Wie ist es um die Versorgung des alten und pflegebedürftigen Patienten im deutschen Gesundheitssystem bestellt? Welche Rolle kommt hierbei dem Hausarzt und seinem Praxisteam zu? Und was muss passieren, damit sich die Rahmenbedingungen in der Pflege und Patientenversorgung verbessern? Diese Fragen standen im Zentrum der berufspolitischen Podiumsdiskussion, zu der der Hausärzteverband Westfalen-Lippe im Rahmen seines Westfälisch-Lippischen Hausärztetages in Münster eingeladen hatte.

Nicht nur an Hausärzten mangelt es in Deutschland, auch in der Pflege kann man hierzulande von einem Notstand sprechen. "Und dieser Pflegenotstand ist wiederum auch für uns Hausärzte spürbar", betonte Anke Richter, 1. Vorsitzende des Hausärzteverbands Westfalen-Lippe, bei der Podiumsdiskussion in Münster. Als Diskutanten eingeladen waren unter anderem auch der neue NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann und der Bundesvorsitzende des Deutschen Hausärzteverbands (DHÄV), Ulrich Weigeldt.

Mehr Pflegekräfte ausbilden

Laumann, der schon einmal von 2005 bis 2010 Gesundheitsminister in NRW gewesen war und sich in der letzten Legislaturperiode auch als Patientenbeauftragter der Bundesregierung einen Namen gemacht hatte, stellte klar, dass es derzeit zu wenige qualifizierte Pflegekräfte gibt. Daran müsse man arbeiten, gleichzeitig müsse man aber auch die familiäre Pflege stärken. Denn ohne die sei das System nicht lebensfähig. Möglichkeiten, die familiären und professionellen Strukturen im Pflegebereich zu unterstützen, sieht Laumann unter anderem in der Bereitstellung von mehr Kurzzeitpflegeplätzen und einer Abschaffung der Grenze von maximal 80 Betten pro Pflegeheim. Hier sollte man die Einrichtungen doch örtlich entscheiden lassen, ob aufgrund der räumlichen Situation vor Ort auch mehr Betten machbar sind", erklärte er. Einen weiteren wichtigen Schritt sieht Laumann darin, den Pflegeschlüssel endlich evidenzbasiert zu berechnen. Und er wolle auch dafür sorgen, dass der kaufmännische Bereich der Pflegeheime sich nicht mehr in die Belange der Pflegeleitung einmischen darf.

Elementar sei es zudem, mehr Pflegekräfte auszubilden, so Laumann. In diesem Zusammenhang übte er heftige Kritik an den Krankenhäusern. Einerseits würden Pflegekräfte aus dem Ausland angeworben, um dem Fachkräftemangel zu begegnen, andererseits dächten viele Krankenhäuser nicht einmal darüber nach, ihre Pflegeschulen zu vergrößern. "Da wird man als Minister auch manchmal verrückt", gestand Laumann und betonte: "Ich bin es leid. Jeder, der sich in NRW vorstellen kann, Pflegekraft zu werden, muss auch einen Platz in einer Pflegeschule erhalten!" Ab 2020 werde sich das aber ohnehin ändern, denn dann komme die generalistische Pflegeausbildung. Und die liege dann nicht mehr in den Händen der deutschen Krankenhausgesellschaft.

Hausbesuche besser honorieren

Für DHÄV-Chef Ulrich Weigeldt ist eine gute Zusammenarbeit von Hausärzten und Pflegekräften für die optimale Patientenversorgung unerlässlich. "Pflegekräfte und Hausärzte haben beide mehr als genug zu tun. Es muss also darum gehen, wie man sich gegenseitig unterstützen kann. Eine Stärkung der Pflege ist gut für die Patienten und damit auch gut für die Hausärzte", so Weigeldt. Man müsse gute Heimstrukturen ermöglichen, aber man müsse auch ermöglichen, dass Patienten zu Hause bleiben können und dass diejenigen entlastet werden, die sich zu Hause um sie kümmern. Um eine gute hausärztliche Versorgung auch in den eigenen vier Wänden sicherzustellen, müssten beispielsweise die Hausbesuche deutlich besser honoriert werden als bisher, forderte Weigeldt.

VERAH® sind wichtige Schnittstelle

Dem Hausarzt und seiner speziell qualifizierten Medizinischen Fachangestellten kommt bei der ambulanten Versorgung des pflegebedürftigen Patienten eine zentrale Rolle zu. Die Versorgungsassistentin in der Hausarztpraxis – kurz VERAH® – biete die Möglichkeit der Delegation, erklärte Weigeldt. Sie könne dank ihrer Qualifizierung einige Hausbesuche und nicht-ärztliche Aufgaben übernehmen, den Hausarzt so entlasten und zur Schnittstelle zwischen dem Patienten und dessen Familie, dem Hausarzt und Pflegediensten werden.

Unterstützung erfuhr Weigeldt hier von Ilona Hüning, selbst VERAH® aus Lünen und Referentin bei VERAH®-Fortbildungen des DHÄV. "Versorgungsassistentinnen sind ein wichtiger Faktor bei der häuslichen Begleitung und Koordinierung der Pflege. Sie kennen die Wohnsituation, können ganz konkrete Hilfsmittel erfassen und nicht nur medizinisch, sondern auch psychosozial beraten", erklärte sie. Entscheidend ist dabei auch der fürsorgliche Aspekt. Die VERAH® sei für den Patienten eine absolute Vertrauensperson. Sie stelle den Kontakt nach draußen her und sei aus der Hausarztpraxis nicht mehr wegzudenken", so Hüning.

Dr. Jens Biesenbaum, frisch niedergelassener Facharzt für Allgemeinmedizin aus Löhne, setzt bei der Versorgung alter und chronisch kranker Patienten ebenfalls auf den Einsatz einer VERAH®. Insgesamt sei außerdem der Aspekt der Allgemeinmedizin als Familienmedizin elementar. "Ich behandle in meiner Praxis ganze Familien und mehrere Generationen. Aus diesem Vertrauensverhältnis heraus können wir nicht nur die medizinische Versorgung steuern, sondern auch besprechen, was der Patient selbst sich vorstellt", erklärte Biesenbaum. Patientenverfügungen seien dabei etwa ein wichtiges Thema. "Eins, das insgesamt viel zu selten und viel zu spät angesprochen wird", so Biesenbaum.

Wenig bis gar nichts hält Ulrich Weigeldt hingegen vom sogenannten Physician Assistent (PA), den er abfällig gerne auch als Arztgehilfen tituliert. Für den sehe er "im hausärztlichen Bereich keine Notwendigkeit". Karl-Josef Laumann stimmte ihm hier vollauf zu und ergänzte: "Statt so viel Zeit und Aufwand in die Ausbildung von PA zu stecken, kann man dies doch besser gleich in die Ausbildung von Ärzten investieren."

Digitalisierung ja, wenn sie dem Patienten nutzt

Einen Beitrag zur Sicherung der flächendeckenden Versorgung von alten und pflegebedürftigen Patienten könnte auch die Digitalisierung leisten, kann sich Minister Laumann vorstellen. "Videoschalten können hier ergänzen", erklärte er, "was allerdings nicht sein darf, ist, dass auf dem Land Videosprechstunden gemacht werden und sich in der Stadt die Ärzte tummeln." Digitalisierung sei nur dann sinnvoll, wenn sie dem Patienten nutze und nicht nur dazu diene, den Mangel zu verwalten. Er sei außerdem gespannt, wie sich der Deutsche Ärztetag im Mai zum Thema Fernbehandlungsverbot positioniere.

Hausärzteverbands-Chef Weigeldt zeigte sich beim Thema Digitalisierung eher skeptisch und verwies darauf, dass zunächst ohnehin erst die technischen Voraussetzungen geschaffen werden müssten: "Was nützt uns die Telemedizin, wenn man in strukturell schwierigen Gebieten keinen Empfang hat?" Hier hoffe er auf Impulse aus dem Gesundheitsministerium, damit die Menschen gerade in ländlichen Bereichen nicht abgehängt würden.

Weg mit der Budgetierung?

Ganz zum Schluss äußerte sich Laumann auch zu seinen Plänen, den Ärztemangel auf dem Land zu bekämpfen. So wolle er die Landarztquote rasch durchsetzen und darüber bereits zum kommenden Wintersemester 10 % aller Studienplätze an Studierende vergeben, die bereit seien, als Arzt in unterversorgten Gebieten zu arbeiten. Und: In diesen Regionen könne er sich auch vorstellen, die Budgetierung aufzuheben. Darüber werde er demnächst mit den Krankenkassen reden.

Dr. Ingolf Dürr


Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2018; 40 (7) Seite 34-36