Körperliche Aktivität kann gerade im Alter den Erhalt eines selbstständigen und gesunden Lebens unterstützen. Angesichts der älter werdenden Bevölkerung wird die Notwendigkeit besserer Präventionskonzepte deutlich. Eine aktuelle Studie hat nach den Bedürfnissen und Interessen älterer Patienten zur Aufnahme und Teilnahme an Gesundheits- und Fitnesskursen gefragt. Die Ergebnisse zeigen unter anderem, dass der Hausarzt sich in einer besonders günstigen Position befindet, um älteren Menschen Bewegungsangebote näherzubringen und zu ihrer Teilnahme zu motivieren.

Verschiedene Studien belegen den Wert einer regelmäßigen und systematischen körperlichen Aktivität vor allem im Alter [1]. Um ältere Menschen zu mehr Bewegung zu motivieren und sie für aktivierende Angebote längerfristig zu gewinnen, sind verschiedene Voraussetzungen zu erfüllen. Um passgenaue Bewegungsangebote erstellen zu können, ist zum einen eine gute Kenntnis der Interessen und Bedürfnisse älterer Menschen vonnöten. Zum anderen muss man funktionierende Wege finden, die Patienten anzusprechen, zu motivieren und zu gewinnen. In beiden Bereichen mangelt es an empirischen Erkenntnissen. Es existieren zahlreiche lokale und regionale Initiativen, welche aufgrund fehlender Kommunikation und mangels evidenzbasierter Planung häufig ins Leere laufen. Immer wieder wird davon ausgegangen, dass gerade Hausärzte eine entscheidende Rolle dabei spielen können, als vertrauensvoller und zielgerichteter Mediator für Gesundheits- und Fitness-Angebote zu fungieren.

Ältere überraschend fit und aktiv

Um einen Beitrag zu diesem Forschungsfeld zu leisten, hat das Zentrum für Allgemeinmedizin und Geriatrie der Universitätsmedizin Mainz im Rahmen einer Befragung den Status quo der Mobilität und sportlichen Ertüchtigung von über 70-jährigen hausärztlichen Patienten untersucht. Zwischen Oktober und November 2017 wurden 303 Fragebögen in sieben Landkreisen in Rheinland-Pfalz ausgegeben, wovon 100 Bögen ausgefüllt zurückgeschickt wurden.

Die Befragten bewerten ihren eigenen Gesundheitszustand als überwiegend gut (60 %), obwohl ein Teil angibt, gelegentlich unter Schmerzen zu leiden, welche die Beweglichkeit einschränken (57 %). Dennoch gehen 90 % der Befragten spazieren, wobei fast jeder Zweite (46 %) mehrmals die Woche unterwegs ist. Das Interesse an körperlicher Ertüchtigung stand in der Untersuchung im Vordergrund. Jeder vierte Befragte (24 %) gibt an, sich im Fitnessstudio sportlich zu betätigen, während 23 % ein Kursangebot zum Beispiel im örtlichen Sportverein wahrnehmen. Immerhin die Hälfte (50 %) gibt an, dass sie mehr für die eigene Gesundheit machen möchten beziehungsweise sich noch mehr sportlich betätigen wollen. Bei den über 70-jährigen Studienteilnehmern ist auffällig, dass Frauen mit Blick auf sportliche Betätigung andere Interessen als Männer haben. Sie besuchen häufiger Kursangebote und geben an, mehr Interesse an ruhigeren Sportarten wie Yoga oder Ausdauersport (70 %) und an Teamsport (63 %) zu haben.

Für die Befragten ist es kein Problem zu überblicken, welche Sport- und Bewegungsangebote es in ihrem Umkreis gibt (79 %). Dies deckt sich mit dem Befund, dass 80 % im Großen und Ganzen wissen, welche Bewegungs- und Gesundheitskurse bei ihnen vor Ort angeboten werden. Prinzipiell zeigt sich, dass bei den meisten Befragten durchaus ein Interesse vorhanden ist, selbst ein sportliches Kursangebot zu besuchen. Allerdings wird angegeben, dass ein wohnortnahes Angebot die Aufnahme erleichtert, da ein langer Anfahrtsweg nicht gerne in Kauf genommen wird (64 %). Ein moderater Kostenbeitrag stellt für 82 % kein Problem zur Aufnahme sportlicher Aktivität dar.

Hausarzt als Vermittler erwünscht

Mehrere Studien legen nahe, dass gerade der Hausarzt mit Blick auf Empfehlungen, die über die unmittelbare Diagnose und Therapie von Erkrankungen hinausgehen, besonderes Vertrauen bei Patienten genießt [2]. Dieses Vertrauen hat sich bei älteren Patienten zum einen über eine oft jahrelange Bindung zum Arzt aufgebaut [3], zum anderen kennt der Hausarzt die persönliche Situation seiner Patienten [4]. Es ist denkbar, dass ältere Menschen eine größere und nachhaltigere Akzeptanz von sportlichen Angeboten finden, wenn der Hausarzt hier eine entsprechende Vermittlerrolle einnimmt [2].

Die Ergebnisse der Befragung zeigen, dass hier großes Potenzial besteht. Gefragt nach dem Wert und der Vertrauenswürdigkeit verschiedener Quellen bekunden 90 % der Befragten, den Hausarzt als Ratgeber für sportliche Kursangebote als besonders glaubwürdig und verlässlich einzuschätzen. Damit liegt der Hausarzt deutlicher vor anderen Rat gebenden Instanzen wie Familienmitgliedern (74 %) oder etwa dem lokalen Wochenblatt (42 %). Dieser Befund wird durch die Aussage untermauert, dass 44 % der Befragten stärker an einem Kurs interessiert sind, wenn sie eine entsprechende Therapieempfehlung ihres Arztes hierzu bekommen.

Mittels einer ärztlichen Beratung können Patienten zur Aufnahme von Kursangeboten und damit zu mehr sportlicher Aktivität bewegt werden [5]. Allerdings gibt nur ein kleinerer Teil der Befragten an (27 %), von ihrem Arzt schon einmal eine Empfehlung zu mehr körperlicher Aktivität erhalten zu haben.

Möchte man die Leute für Gesundheits- und Fitnessangebote gewinnen, so kommt es auf die Ausgestaltung der Angebote und die Motivierung an [6–8]. Demnach sollte sich die Entwicklung solcher Bewegungs- und Gesundheitsangebote mehr an den Befindlichkeiten, Bedürfnissen und Interessen der Zielgruppe orientieren.

Der Hausarzt als Chance

Weiterhin wird es darauf ankommen, bessere Zugänge zu körperlicher Aktivität für ältere Menschen zu finden. So fehlt vor Ort oft die Möglichkeit, sich einen gebündelten Überblick über lokale Gesundheits- und Fitnessangebote zu verschaffen. Ferner gibt es keine Instanz, welche Gesundheits- und Fitnessangebote zielgerichtet, passgenau und mit hoher Glaubwürdigkeit vermitteln kann. Nicht nur die vorliegende Untersuchung, sondern auch erste Interventionsstudien geben Hinweise darauf, dass der Hausarzt als Mediator von Sportangeboten ein vielversprechender Ansatz sein kann, um diese Defizite zu überwinden [9, 10]. Er sieht seine Patienten nicht nur regelmäßig, auch das ihm entgegengebrachte Vertrauen ist sehr hoch [2, 3, 11].

Das hausärztliche Setting vereint verschiedene Vorteile, um Patienten sowohl zu einer Aufnahme als auch zu einer längerfristigen Wahrnehmung von individuell geeigneten Bewegungsangeboten zu motivieren [12–14]. Demnach würde der Hausarztmedizin eine stärkere Rolle bei der Vorsorge sowie der Gesundheitsförderung zufallen. Um jedoch eine adäquate Bewegungsberatung im Sinne der Prävention leisten zu können [2, 9, 10], wird eine Anpassung vorhandener Strukturen und Finanzierungsmodelle notwendig sein. Zudem kann sich der Hausarzt als Mediator für Bewegungs- und Gesundheitsangebote nur dann durchsetzen, wenn sich ein Informationssystem über lokal verfügbare Bewegungsangebote entwickelt. Erst auf Basis eines solch umfassenden Überblicks über regionale Angebote kann eine angemessene Empfehlung erfolgen.


Literatur
1. Schneider V. Bewegung. Gesundheitspädagogik: Einführung in Theorie und Praxis. Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden; 2017. p. 291-304.
2. Jens Kleinert JB, Christian Zepp, Katharina Glöckler,, Christoph Breuer EQPW. Aus der Arztpraxis in den Sportverein?
Herausforderung an eine ärztliche Präventionsempfehlung zur Veränderung des Bewegungsverhaltens
3. Bücker B, Mai A, Klaassen-Mielke R, Brach M, Wilm S, Platen P, et al. Einstellungen von Hausärzten zu einem Bewegungsprogramm für mobilitätseingeschränkte Ältere (HOMEfit) [Attitudes of Family Practitioners Towards an Exercise Program for Mobility-Limited Elderly (HOMEfit)]2017. 466-72 p.
4. Schers H, van den Hoogen H, Bor H, Grol R, van den Bosch W. Familiarity with a GP and patients‘ evaluations of care. A cross-sectional study. Family Practice. 2005;22(1):15-9.
5. Gabrys L, Jordan S, Behrens K, Schlaud M. Prävalenz, zeitliche Trends und regionale Unterschiede ärztlicher Bewegungsberatung in Deutschland [Prevalence, Current Trends and Regional Differences of Physical Activity Counselling in Germany]2016. 53-8 p.
6. Dapp U, Lorentz C, Laub S, Anders J, von Renteln-Kruse W, Minder C, et al. Im Alter aktiv und gesund leben – Ergebnisse einer repräsentativen Seniorenbefragung in Hamburg. Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie. 2009;42(3):245-55.
7. Becker S, Huy C, Brinkhoff KP, Gomolinsky U, Klein T, Thiel A, et al. "Ein aktives Leben leben" - Sport, Bewegung und Gesundheit im mittleren und höheren Erwachsenenalter - Konzeption, Datenerhebung und erste Ergebnisse eines repräsentativen Basis-Surveys für die 50-70-jährige baden-württembergische Wohnbevölkerung ["Living an active life" - Sports, exercise and health in middle-aged and older adults - An empirical database on physical activity, health behavior and lifestyle in the 50- to 70-year-old residential population of Baden-Wuerttemberg]. Gesundheitswesen. 2007;69.
8. Hoebel J, Finger JD, Kuntz B, Lampert T. Sozioökonomische Unterschiede in der körperlich-sportlichen Aktivität von Erwerbstätigen im mittleren Lebensalter. Bundesgesundheitsblatt - Gesundheitsforschung - Gesundheitsschutz. 2016;59(2):188-96.
9. Prüfer F, Joos S, Miksch A. Die Rolle des Hausarztes in der kommunalen Gesundheitsförderung. Prävention und Gesundheitsförderung. 2015;10(2):180-5.
10. Peters S, Schwab M, Faller H, Meng K. Schulung für Ärzte zur Bewegungsförderung bei Älteren. Prävention und Gesundheitsförderung. 2017.
11. Banzer W. Körperliche Aktivität und Gesundheit : Präventive und therapeutische Ansätze der Bewegungs- und Sportmedizin. Berlin, Heidelberg2017.
12. Hartmann-Tews I. Senior_innen in Bewegung – Beobachtungen zur Relevanz von Geschlecht und Alter in verschiedenen Sport-Settings. In: Sobiech G, Günter S, editors. Sport & Gender – (inter)nationale sportsoziologische Geschlechterforschung: Theoretische Ansätze, Praktiken und Perspektiven. Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden; 2017. p. 235-48.
13. Gabrys L, Thiel C, Saborowski G, Vogt L, Banzer W. Bewegungsberatung durch Experten aus der Sportwissenschaft. Eine Public Health Strategie zur Erhöhung körperlicher Aktivität bei speziellen Zielgruppen. Sportwissenschaft. 2013;43(1):12-9.
14. Bock C. Sport, Bewegung und kardiovaskuläre Prävention. In: Becker S, editor. Aktiv und Gesund? Interdisziplinäre Perspektiven auf den Zusammenhang zwischen Sport und Gesundheit. Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden; 2014. p. 195-217.


Autorin: Sophie Pillath
Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Allgemeinmedizin und Geriatrie
Universitätsmedizin Mainz
55131 Mainz

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2019; 41 (3) Seite 38-40