Mit dieser Übersicht zum neuen Coronavirus 2019-nCoV möchten Ihnen nicht nur die wichtigsten Tools für die Hausarztpraxis zum Umgang mit möglichen Infizierten an die Hand geben, sondern auch heiß diskutierte Fragen zum Virus aufgreifen und Ihnen Quellen nennen, wo Sie ständig aktuelle Informationen finden können.

Was ist überhaupt ein "Verdachtsfall" auf eine Infektion mit dem Coronavirus 2019-nCoV? Wie gehen Sie vor, wenn ein Patient, auf den diese Definition zutrifft, am Empfang steht oder anruft? Wie können Sie sich und Ihr Personal schützen? Diesen Fragen hat sich auch die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) angenommen. Seit einigen Wochen liefert Prof. Dr. med. Michael Kochen, der Herausgeber der DEGAM-Benefits (vgl. Kasten), dazu regelmäßig aktualisierte ausführliche Informationen. Das letzte mit dem Robert Koch-Institut (RKI) abgestimmte Ablaufschema finden Sie auf der nächsten Seite

Anlass für aktuelle Anpassungen liefern neue Erkenntnisse zum Virus, die auch sicher künftig noch zu erwarten sind. So empfiehlt das RKI derzeit noch, zum Erregernachweis Proben aus den oberen und tiefen Atemwegen (z. B. Sputum) zu entnehmen.

Die DEGAM stuft dagegen die Abnahme von Sputum als optional ein (falls Zeit und Übung). Prof. Kochen vermutet, dass auch das RKI künftig auf die Sputumentnahme verzichten könnte, da viele der Betroffenen einen trockenen, nicht produktiven Husten haben und es immer mehr Hinweise gibt, dass sich das Virus auch in Nase und Rachenraum vermehren kann.

Die vormals ausgesprochene Empfehlung für alle Personen, die Kontakt mit Verdachtsfällen hatten, auch wenn sie dabei Schutzkleidung getragen haben, ein Symptom-Tagebuch zu führen, wurde laut DEGAM in Abstimmung mit dem RKI ersatzlos gestrichen.

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Als "Verdachtsfall" gelten zurzeit Patienten mit respiratorischen Symptomen und/oder Allgemeinbeschwerden (Fieber, Mattigkeit usw.), die gleichzeitig entweder Kontakt mit einem nachgewiesenermaßen infizierten Patienten hatten oder sich bis maximal 14 Tage vor Erkrankungsbeginn in einem Risikogebiet aufhielten. Dabei gilt bisher nur die Provinz Hubei mit der Hauptstadt Wuhan als Risikogebiet. Doch das könnte sich kurzfristig ändern. Aktuelle Informationen erhalten Sie auf den Seiten des RKI.

Mundschutz: Was hilft?

Das RKI empfiehlt zum Eigenschutz von Arzt/MFA sogenannte FFP2-Masken, wobei FFP für filtering facepiece steht, die auch Partikel-filtrierende Halbmasken genannt werden. Die drei Klassen FFP1 bis FFP3 unterscheiden sich durch den Prozentsatz der Aerosolfilterung. FFP2 muss mindestens 94 % eines Prüfaerosols zurückhalten, FFP1 nur 80 %. FFP2-Masken werden dann empfohlen, wenn der Träger Hustenstößen eines Patienten ausgesetzt ist, was beim Coronavirus ja recht wahrscheinlich ist. Wenn die FFP-Masken gut sitzen, also dicht anliegen, sollen sie einen guten Schutz bieten. Bartträger und kleine Kinder sind allerdings dahingehend im Nachteil.

Für den Patienten bzw. Verdachtsfall werden die üblichen OP-Masken oder MNS-Masken (Mund-Nasen-Schutz) empfohlen. Diese zählen zu den Medizinprodukten und werden nicht gemäß der europäischen Atemschutzgerätenorm geprüft. Vermutlich bieten diese Masken nur einen begrenzten Schutz und sitzen auch in der Regel nicht besonders dicht. Für einen Eigenschutz gesunder Menschen vor Infektionen mit dem Coronavirus sind diese Masken nicht geeignet. Dennoch erfreuen sich diese Produkte offenbar derzeit großer Beliebtheit und sind mancherorts schon komplett vergriffen. Der einzige Benefit dieser "normalen Masken" könnte sein, dass sich die Träger dann nicht mehr mit den Händen an Nase oder Mund fassen können, was möglicherweise die Übertragung von der Hand ins Gesicht erschwert. Wichtiger als Masken sind jedoch allgemeine Hygieneregeln wie Händewaschen und Hustenetikette. Detaillierte Empfehlungen finden Sie in unserem Beitrag "Hygiene – die effektivste Infektionsprophylaxe"

Gesundheitsamt: Was wann melden? Wann testen?

Meldepflichtig sind Verdacht, Erkrankung und Tod durch das Coronavirus 2019-nCov. Bei Personen, die sich in einem Risikogebiet aufgehalten haben, ist die derzeit übliche Maßnahme eine 14-tägige häusliche Quarantäne. Die genauen Maßnahmen sollten Sie jedoch mit dem zuständigen Gesundheitsamt absprechen. Eine Testung in Ihrer Praxis ist nicht erforderlich.

Wenn Sie oder ein Mitglied Ihres Praxisteams mit einem Verdachtsfall unter Einhaltung der üblichen Hygienestandards in Kontakt gekommen sind, ist weder eine Testung noch eine Quarantäne erforderlich.

Die Ängste und die Verunsicherung in der Bevölkerung sind derzeit groß. Sie werden sicher auch mit Patienten konfrontiert werden, die fürchten, sich beim China-Restaurant um die Ecke oder einem asiatisch aussehenden Mitreisenden in der Bahn angesteckt zu haben, teilweise sogar ohne dass Symptome bestehen. Zum einen ist dazu zu sagen, dass es sich hierbei nicht um Verdachtsfälle handelt und weder eine Quarantäne noch eine Testung indiziert ist. Zum anderen sollten Sie als Hausarzt versuchen, dazu beizutragen, entsprechende Diskriminierungen einzudämmen.

Nur für Personen, die obige Verdachtsfall-Definition nicht erfüllen, jedoch Kontakt zum Umfeld eines nachweislich mit Coronavirus infizierten Patienten hatten und zudem symptomatisch sind, gilt: Abstriche entnehmen und bis zum Befundeingang zu Hause isolieren.

Patienten, die mit Symptomen wie Husten, Fieber oder Atemnot mit der Befürchtung, an einer Coronavirusinfektion erkrankt zu sein, in Ihre Praxis kommen, sollten Sie darüber aufklären, dass ein grippaler Infekt oder eine Erkältungskrankheit sehr viel wahrscheinlicher ist. Nähere Informationen finden Sie hier: "Hygiene - die effektivste Infektionsprophylaxe".

Ablaufschema für Coronavirus-Verdachtsfälle (Klicken Sie für eine vergrößerte Ansicht auf das Bild).

Wie gefährlich ist das Virus?

Bislang sind ca. 65.000 Patienten (Stand: 14.2.2020) an Coronavirus 2019-nCoV erkrankt. Tagesgenaue Zahlen, auch zur Mortalität und weltweiten Verteilung finden Sie auf der Seite der John-Hopkins-University. Wie zuverlässig diese Zahlen sind, ist aber fraglich. Ein sprunghafter Anstieg der Erkrankungszahlen vom 12. auf den 13.2. hängt wohl mit einer neuen Definition Infizierter zusammen (nicht nur positiver Test, auch Kombination aus Klinik und Vorgeschichte). Wie Prof. Kochen im letzten DEGAM-Benefit schreibt, ist auch die Mortalität schwer zu beurteilen wegen der nicht sehr verlässlichen Fallzahlen. Er vermutet, dass weniger Patienten am Coronavirus versterben als seinerzeit an SARS oder MERS, derzeit weisen die Zahlen eine Mortalität um die 2 % aus.

Übertragung ohne Symptome?

Die Vermutung, dass das Virus bereits von Infizierten, die noch keine Symptome entwickelt haben, übertragen werden kann, wird abgeschwächt durch einen Bericht der Zeitschrift Science. Danach stellte sich der Artikel im New England Journal of Medicine über den ersten Fall in Deutschland als falsch heraus. Die chinesische Kollegin, an der sich der Patient angesteckt hatte, hat nicht erst auf dem Flug nach Hause Symptome entwickelt, sondern bereits in Deutschland. Die Autoren des Artikels im NEJM hatten nicht mit der chinesischen Patientin selbst gesprochen, sondern nur mit der Gruppe aus Deutschland, die zu ihr Kontakt hatte. Diese hatte keine Krankheitszeichen bemerkt. In einem Telefonat mit dem RKI gab die Chinesin jedoch an, bereits in Deutschland unter Müdigkeit und Muskelschmerzen gelitten und Paracetamol eingenommen zu haben.

Dass sich die vermutete Übertragung des Virus durch einen asymptomatischen Patienten als nicht korrekt herausgestellt hat, bdeutet aber nicht, dass diese Annahme generell nicht stimmt, heißt es in dem Artikel in Science. Es könnte aber sein, dass die "asymptomatische Übertragung" eine deutlich geringere Rolle spielt und Patienten, die husten und niesen, das Virus viel wahrscheinlicher verbreiten.

Es scheint so zu sein, dass mehr Männer von einer Infektion betroffen sind und chronische Erkrankungen einen Risikofaktor darstellen. In einer Publikation im Lancet berichten chinesische Autoren, dass von 41 in Wuhan erkrankten Patienten 20 % an Diabetes, 14 % an Bluthochdruck und 15 % an KHK litten. Die häufigsten gefundenen Symptome waren Fieber (98 %), Husten (76 %) sowie Muskelschmerzen oder Müdigkeit (44 %). Weniger häufig traten Sputumproduktion (28 %), Kopfschmerzen (8 %), Hämoptysis (5 %) und Diarrhoe (3 %) auf. Dyspnoe trat bei etwas mehr als der Hälfte der Patienten auf, jedoch erst nach im Mittel acht Tagen.



Autorin:
Dr. Vera Seifert

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2020; 42 (4) Seite 48-53