Der Mensch im Mittelpunkt? So lautete die zentrale Frage, mit der sich der 51. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) in diesem Jahr beschäftigen wollte. Neben der Präsentation aktueller Forschungsergebnisse sollten das hausärztliche Handeln zwischen Ansprüchen und Alltag hinterfragt und Erwartungen an eine moderne Hausarztmedizin formuliert werden.

Nicht nur alte Hasen trafen sich zum DEGAM-Kongress in Düsseldorf, mit rund 120 Studierenden und etwa 80 Ärzten in Weiterbildung zeigte auch viel allgemeinärztlicher Nachwuchs Interesse am Kongressprogramm, das von einem beachtlichen wissenschaftlichen Niveau zeugte, wie Kongresspräsident Prof. Dr. Stefan Wilm vom Institut für Allgemeinmedizin der Universitätsklinik Düsseldorf stolz feststellte.

"Wir müssen uns nicht verstecken"

Tatsächlich müssten sich Hausärzte mit ihren Forschungsaktivitäten nicht hinter anderen Disziplinen verstecken, so Wilm. Als ein Beispiel, wie die
allgemeinmedizinische Forschung die Medizin verändert habe, nannte er die Beratung von Menschen mit kardiologischen Risikofaktoren mittels des arriba-Rechners (www.arriba-hausarzt.de). Mit arriba können Hausärzte für ihre Patienten eine individuelle Risikoprognose für Herzinfarkt und Schlaganfall erstellen. Die Wahrscheinlichkeit für einen Patienten, einen Herzinfarkt oder Schlaganfall zu erleiden, wird optisch demonstriert, die Effekte von Verhaltensänderungen oder medikamentösen Therapien werden anschaulich dargestellt. Ein weiteres Beispiel seien die mittlerweile hoch anerkannten Leitlinien, die die DEGAM entwickelt.

Junge Hausärzte wollen forschen …

Dass sich Forschung und Lehre dabei durchaus mit dem Führen einer hausärztlichen Praxis gut vereinbaren lassen, dafür sei sie selbst der beste Beweis, erklärte Prof. Dr. Erika Baum, die Präsidentin der DEGAM. Sie habe dies seit mehr als 35 Jahren praktiziert mit einem Lehrstuhl für Allgemeinmedizin an der Universität Marburg und einer Praxis im Umland von Gießen. Dabei habe sie die Praxis immer wieder als einen Ort erlebt, an dem sie Kraft und Anregungen für die Forschung erhalten hat.

… und Zeit dafür haben

Dass auch die junge Hausärztegeneration großes Interesse an Forschungsaktivitäten habe, bestätigte auch Dr. Christian Rechtenwald als Vertreter der Jungen Allgemeinmedizin Deutschland (JADE). Dafür müsse man aber auch mehr Zeit haben, forderte er. Rund um die Uhr allein für die Patientenversorgung in den Praxen zur Verfügung zu stehen, sei nicht das Ziel junger Ärzte, man müsse einen gewissen Freiraum für die Forschung ermöglichen.

Patientennutzen ist das höchste Ziel

Derzeit werde viel von personalisierter Medizin als Zukunftsmodell gesprochen. Dazu meinte Prof. Baum, dass Hausärzte schon längst echte personalisierte Medizin betrieben. Denn die Hausärzte würden ihre Patienten meist sehr gut und sehr lange kennen und den ganzen Menschen umfassend behandeln. Die Kunst dabei sei es, langfristig zu denken und immer zu hinterfragen: "Was hat der Patient davon?"

Masterplan braucht noch eine Weile

Auf die Frage, wie es nun mit dem im Frühjahr beschlossenen Masterplan Medizinstudium 2020 und der darin festgelegten Stärkung der Allgemeinmedizin an den Hochschulen weitergehen wird, zeigte sich Prof. Baum leicht optimistisch. Aufgrund der Regierungsumbildung nach den Wahlen glaubt sie jedoch nicht, dass sich noch in diesem Jahr allzu viel ereignen wird. Gestritten wird hier zwischen Bund und Ländern nach wie vor um die Finanzierung. Nun soll eine Expertenkommission untersuchen, welche Kosten der Masterplan für Bund, Länder und Kostenträger mit sich bringt.

Einen kritischen Blick auf den Masterplan hat Anika Beck, Mitglied der Nachwuchsakademie der Deutschen Stiftung für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DESAM). Grundsätzlich sei der Plan zwar richtig, mehr Praxis ins Medizinstudium zu bringen. Aber das darin angestrebte Pflichtquartal in der ambulanten Medizin könnte zum Problem werden, weil es hier an der nötigen Anzahl von Lehrpraxen fehle. Wobei die Allgemeinmedizin hierfür schon recht gut gerüstet sei, aber in den anderen ambulanten Fächern sehe es noch nicht so gut aus, so Beck. Viele Studierende machten sich deshalb Sorgen, dass das Pflichtquartal in der ambulanten Medizin einen hohen organisatorischen Aufwand für die PJler mit sich bringen könnte. Prof. Baum sieht hier jedoch eher die Universitäten in der Pflicht, für eine reibungslose Organisation zu sorgen.



Autor:
Dr. Ingolf Dürr

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2017; 39 (18) Seite 32-34