Das Schicksal vieler historischer anatomischer Sammlungen in Deutschland ist ein trauriges. Sie werden in Kellern abgestellt, sind verwaist und werden am Ende sogar entsorgt, weil sich niemand mehr um sie kümmern kann. Nicht so in Marburg: Auf Initiative des Anatomen Gerhard Aumüller wurde die anatomische Sammlung Marburg Anfang der 1980er-Jahre in das frei gewordene Dachgeschoss des ehemaligen Pathologischen Instituts umgezogen und für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Für interessierte Besucher wird hier Medizin- und im Speziellen Anatomiegeschichte lebendig.

Gegründet wurde die Sammlung 1812 durch den Helmstedter Anatom Christian Heinrich Bünger (1782–1842, Abb. 4), der nach der Schließung der Universität Helmstedt im Jahr 1810 seinem Lehrer und Freund Ernst Daniel August Bartels (1778–1838) nach Marburg folgte. Bünger, der nicht nur Anatom, sondern auch Chirurg war und neben seiner Dozententätigkeit an der Universität noch eine chirurgische Praxis betrieb, schuf in seiner dreißigjährigen Amtszeit in Marburg über 3.000 Präparate. Sein Steckenpferd war die Injektionspräparation mit Tubuli und Spritze, um den Gefäßverlauf mit Hilfe von farbigen Wachsmassen darstellen zu können. Eine von Büngers anspruchsvollsten Arbeiten ist der sogenannte "Büngerkopf" (Abb. 1), den er schon zu seiner Helmstedter Zeit anfertigte und bei seiner Übersiedlung nach Marburg mitbrachte. Büngers Injektionspräparate waren nicht nur ein didaktisches Mittel in der Medizinerausbildung, sondern dienten ihm auch als theoretische Vorbereitung für seine chirurgischen Operationen [1].

"Damit es bei der Universität zu Marburg an Gelegenheit nicht fehlen möge, die Zergliederungskunst zu üben…" [2]

Die Klage der Anatomen über die unzureichende Zufuhr von "Cadavera" an die Anatomie zieht sich durch die letzten 250 Jahre wie ein roter Faden. Zwar wurden die Leichen bestimmter Bevölkerungsgruppen (Hingerichtete, Waisen, Selbstmörder etc.) der Anatomie per Gesetz zu Lehr- und Forschungszwecken zugesprochen, die tatsächliche Umsetzung und Ablieferung funktionierte jedoch nur eingeschränkt, sodass es immer wieder zu einem Leichenmangel in den medizinischen Präparierkursen kam. In diesem Fall mussten anatomische Präparate die Demonstration an der menschlichen Leiche ersetzen.

Hunderte Präparate beeindrucken

In 6 thematisch geordneten Räumen sind auf 155 qm ca. 2.500 anatomische Trocken- und Feuchtpräparate, Schädel, Einzelknochen und ganze Skelette menschlichen und tierischen Ursprungs, Lehrmodelle zur Entwicklungsgeschichte einzelner Organe und chirurgisches und geburtshilfliches Instrumentarium ausgestellt. Die über 10.000 histologische Schnittträger umfassende Gasser-Strahl´sche-Sammlung menschlicher Embryonen zog im späten 19. Jh. namhafte Wissenschaftler wie Albert Kölliger und Wilhelm His nach Marburg und diente teils als Vorlage für die embryologischen Normtafeln von Franz Keibel (1861–1929) und Curt Elze (1885–1972) [3].

Der Lange Anton

Ein Highlight im doppelten Sinne ist das Skelett des Langen Anton (Abb. 3): zum einen ist die Körpergröße von 2,44 m überdurchschnittlich, zum anderen hat das Präparat ein Alter von über 450 Jahren. Durch intensive Provenienzforschung in den letzten Jahren ist es gelungen, die Lebensgeschichte des Mannes zu rekonstruieren. Anton Franck wurde zwischen 1544 und 1561 in Pont bei Geldern am Niederrhein geboren. Aufgrund eines Hypophysentumors, der zu einer unkontrollierten Bildung und Ausschüttung von Wachstumshormon führte, wuchs Anton bis auf die beachtliche Größe von 2,44 m heran. Er machte aus seiner Not eine Tugend und verdiente mit seiner außergewöhnlichen Körpergröße seinen Lebensunterhalt, indem er durch Deutschland reiste und sich gegen Geld ausstellte. Zum Ende seines Lebens stand er in den Diensten des Herzogs von Braunschweig-Wolfenbüttel und diente am Hof als Lakai und Leibwächter. Nachdem er dort im November 1596 verstarb, wurde seine Leiche in die Anatomie der Universität Helmstedt verbracht und zu einem Skelett präpariert. Fortan stand er über 200 Jahre im Hörsaal der Medizinischen Fakultät Helmstedt und wurde zu Beginn des 19. Jh. von Christian Heinrich Bünger bei dessen Übersiedlung nach Marburg hierhin mitgebracht [4].

Lehre und Forschung

Die Sammlung wird heute noch in der medizinischen Lehre eingesetzt. In Wahlpflichtfächern und Seminaren mit medizinhistorischem Schwerpunkt haben Studierende in der Vorklinik die Möglichkeit, mit den anatomischen Beständen unter verschiedenen Themenschwerpunkten zu arbeiten. Die Ergebnisse aus dem Seminar über Provenienzforschung beispielsweise werden alljährlich einem breiten Publikum an der Marburger "Nacht der Kunst" präsentiert.

Einen Besuch wert
Trotz sehr begrenzter personeller Kapazitäten erhält sich das von Gerhard Aumüller geschaffene Konzept eines öffentlich zugänglichen Museums bis heute. Das ist einerseits dem ehrenamtlichen Engagement der Museumsverantwortlichen, aber auch dem Einsatz studentischer Mitarbeiter zu verdanken, die die große Anzahl von Führungen im Museum übernehmen. Wer das Museum Anatomicum Marburg besuchen möchte, hat dazu jeden ersten Samstag im Monat zwischen 10:00 und 12:00 h ohne Voranmeldung Gelegenheit. Gruppenführungen außerhalb dieses Termins sind nur nach vorheriger Anmeldung möglich. Relevante Informationen finden sich auf der Homepage https://www.uni-marburg.de/fb20/museum-anatomicum.

Ein Großteil des Bestandes des Museum Anatomicum ist mittlerweile neu katalogisiert und in einer Datenbank recherchierbar [5].

Unter dem Einfluss neuer Ansätze und Methoden der wissenschaftlichen Bearbeitung von dinglichen Objekten als Quellen historischer Forschung (material turn) beschäftigt sich die Provenienzforschung intensiv mit der "Sprache der Objekte". Es gehört zum wissenschaftlichen und ethischen (Selbst-)Verständnis der Museumsverantwortlichen, die Identitäten, Lebens- und Leidensgeschichten der Menschen hinter den Präparaten zu rekonstruieren und ihnen so ein würdevolles Andenken zu bewahren [4].


Literatur:
1. Aumüller, G. (2014): Was können uns die Präparate Christian Heinrich Büngers heute noch sagen? In: Sahmland, I., Grundmann, K.: Tote Objekte – Lebendige Geschichten. Exponate aus den Sammlungen der Philipps-Universität Marburg. Petersberg, Imhof Verlag: 23-37
2. Keibel, F., Elze, C. (1908): Normentafeln zur Entwicklungsgeschichte des Menschen. Jena, Fischer.
3. Kolling, H. (2000): "Damit es bei der Universität zu Marburg an Gelegenheit nicht fehlen möge, die Zergliederungskunst zu üben". Die Abgabe von Leichen an das Anatomische Institut der Philipps-Universität Marburg. In: Zeitschrift des Vereins für hessische Geschichte und Landeskunde, 105: 149-169
4. Ulrich, N. (2017): Das Museum Anatomicum am Fachbereich Medizin der Philipps-Universität Marburg. Provenienzforschung zu einer Lehrsammlung des 19. Jahrhunderts. In: Beiträge zur Wissenschafts- und Medizingeschichte, Marburger Schriftentreihe, Band 3, Frankfurt, Peter Lang Verlag
5. Ulrich, N., Allspach, A., Menner, L. (2016): Das Museum Anatomicum 2.0. In: Archivnachrichten aus Hessen 16 (1): 59-63


Autorin:
Dr. rer. med. Nina C. Ulrich, M.A., MSc

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2019; 41 (7) Seite 88-90