Neben den Sorgen um die eigene Gesundheit machen sich Krebspatienten oft auch Gedanken, ob die Krankheit erblich bedingt sein könnte und daher nahe Verwandte ein erhöhtes Risiko tragen. Tritt eine Krebsform häufiger in einer Familie auf, könnte das ein deutlicher Hinweis darauf sein.

Krebs ist in erster Linie eine Erkrankung des höheren Alters. Als Auslöser kommen vor allem äußere Faktoren wie Lebensstil und Umwelteinflüsse infrage. Aber bei 10 % aller Krebserkrankungen ist ein erblicher Hintergrund nicht zu vernachlässigen, sagen Experten. Beispiele sind erbliche Formen von Brust- oder Eierstockkrebs, verschiedene erbliche Formen von Dickdarmkrebs oder eine erbliche Form des Retinoblastoms, eines Tumors der Netzhaut.

Typisch für ein hereditäres, also erblich bedingtes Tumorsyndrom sind das Auftreten der Krebsfälle in jeder Generation und ein Ausbruch der Erkrankung bereits in jungen Jahren. Dabei liegt in der Regel eine Mutation in einem bestimmten Gen vor, meist trifft es eines, das eine Funktion in der Kontrolle des Zellzyklus oder bei der Reparatur von Erbgutschäden hat. Die Mutation betrifft alle Körperzellen des Betroffenen, also auch die Keimzellen, weshalb die Genveränderung von Generation zu Generation weitergegeben wird.

Hereditäre Tumoren haben keine schlechtere Prognose

Liegt bspw. eine sogenannte familiäre Polyposis (FAP) vor, bildet sich das Krankheitsbild praktisch immer aus. Die Betroffenen leiden an unzähligen gutartigen Schleimhautpolypen im Dickdarm, die sich unbehandelt zu Krebs entwickeln. Beim erblichen Darmkrebs ohne Polyposis, als hereditäres nonpolypöses Kolonkarzinom bekannt, liegt hingegen die Wahrscheinlichkeit, an Dickdarmkrebs zu erkranken, bei 80 % und für Gebärmutterhalskrebs bei 40 %. Bei weiteren Krebsarten wie z. B. Magen- und Dünndarmkrebs ist die Wahrscheinlichkeit geringer.

Bei familiärem Brust- und Eierstockkrebs aufgrund von Veränderungen in den sogenannten Brustkrebsgenen BRCA1 und 2 kommt es in 30 bis 80 % der Fälle zu Brustkrebs und in 30 bis 40 % zu Eierstockkrebs. Insgesamt sind etwa 15 % aller Brustkrebsfälle vererbt. Dieses allgemeine Krebsrisiko bei einer BRCA-Mutation sagt aber nichts über das individuelle Risiko einer Trägerin der Genmutation aus. Hormone oder auch andere Gene beeinflussen das Krebsrisiko ebenfalls, wodurch die große Schwankungsbreite bei den Erkrankungszahlen erklärt werden kann.

Die Veranlagung für einen erblichen Tumor wird mit einer 50 %igen Wahrscheinlichkeit an die Kinder beiderlei Geschlechts weitergegeben. Gewissheit kann ein Gen-Test verschaffen, der ab dem 18. Lebensjahr durchgeführt werden kann. Dieser sollte von einer humangenetischen Beratung begleitet werden, bei der die Ratsuchenden auch mit den Konsequenzen der Testergebnisse vertraut gemacht werden. Aus einem positiven Testergebnis lässt sich nicht ablesen, ob und wann die Erkrankung tatsächlich ausbricht. Risikopatienten sollten nach Möglichkeit an intensivierten Früherkennungsprogrammen teilnehmen, die nach Lebensalter gestaffelte Untersuchungen vorsehen. Prophylaktische Operationen, wie etwa die vorbeugende Entfernung der Eileiter, Eierstöcke oder der Brustdrüsen, können die Erkrankungswahrscheinlichkeit deutlich senken.

Hereditäre Tumorerkrankungen haben nicht generell eine schlechtere Prognose. Werden sie in einem frühen Stadium entdeckt, können sie erfolgreich behandelt werden. Genetisch bedingter Brustkrebs spricht sogar auf bestimmte Chemotherapien besser an als die nicht erblichen Varianten. Bei erblichen Tumoren gibt es allerdings ein erhöhtes Risiko, dass man nach einer überstandenen Therapie erneut erkrankt, an derselben oder einer anderen Tumorart. Aus diesem Grund ist die Einbindung in ein spezielles Vorsorgeprogramm zu empfehlen.

Auch Krebs in hohem Alter erhöht das Risiko
Ein familiäres Krebsrisiko muss nicht unbedingt nur dann vorliegen, wenn der Krebs in frühem Alter auftritt. Wissenschaftler des Deutschen Krebsforschungszentrums in Heidelberg konnten anhand einer Auswertung der schwedischen Familien-Krebs-Datenbank zeigen, dass das Krebsrisiko von Kindern auch dann erhöht ist, wenn ein Elternteil erst im Alter von über 70 Jahren an Krebs erkrankt. Dabei ergab sich, dass Kinder, deren Eltern im Alter zwischen 70 und 79 Jahren an Dickdarmkrebs erkrankt sind, ein fast doppelt so hohes Risiko wie familiär unbelastete Kinder haben, ebenfalls bis zum 60. Lebensjahr daran zu erkranken. Sogar wenn ein Elternteil erst mit über 90 Jahren an Krebs erkrankt, ist das Risiko für Kinder noch erhöht.


Quellen:
Deutsche Krebsgesellschaft; einblick – die Zeitschrift des Deutschen Krebsforschungszentrums



Autor:
Dr. Ingolf Dürr

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2017; 39 (22) Seite 21