Die Zahl der Patienten, die mit online vorrecherchierten Informationen zu Krankheitssymptomen, Diagnosen und Therapien in die Sprechstunde kommen, nimmt stetig zu. Bei einem Teil dieser Patienten kann die übertriebene Suche im Internet zu längerfristigen Gesundheitsängsten führen. Forschungsarbeiten liefern Hinweise darauf, dass Hausärzte die Cyberchondrie als wachsende Herausforderung im Praxisalltag erleben – und begonnen haben, sich darauf einzustellen.

Die Möglichkeit, im Internet verschiedenste Informationen zu Gesundheits- und Krankheitsthemen zu beziehen, gehört inzwischen für viele Menschen zur Normalität [1, 2]. In den vergangenen Jahren wird jedoch verstärkt von Patienten berichtet, die aufgrund von Online-Selbstrecherchen Gesundheitsängste entwickeln [3, 4].

Indem etwa bei Beschwerden eigenmächtig und zunehmend ausufernd nach Symptomen, Diagnosen und Therapien ‚gegoogelt‘ wird, besteht die Gefahr, fehlerhafte Informationen von unseriösen Seiten zu beziehen oder aus dem Gelesenen falsche Schlussfolgerungen zu ziehen. Innere Unruhe, Nervositäts- und Panikzustände oder Angststörungen sind nicht selten die Folgen der intensivierten Recherche.

Gerade in niedergelassenen Arztpraxen treten vermehrt Patienten in Erscheinung, die durch online recherchierte Gesundheitsinformationen von Zweifeln, Sorgen und Ängsten betroffen sind. Solche Phänomene werden häufig unter dem Begriff ‚Cyberchondrie‘ zusammengefasst [5, 6]. Dabei handelt es sich nicht um ein klar definiertes Konzept, sondern um einen Sammelbegriff, unter den alle möglichen Erscheinungsformen von internetassoziierten Gesundheitsängsten subsumiert werden. Entsprechend lässt sich nicht sagen, ab welcher Rechercheintensität über welchen Zeitraum und bei welchen Online-Informationen eine Cyberchondrie hervorgerufen oder verstärkt werden kann. Vielmehr ist davon auszugehen, dass Vorerfahrungen (z. B. chronische Erkrankungen oder Krankheitserfahrungen im familiären Umfeld) und psychisch-emotionale Persönlichkeitsprädispositionen eine entscheidende Rolle spielen [7].

Ein fataler Mechanismus

Der psychologische Mechanismus, der bei der Cyberchondrie greift, ist bislang kaum erforscht. Die Analogie zur Hypochondrie liegt nahe. Ausgehend von einer Sorge, in Zukunft schwerwiegend erkranken zu können, nimmt der Patient die Aufklärung über seinen gesundheitlichen Zustand durch Internetkonsultationen in die eigene Hand. Das Ziel besteht darin, Krankheiten von vorneherein auszuschließen oder in die engere Wahl zu ziehen und ggf. Diagnose- und Behandlungsmöglichkeiten auszukundschaften [2, 4]. Durch eine solche Vorinformation verspricht sich der Patient, Ärzte besser über eigene Symptomatiken bzw. Beschwerden informieren und eine eventuelle Therapie schneller und zielgerichteter ermöglichen zu können.

Mit Fortgang der zunehmend zwanghaften Recherche ohne ärztliche Rücksprache kann es passieren, dass Panikzustände und sogar Wahnvorstellungen ausgelöst werden und sich verankern. Der Patient gerät an einen Kipppunkt, ab dem er immer autonomer agiert, selbst recherchierten Informationen die größte Glaubwürdigkeit einräumt und für medizinischen Rat immer schwerer zugänglich wird [9]. Ärzte sind dann im zunehmenden Maße nur noch dafür da, Selbstdiagnosen zu bestätigen und eingeforderte Maßnahmen umzusetzen, unabhängig von der Plausibilität der Annahmen und Schlussfolgerungen. Im Extremfall glauben Patienten, von tödlichen Erkrankungen betroffen zu sein, für die aus medizinischer Sicht keinerlei Hinweise bestehen.

Forschung stark ausbaubedürftig

Die wissenschaftliche Beschäftigung mit der Cyberchondrie steckt noch in den Kinderschuhen; belastbare Studien sind Mangelware. Internationale Arbeiten deuten darauf hin, dass ein Zusammenhang zwischen der Intensität von Online-Gesundheitsrecherchen und der Inanspruchnahme von ärztlichen Terminen, diagnostischen Verfahren und Gesundheitsleistungen besteht [10, 11]. Eine für den deutschsprachigen Raum vorgelegte Studie konnte einen Zusammenhang zwischen der Internetsuche, dem Vertrauen in Online-Informationen und der Neigung zur Selbstmedikation zeigen [12]. Unter Umständen kann eine stark ausgeprägte Konsultation von Gesundheitsinformationen im Internet auch zu einer Verringerung oder einem Abbruch von Arztkontakten führen [13].

Cyberchondrie in der Hausarztpraxis

Die Hausarztmedizin ist in spezifischer Weise von internetassoziierten Gesundheitsängsten betroffen. Als erster Ansprechpartner bei allen Fragen zu Gesundheitsstörungen nimmt der Hausarzt eine zentrale Rolle beim Umgang mit gesundheitsängstlichen und hypochondrischen Patienten ein. Aufgrund des besonderen Vertrauensverhältnisses der Patienten zu ihrem Hausarzt hat dieser einen guten Zugang, um auf Betroffene deeskalierend und stabilisierend einzuwirken, und kann sie ggf. auf eine professionelle psychotherapeutische Weiterversorgung vorbereiten.

Forschungsarbeiten liefern Hinweise darauf, dass Hausärzte das Cyberchondrie-Phänomen als wachsende Herausforderung im Praxisalltag erleben. In US-amerikanischen Studien [14, 15] konnte für verschiedene Mediziner im niedergelassenen Bereich aufgezeigt werden, dass diese eine deutlich gestiegene Zahl von rechercheaffinen, aber zugleich durch Internet-Informationen stark verunsicherten Patienten beobachten. Zudem haben Ärzte oftmals das Gefühl, durch solche Patienten in ihren Handlungsmöglichkeiten eingeschränkt zu werden. Infolgedessen wird eine Beeinträchtigung der Arzt-Patient-Beziehung wahrgenommen und befürchtet, nicht mehr effektiv auf den Patienten einwirken zu können [16].

Sichtweise der Hausärzte erfragt

Anknüpfend an diese und andere Befunde hat das Zentrum für Allgemeinmedizin und Geria-
trie der Universitätsmedizin Mainz eigene qualitative und quantitative Studien durchgeführt, um die Sichtweise von Hausärzten hierzulande einzuholen. Im Rahmen einer Befragung von rund 850 Hausärzten in Südhessen [17] wurde das Ausmaß der durch Online-Suche verunsicherten Patienten in der allgemeinärztlichen Versorgungsrealität deutlich.

Zwei Drittel der Hausärzte geben an, dass 15 % oder mehr der eigenen Patienten sie regelmäßig mit Ergebnissen eigener Internetrecherchen konfrontieren. Aus der Erfahrung der Befragten sind die Patienten durch ihre Recherche häufig verwirrt oder verunsichert (84 %) und reagieren oft auch nervöser und ängstlicher (74 %). Positive Effekte wie ein besseres Verständnis aufgrund von vorab eingeholten Informationen oder ein rechtzeitigeres Erscheinen in der Praxis werden lediglich von einer Minderheit genannt.

Patienten mit falschen Erwartungen und hohem Beratungsbedarf

Aus Sicht der Hausärzte besteht ein zentrales Problem darin, dass Patienten mit Hang zu ausgeprägten Internetrecherchen häufig mit falschen Erwartungen und Forderungen in die Praxis kommen (62 %). 46 % beobachten eine stärkere Kontrolle ihrer ärztlichen Tätigkeit, indem Patienten den Arztbesuch via Online-Suche nachbereiten, um z. B. eine Diagnose zu prüfen. 41 % befürchten aus ihrer ärztlichen Erfahrung, dass das Internet die Patienten zur Selbstmedikation und damit einer Abkehr von der hausärztlichen Betreuung verleitet. 39 % glauben, dass die Compliance und Therapieadhärenz leiden.

Darüber hinaus zeigt die Umfrage, dass exzessive Internetrecherchen oft nicht zur Aufklärung beitragen, sondern den Gesprächs- und Klärungsbedarf seitens der Patienten eher erhöhen: 74 % der Ärzte geben an, dass entsprechende Patienten mehr Fragen stellen, 64 % sehen sich zunehmender Kritik ausgesetzt, 32 % empfinden die Patienten als konfliktbereiter. Jeder fünfte Arzt (18 %) hat schon den Abbruch eines Betreuungsverhältnisses aufgrund ausgeuferter Internetrecherchen des Patienten erlebt.

Ergänzende Interviews, die mit Hausärzten geführt wurden, unterstreichen die gewonnenen Ergebnisse. Hierbei kamen auch weitergehende Aspekte zur Sprache.

"Ein großes Problem ist, dass viele Patienten sich nicht mehr auf eine unvoreingenommene Untersuchung einlassen, sondern mehr oder minder ihre Suchergebnisse und ihre Schlussfolgerungen bestätigt haben möchten. Oft wird zum Beispiel eine weitergehende Dia-
gnostik eingefordert." (m)

"Ich sehe eine ganz große Gefahr darin, dass der Patient durch diesen ständigen Suchreflex im Internet in so eine Art Tunnel gerät und dann am Ende gar nicht mehr für den Arzt erreichbar ist. Ich erlebe solche Patienten immer wieder, die sich ständig unverstanden fühlen und Ärzte-Hopping betreiben." (w)

"Das Tückische ist, dass die Patienten nicht wahrnehmen, was mit ihnen durch ihre Recherchen passiert. Im Gegenteil, die sind überzeugt, irgendetwas Schreckliches zu haben, sie haben körperliche Schmerzen und Unwohlsein. […] Als Hausarzt landen wir dann bei somatoformen Störungen und dergleichen. Kein Wunder, dass solche Diagnosen sprunghaft steigen."
(m)

Strategien der Hausärzte

Die Hausärzte wurden danach gefragt, welches Vorgehen sie für angebracht halten, um durch Internetrecherchen verunsicherten Patienten zu helfen. Hier verlassen sich die Befragten primär auf eine ausführliche Darlegung und Erläuterung der Diagnose und Therapie; die Bereitschaft ist ausgeprägt, mehr Beratungszeit für gesundheitsängstliche Patienten einzuräumen. Auch Hinweise auf seriöse Gesundheitsinformationen im Internet oder das Aushändigen von Informationsbroschüren werden mehrheitlich als sinnvoll erachtet.

Hausärzte, die über eine Zusatzbezeichnung Psychotherapie bzw. Psychoanalyse verfügen, geben häufiger an, sich zusammen mit dem Patienten mit recherchierten Informationen auseinanderzusetzen und recherchierte Informationen zu überprüfen.

Neue Herausforderungen für die Hausarztmedizin

Inzwischen sehen sich Hausärzte häufig Patienten gegenüber, die durch die eigene Gesundheitsrecherche im Internet verunsichert sind oder aufgrund dessen sogar längerfristige Gesundheitsängste entwickelt haben. Im Lichte der Ergebnisse erscheint es ratsam, in der täglichen Sprechstunde aktiv auf Recherchen der Patienten einzugehen und deren Potenziale und Risiken anzusprechen. Hierdurch ist es möglich, Verunsicherungen vorzubeugen und zugleich Wertschätzung zu signalisieren, was sich zusätzlich positiv auf die Arzt-Patient-Beziehung auswirkt. Auch wäre darüber nachzudenken, die Anamnese um die Dimension der (Online-)Informationssuche zu erweitern.

Nicht zuletzt sollte, wenn möglich, gesundheitsängstlichen oder durch die Internetsuche verunsicherten Patienten mehr Beratungszeit eingeräumt und entsprechend dem Aufwand honoriert werden [18, 19].


Literatur
[1] Europäische Kommission. Europeans becoming enthusiastic users of online health information (28.11.2014). Im Internet: https://ec.europa.eu/digital-single-market/en/news/europeans-becoming-enthusiastic-users-online-health-information; Stand: 25.10.2018
[2] Baumann E, Czerwinski F. Erst mal Doktor Google fragen? Nutzung neuer Medien zur Information und zum Austausch über Gesundheitsthemen. In: Böcken J, Braun B, Meierjürgen R, Hrsg. Gesundheitsmonitor 2015. Bürgerorientierung im Gesundheitswesen. Gütersloh: Bertelsmann Stiftung; 2015: 57-79
[3] Leiner P. Wenn das Internet Gesunde zu ‚Kranken‘ macht. https://www.aerztezeitung.de/medizin/krankheiten/neuro-psychiatrische_krankheiten/angst/article/914635/cyberchondrie-wenn-internet-gesunde-kranken-macht.html [abgerufen am 12.07.2019]
[4] NDR. Wenn ‚Dr. Google‘ Patienten zu Hypochondern macht. https://www.ndr.de/nachrichten/niedersachsen/hannover_weser-leinegebiet/Wenn-Dr-Google-Patienten-zu-Hypochondern-macht,digitalgipfel102.html [abgerufen am 12.07.2019]
[5] Taylor H. Cyberchondriacs on the Rise? The Harris Poll #95, August 4th, 2010
[6] Eichenberg C, Wolters C. Cyberchondria. In: Brähler E, Hoefert H-W, Hrsg. Lexikon der Modernen Krankheiten – Phänomene, Gefahren, Irrtümer. Berlin: MWV; 2015: 114-118
[7] Eastin MS, Guinsler NM. Worried and Wired: Effects of Health Anxiety on Information-Seeking and Health Care Utilization Behavi¬ors. Cyberpsychol Behav 2006; 9: 494-498. doi:10.1089/cpb.2006.9.494
[8] White RW, Horvitz E. Cyberchondria: Studies of the Escalation of Medical Concerns in Web Search. ACM Transactions on Information Systems (Microsoft Research Technical Report) 2009; 27: 23:1-23:37. doi:10.1145/1629096.1629101
[9] Eichenberg C. Gesundheitsängste und Internet. In: Hoefert W, Klotter C, Hrsg. Gesundheitsängste. Lengerich: Pabst 2012; 2012: 239-263
[10] Eastin MS, Guinsler NM. Worried and Wired: Effects of Health Anxiety on Information-Seeking and Health Care Utilization Behavi¬ors. Cyberpsychol Behav 2006; 9: 494-498. doi:10.1089/cpb.2006.9.494
[11] Barke A, Blechhardt G, Rief W, Doering BK. The Cyberchondria Severity Scale (CSS): German Validation and Development of a Short Form. Int J Behav Med 2016; 23: 595-605. doi:10.1007/s12529-016-9549-8
[12] Eichenberg C, Wolters C. Cyberchondrie, ein modernes Symptom? NeuroTransmitter 2013; 7/8: 28-32. doi:10.1007/s00278-011-0861-0
[13] Wangler J, Jansky M. Wie wirken sich Gesundheitsportale auf das Arzt-Patienten-Verhältnis aus? Zeitschrift für Allgemeinmedizin 2017; 93: 278-282. doi:10.3238/zfa.2017.0278-0282
[14] Murray E, Lo B, Pollack L, Donelan K, Catania J, Lee K, Zapert K, Tuner R. The Impact of Health Information on the Internet on Health Care and the Physician-Patient Rela¬tionship: National U.S. Survey among 1.050 U.S. Physicians. Journal of Medical Internet Research 2003; 5(3): e17. doi:10.2196/jmir.5.3.e17
[15] Powell J, Inglis N, Ronnie J et al. The characteristics and motivations of online health information seekers: cross-sectional survey and qualitative interview study. J Med Internet Res 2011; 13: e20. doi:10.2196/jmir.1600
[16] Baumgart J. Ärzte und informierte Patienten: Ambivalentes Verhältnis. Dtsch Arztebl 2010; 107(51–52): A 2554–6
[17] Wangler J, Jansky M. Internetassoziierte Gesundheitsängste in der hausärztlichen Versorgung – Ergebnisse einer Befragung unter Allgemeinmedizinern und hausärztlich tätigen Internisten in Hessen. Deutsche Medizinische Wochenschrift 2019; online erschienen am 1.3.2019, abrufbar unter: https://www.thieme-connect.de/products/ejournals/html/10.1055/a-0842-8285
[18] Bittner A. Erfahrungen, Einstellungen und Umgang von Ärzten mit informierten Patienten. In: Böcken J, Braun B, Meierjürgen R, Hrsg. Gesundheitsmonitor 2016. Bürgerorientierung im Gesundheitswesen. Gütersloh: Bertelsmann Stiftung; 2016; 141-159
[19] Bittner J. Vermittlung von Gesundheitskompetenz durch für Patienten verständliche medizinische Befunde (16.12.2015). Im Internet: https://d-nb.info/1081788747/34 [abgerufen am 12.07.2019



Autor:

Dr. Julian Wangler

Wissenschaftlicher Mitarbeiter
Zentrum für Allgemeinmedizin und Geriatrie
Universitätsmedizin Mainz
55131 Mainz

Interessenkonflikte: Der Autor hat keine deklariert


Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2020; 42 (5) Seite 46-49