Ein Gespenst geht um in Europa im Jahre des Herrn 1095. Heimtückisch überfällt es die Menschen in diesem nassen Sommer. Gestern noch gesund, schreien sie heute vor Schmerzen und werden von Krämpfen geschüttelt. Arme und Beine laufen feuerrot an, werden blau, dann schwarz und sterben schließlich ab. Harmlose, einfältige Bauern führen plötzlich verrückte Veitstänze auf und reden wirr von Flammen und fliegenden Drachen. Entsetzt und ratlos stehen die Nachbarn dabei, und ebenso ratlos sind auch die Ärzte. Verzweifelt schreien die Befallenen, sie würden innerlich verbrennen. Deshalb nennen die Doctores diese geheimnisvolle Krankheit kurzerhand "ignis sacer", das "Heilige Feuer".

Heute kennen wir den Auslöser der Erkrankung, die im Mittelalter ganze Landstriche heimsuchte. Er wirkt auf den ersten Blick harmlos und trägt sogar einen sympathischen Namen: das Mutterkorn. Schwarz und nicht einmal einen halben Zentimeter groß, hockt der pilzartige Parasit mitten in einer goldenen Roggenähre. "Secale cornutum" befällt mit Vorliebe bei nass-feuchtem Klima das Getreide. Im Mittelalter verarbeitete man ungesiebt die ganze Ähre, damit ahnungslos auch das hochgiftige Mutterkorn. Da Mehlsuppe und Brot damals die wichtigsten Nahrungsmittel für die einfachen Leute waren, verbreitete sich die Krankheit wie eine Epidemie. Das darin enthaltene Ergotamin führte zu einer schmerzhaften Verengung der Blutgefäße und schließlich zum Absterben der betroffenen Gliedmaßen. Ohne eine erfolgreiche Amputation starb bis zu ein Viertel der Erkrankten an Blutvergiftung. Die dem LSD verwandten Mutterkornalkaloide riefen albtraumhafte Halluzinationen und Wahnvorstellungen hervor. Auf Krämpfe, epileptische Anfälle, Tobsucht und Stumpfsinn folgte bei weiterer Einnahme der verseuchten Nahrung ein qualvoller Tod.

Eine göttliche Strafe?

Die schockierten Zeitgenossen deuteten die grausige Epidemie als eine göttliche Strafe, deshalb suchten sie Hilfe bei einem Schutzheiligen. Die Wahl fiel auf Antonius, dessen Gebeine in einem kleinen Dorf bei Grenoble aufbewahrt wurden. Schon bald kam es dort zu einem regelrechten Ansturm von Pilgern und Kranken. Notgedrungen bildete sich eine kleine karitative Gemeinschaft, die sich um diese Hilfesuchenden kümmerte. Sie nannten sich "Antoniusbrüder". Bald schon spezialisierten sie sich auf die Behandlung des Heiligen Feuers, inzwischen auch "Antoniusfeuer" genannt. Ihr Erfolg sprach sich herum und innerhalb weniger Jahre hatte der Orden Außenstellen in ganz Europa. Im Jahr 1214 wurden die Antoniter durch Kaiser Friedrich II. nach Memmingen gerufen. Die freie Reichsstadt entwickelte sich zum Zentrum, von dem aus die Ordenstätigkeit in weiten Teilen Mitteleuropas organisiert wurde. Um 1520 wurde ein Spital errichtet, das in seiner Entstehungszeit zu den fortschrittlichsten Anlagen Europas gehörte (Abb. 1). Heute befindet sich darin ein Museum, in dem die Geschichte des Heiligen Feuers anschaulich erzählt wird.

Therapie und Rente – aber nur bei Keuschheit

Durch einen Torbogen gelangt man in den kopfsteingepflasterten Innenhof. Wer damals den Weg hierher fand, konnte sich glücklich schätzen, denn er war so gut wie gerettet. Vorher aber musste er sich einer peniblen Krankenschau stellen, gemeinsam durchgeführt von einem Ordensmönch, drei Badern und einem Kranken. Wurde der Proband offiziell ignis sacer-positiv getestet und im Spital aufgenommen, hatte er augenblicklich Anspruch auf eine lebenslange Rundum-Versorgung. Er erhielt eigenes Essgeschirr und regelmäßig neue Kleidung. Alle 14 Tage wurde die Wäsche gewechselt, bei dieser Gelegenheit war dann auch Badetag. "Eine Fülle von Brot und Wein" stand zur Verfügung, wie einer Predigt zu entnehmen ist. Seinen Besitz und sein Erbe – soweit vorhanden – musste der Patient allerdings den Antonitern überlassen, die Aufnahme ins Spital entsprach einem Ordensbeitritt. Folgerichtig war der Patient verpflichtet, keusch und gehorsam zu sein, selbst Eheleute mussten enthaltsam leben und durften den Bereich des Antonierhauses nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Präzeptors verlassen.

Es ist schon ein eigenartiges Gefühl, heute als Museumsbesucher durch denselben Raum zu gehen, in dem vor 500 Jahren die Kranken lebten und behandelt wurden. Jetzt ist es still hier, damals aber ging es laut und lebhaft zu. Nur eine niedrige Holzwand trennte die Geschlechter, sexuelle Kontakte blieben da nicht aus. Wer allerdings dabei erwischt wurde, musste mit harten Strafen rechnen, mit Zellenhaft oder gar Ausweisung aus dem Spital. Der Tagesablauf war bestimmt von kirchlichen Terminen. Obligatorisch war der tägliche Besuch der Heiligen Messe. Hinzu kam die Verpflichtung, zu den sieben kirchlichen Tagzeiten je 12 Vaterunser und Ave Maria zu beten. An etwa 50 Feiertagen sorgten festliche Gottesdienste für Abwechslung. Die Genesenen, in den meisten Fällen Krüppel, wurden zu praktischen Arbeiten in der Werkstatt herangezogen. Ergotherapie, berufliche Rehabilitation oder geschützte Werkstatt würde das heute heißen, wahrscheinlich aber trugen sie einfach zum Unterhalt des Spitals bei.

Heilerfolg durch Antoniuswein und Antoniusbalsam

Worin aber bestand die Therapie der Antoniter, was war das Geheimnis ihres sagenhaften Heilerfolgs? Eine Spur finden wir in den Gemälden auf dem Isenheimer Altar (Abb. 2), nicht zufällig eine Auftragsarbeit der Antoniter. Auf dem Boden liegt Antonius der Eremit, am Heiligen Feuer erkrankt, von Dämonen gequält. Gruselige Fratzen, Vogelköpfe und durch die Luft springende Teufel illustrieren seine Wahnvorstellungen, die so auch im Horrortrip eines LSD-Konsumenten auftauchen könnten. Am linken Bildrand liegt ein Sterbender, sein Bauch ist extrem aufgetrieben, der nackte Körper mit blutigen Geschwüren übersät. Die Szene ist aus-geschmückt mit Pflanzen, darunter Hahnenfuß, Spitzwegerich und Huflattich. Auf den ersten Blick erscheinen sie nur wie liebliches Dekor, in Wahrheit liegt hier die pharmakologische Antwort auf die rätselhafte Krankheit.

"Das wichtigste Heilmittel der Antoniter war der Antoniuswein", meint Dr. Adalbert Mischlewski, der renommierteste Antoniterforscher Deutschlands. "Von den 14 Heilkräutern, die auf dem Altarbild zu sehen sind, wurden Essenzen dem Wein beigemischt. Man kann diese Heilkräuter ihrer Wirkung nach in drei Gruppen einteilen: in harntreibende und abführende, die für rasche Entgiftung sorgten; dann solche mit gefäßerweiternder Wirkung, die den Symptomen der Erkrankung durch Gefäßverengung entgegenwirken sollten. Schließlich betäubende und schmerzstillende Substanzen." Der Wein wurde über die Kräuter in ein Gefäß gegossen, doch das Wichtigste fehlte noch: Um seine Wirkkraft zu erhalten, musste der Wein mit einem Armknochen vom Skelett der Antoniusgebeine in Berührung kommen.

Die externe Behandlung der eitrigen Geschwüre erfolgte mit dem Antoniusbalsam. "Registered Trademark", eingetragenes Warenzeichen, könnte man sagen, die Rezeptur nur echt und wirksam, wenn von den Antonitern verabreicht. Geheim blieb sie dennoch nicht, wie die uralten Apothekenbücher verraten, die im Museum ausliegen. Verarbeitet wurde demnach der Extrakt von Kohl, Nussbaumblättern, Erdbeerspinat, Lattich, Spitzwegerich, Holunder, Sanikel, Huflattich, Hauswurz, Brennnessel und Brombeerblättern. Alle enthaltenen Pflanzen haben eine nachweislich günstige Wirkung bei Hautentzündungen, Wunden und Schmerzen.

Erstaunlich modern erscheint der psychosomatische Therapieansatz. Zur Heilung der Kranken und auch zum besseren Ertragen der Schmerzen diente die Meditation. Die Patienten versenkten sich während des Aufenthaltes in die Betrachtung von Altarbildern oder Antoniusfiguren und schöpften daraus Kraft und Zuversicht. Auch wenn der Verlauf der Erkrankung dadurch nicht aufgehalten werden konnte, war dies doch zumindest eine effektive Methode der Krankheitsbewältigung!

Weniger spektakulär als alle ärztlichen, spirituellen und sozialmedizinischen Anstrengungen, aber möglicherweise entscheidend war der simple Umstand, dass die Kranken nach ihrer Aufnahme "reines Brot" aus gesiebtem Mehl zu essen bekamen – ohne Mutterkorn!

Infos

Antoniter-Museum
Martin-Luther-Platz 1, 87700 Memmingen, Telefon: 08331/850-245, Telefax: 08331/850-246
E-Mail: antonitermuseum@memmingen.de
Öffnungszeiten: Dienstag bis Samstag: 10.00 bis 12.00 und 14.00 bis 16.00 Uhr
Sonn- und Feiertag: 10.00 bis 16.00 Uhr
Eintritt: 3,30 € (ermäßigt 2,20 €)




Autor:
Martin Glauert

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2017; 39 (18) Seite 112-114