Spektrums und eine Aufwertung der Hausarztmedizin.

Frau Professor Baum, Sie sind ja nun seit Jahrzehnten in der Allgemeinmedizin tätig. Was ist für Sie das besonders Reizvolle an diesem Beruf?

Was ich für wichtig halte, ist, dass ich in der Allgemeinmedizin den ganzen Menschen behandeln kann. Und dass ich ihn lange Zeit begleiten kann. Dadurch besteht ein ganz besonderes Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient. Das gibt dann auch mir selbst Kraft z. B. in Palliativsituationen, und es gibt den Patienten die Sicherheit, die sie brauchen.



Das Interview führte Dr. Ingolf Dürr

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2017; 39 (4) Seite 28-30