Dr. med. Benedikt Matenaer ist Palliativmediziner und betreut schwerstkranke und sterbende Patienten. In der Onkologie kann Homöopathie gefährlich sein, wenn Patienten ausschließlich dieser Therapie vertrauen und dafür auf wirksame schulmedizinische Behandlungen verzichten, so seine Erfahrung. Er engagiert sich im "Informationsnetzwerk Homöopathie" – einem Portal, das sich mit der Homöopathie kritisch auseinandersetzt. Wir sprachen mit ihm über seine Argumente, Homöopathie mit Skepsis zu betrachten.

Der Allgemeinarzt: Was war für Sie der Auslöser, der Homöopathie quasi den Kampf anzusagen?

Dr. Matenaer: Ich hatte in der Tat einige Schlüsselerlebnisse. So habe ich früher immer wieder mitbekommen, wie eine homöopathisch orientierte Kollegin an ihre Patienten ihre Kügelchen verteilt hat. Die schienen auch gar nicht schlecht zu wirken. Als sie von mir dann aber mal andere Globuli erhielten, wirkten die genauso gut. Daraufhin habe ich mich genauer informiert und auch mit dem angeblichen Wirkungsmechanismus beschäftigt, den ich absolut nicht nachvollziehen kann.

Außerdem habe ich mehrfach erlebt, wie Patienten in palliativer Situation, die sich oft an jeden Strohhalm klammern, von Homöopathen unseriöse Heilversprechen gemacht wurden. Bedenklich finde ich auch, dass gerade Kinder eine beliebte Zielgruppe von Homöopathen sind. Die bekommen von der Mama dann auch bei jedem Mückenstich oder blutenden Knie "Kügelchen". Das Kind lernt also, dass man bei jedem Wehwehchen unbedingt etwas einwerfen muss. Ich halte diese Medikalisierung für eine unheilvolle Entwicklung. Bei meinen Kindern gibt es Küsschen statt Kügelchen.

Der Allgemeinarzt: Ich werde Sie jetzt mit einigen klassischen Argumenten der Homöopathie-Befürworter konfrontieren und nach Ihrer Einschätzung fragen: Immer mehr Krankenkassen erstatten die Behandlungskosten für homöopathische Behandlungen. Das zeigt doch, dass der Nutzen anerkannt ist.

Dr. Matenaer: Vordergründig erscheint das nachvollziehbar. Aber Krankenkassen haben ja auch ganz klare Marketingstrategien. Naturheilverfahren sind positiv besetzt und ein solches Angebot kann bei der Auswahl einer Krankenkasse entscheidend sein. Vielleicht erhoffen sich die Kassen auch, dass der frühe Einsatz von Homöopathika die Behandlungskosten reduziert. Eine Studie der TK hat allerdings gezeigt, dass dies nicht der Fall ist. Im Gegenteil: Wenn schwierige Verläufe primär falsch behandelt werden, können die Behandlungskosten sogar steigen. Von einem nachgewiesenen Nutzen auszugehen, nur weil die Kassen die Kosten übernehmen, ist sicher falsch.

Der Allgemeinarzt: Stimmt, homöopathische Behandlungen werden von den Patienten oft gut angenommen. Und warum? Weil sie eben gut wirken, auch bei chronischen Beschwerden, bei denen die Schulmedizin versagt hat. Das ist ein weiteres gängiges Argument der Homöopathie-Verfechter.

Dr. Matenaer: Was diese hohe Akzeptanz der Homöopathie in der Bevölkerung angeht, so müssen wir "Hochschulmediziner" uns auch an die eigene Nase fassen. Wir lassen unsere Patienten in vielerlei Hinsicht allein. Patienten mit chronischen Krankheiten erhalten zwar von spezialisierten Einrichtungen modernste Therapien. Wichtige Kernfragen nach den Auswirkungen der Krankheit, wie sie den Patienten belastet oder destabilisiert und wie das soziale Umfeld reagiert, werden aber meist außer Acht gelassen. Das ist nicht nur ein Zeitproblem. Viele Kollegen haben auch keine Lust, sich so intensiv mit den Patienten zu beschäftigen. Kein Wunder, dass sich die Patienten dann bei einem Homöopathen, der ganz viel mit ihnen redet, auf sie eingeht und ihre Sorgen und Ängste ernst nimmt, bestens betreut und auch wohl fühlen. Diese netten Begegnungen, diese netten Gespräche bleiben in Erinnerung. Das ist der Grund für die Wirkung der Homöopathie und nicht irgendeine spezifische Wirkung der Globuli, die wir deshalb viel lieber Glaubuli nennen.

Der Allgemeinarzt: Was sagen Sie zu dem Argument: Im Gegensatz zur Medizin ist die Homöopathie eine ganzheitliche Methode?

Dr. Matenaer: Mit der sogenannten ganzheitlichen Methode ist gemeint, nicht nur die Krankheit, sondern alle Aspekte des kranken Menschen wahrzunehmen. Ich nehme für mich schon in Anspruch, auch ganzheitlich zu behandeln. Nur kostet das eben Zeit. Und da muss man selbstkritisch zugeben, dass Homöopathen sich ganz den Patienten zuwenden und damit viele gute Effekte mobilisieren. Schwierig, dagegen zu argumentieren.

Der Allgemeinarzt: Die Wirksamkeit der Homöopathie ist mit Hilfe der Versorgungsforschung und auch durch Studien und Metaanalysen klar belegt, sagen die Homöopathie-Befürworter.

Dr. Matenaer: Eine Behauptung wird ja nicht dadurch richtig, dass man sie immer und immer wieder wiederholt. Das ist einfach falsch. Die Studien, die es gibt, zeigen, dass es keine spezifischen Wirkungen gibt. Die nachgewiesenen Effekte lassen sich über die Beziehung zum Therapeuten und über Suggestion erklären. Wenn es wirklich so wäre, dass das Applizieren von Dingen, die wir nicht messen können, zu solchen Wirkungen führen würde, müsste man unser gesamtes naturwissenschaftliches Weltbild infrage stellen und die Medizinbücher auf diesem Planeten umschreiben.

Der Allgemeinarzt: Was würden Sie sich für die Zukunft wünschen, was den Umgang mit der Homöopathie angeht? Brauchen wir vielleicht mehr Studien?

Dr. Matenaer: Ich wünsche mir eine klare Positionierung des Gemeinsamen Bundesausschusses, dass für homöopathische Substanzen keine gesetzlichen Gelder zur Verfügung gestellt werden und auch homöopathische Leistungen von Ärzten nicht vergütet werden. Wir brauchen meiner Meinung nach auch keine Zusatzbezeichnung Homöopathie bei den Ärztekammern und es dürfte auch keine anerkannten und mit CME-Punkten belohnten Fortbildungsveranstaltungen geben. Weitere Studien brauchen wir nicht: Unfug braucht nicht untersucht zu werden.

Der Allgemeinarzt: Ich danke Ihnen für das Gespräch.

Das Interview führte Dr. Vera Seifert



Autor:

Dr. med. Benedikt Matenaer

Facharzt für Anästhesie, Palliativmedizin,
Spezielle Schmerztherapie
MVZ für Innere Medizin Bocholt GmbH
46397 Bocholt

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2018; 40 (5) Seite 22-23