Dieser Fall macht eine Kollegin wütend: Eine junge Krankenschwester mit einer schweren Hörstörung möchte gerne wieder arbeiten. Doch die Kasse verweigert die Erstattung der notwendigen Hilfsmittel.

Äußern Sie Ihre Meinung!
Im Kasten können Sie abstimmen.

Es ist Montagvormittag. Frau D., eine junge Frau Mitte 30, gelernte Krankenschwester und Mutter einer dreijährigen Tochter, sitzt in meiner Sprechstunde, begleitet von ihrem Ehemann.

Ich muss langsam und deutlich sprechen, da Frau D. vor drei Monaten ein Cochleaimplantat bekommen hatte aufgrund einer angeborenen, schweren Hörstörung. Sie kann mich hören und verstehen, was ich sage, aber nur mit viel Anstrengung und durch Übung, wie sie mir erzählt.

Bevor ihr Hörvermögen so schlecht wurde und eine Op. unumgänglich wurde, war Frau D. vollschichtig als Krankenschwester in einem mittelgroßen Krankenhaus tätig. Sie konnte mit ihrem Gehalt plus ein wenig Ersparnissen gut ihre Familie ernähren, ihr Mann konnte zu Hause bleiben und sich um die Tochter kümmern: "Es ging uns gut, es fehlte uns nichts."

Als ihr die Arbeit dann aber immer schwerer fiel und Frau D. die Verantwortung, die sie als Krankenschwester trug, nicht mehr übernehmen konnte – "ich höre die Patienten-Klingeln kaum noch und auch nicht, wenn jemand Atemnot bekommt" –, folgten erst einmal Wochen der Arbeitsunfähigkeit und zeitgleich der weiteren Diagnostik in der Medizinischen Hochschule Hannover. Nach erfolglosen konservativen Therapieversuchen, unter anderem schmerzhaften Kortison-Injektionen in das Ohr, entschieden sich die Kollegen schließlich für das Einbringen eines Cochleaimplantates, mit dem die Patientin heute sehr zufrieden ist.

Leider besteht weiterhin das Problem mit der Arbeit als Krankenschwester, denn auch mit Cochleaimplantat ist eine Tätigkeit auf Station im Krankenhaus nur mit besonderen Hilfsmitteln möglich. Die Kosten dieser Hilfsmittel belaufen sich auf ca. 15.000 Euro, eine auf den ersten Blick sehr hohe Summe, im Hinblick auf die vielen, noch bevorstehenden Berufsjahre der Patientin und den Benefit ihrer Tätigkeit (wie oft hört man doch vom Pflegekräfte-Mangel!) eine eher geringe Summe.

Leider sieht das die Deutsche Rentenversicherung anders und prüft seit Monaten den entsprechenden Antrag von Frau D., eine Absage ist bisher noch nicht gekommen, aber auch keine Zusage. Da Frau D. weiterhin nicht arbeiten kann, lebt die Familie mittlerweile vom Arbeitslosengeld plus dem geringen Gehalt des Ehemannes. Und auf der ehemaligen Station von Frau D. ist Not am Manne, ihre Stelle konnte bislang noch nicht nachbesetzt werden.

Einen Tag nach dem Besuch von Frau D. in meiner Sprechstunde höre ich im Radio, dass unser Gesundheitsminister Spahn nach Afghanistan fliegt, um dort eine deutsche Pflegeschule zu besuchen mit der Absicht, ausländische Pflegekräfte nach Deutschland zu holen.

Keine schlechte Idee, dennoch sollte man vielleicht erst mal die eigenen Leute unterstützen und fördern. Und die Reisekosten von Herrn Spahn haben sicherlich die 15.000 Euro – siehe oben – überschritten.

Das kann doch nicht wahr sein!

In dieser neuen Rubrik "Dampf ablassen" wollen wir unseren Leserinnen und Lesern die Möglichkeit geben, sich über Fehlentwicklungen im Gesundheitswesen, über Ärgernisse in der Praxis oder überbordende Bürokratie Luft zu machen, bevor der Kragen platzt.

Schreiben Sie uns, wenn Sie schon lange etwas stört oder aufregt. E-Mail: info@der-allgemeinarzt.com



Autorin:

Anna Junge

Fachärztin für Allgemeinmedizin
49808 Lingen an der Ems

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2020; 42 (2) Seite 52-53