Die Ohrenspülung ist ein medizinischer Eingriff, der mit Schmerzen und Schädigungen des Gehörorgans verbunden sein kann. Deshalb sollte man sich die Indikation für diese Maßnahme bei einem Klein- oder Schulkind in der hausärztlichen Praxis sehr gut überlegen.

Die noch gültige DEGAM-Leitlinie Ohrenschmerzen gibt dafür eine wichtige Hilfe. Sie stellt nämlich fest, dass "Cerumen … zunächst nichts Krankhaftes" sei, aber entfernt werden solle, wenn es zu Hörminderungen oder Ohrenschmerzen führe [1]. Die aktuelle Leitlinie der amerikanischen HNO-Fachgesellschaft empfiehlt entsprechend, Ohrenschmalz bei beschwerdefreien Patienten nicht routinemäßig zu entfernen, vor allem wenn das Ohr angemessen untersucht werden könne [2]. Schließlich hat das bei Kindern meist sehr weiche und flüssige Ohrenschmalz eine wichtige Schutzfunktion und die Selbstreinigung des Ohres wird durch physiologische Mechanismen sichergestellt. Wie oft also sieht der Hausarzt die Notwendigkeit, bei Klein- oder Schulkindern eine Ohrenspülung durchzuführen?

In einer eigenen, bislang noch nicht publizierten Studie zur Ohrenschmalzentfernung von 2015 bis 2018 wurden 354 Ohren mit einer mindestens subtotalen Cerumenverlegung zwischen dem 4. und dem 104. Lebensjahr im hausärztlichen Setting behandelt [3]. Es handelte sich dabei nicht um zufällig ausgewählte Patienten, sondern um konsekutive, die Sprechstunde besuchende Ohrenkranke, bei denen die Ohrschmalzentfernung obligat erforderlich war. Im Gesamtkollektiv fanden sich lediglich acht kindliche Ohren vom 4. bis zum 15. Lebensjahr (2,3 %). So gesehen scheint die Ohrenspülung beim Klein- bis hin zum Schulkind im unausgelesenen, hausärztlichen Patientengut eher selten erforderlich.

Für die Cerumenentfernung in dieser Altersgruppe kann unter Hausarztbedingungen nur die vorsichtige Ohrenspülung mit 37°C temperiertem Wasser empfohlen werden. Als Spülvorrichtung hat sich in unserer Untersuchung das OtoClear® Handspülsystem (Halbliterfüllbehälter, Fingerhebelpumpe mit konstanter Druckerzeugung, Temperaturmessstreifen, Einmaldüsen mit dreidimensionaler Spülwasserverteilung) auf der Basis einer gewöhnlichen Sprühflasche bewährt (Abb. 1). Durch die Einmaldüsen können auch hygienische Anforderungen (Semikritisch A) erfüllt und mit der Fingerhebelpumpe eine konstante Druckerzeugung gewährleistet werden. Der aufgebrachte Temperaturmessstreifen ermöglicht mit etwas Übung die rasche und korrekte Einstellung der Spülwassertemperatur, so dass kalorische Irritationen weitestgehend vermieden werden können. Der Einsatz dieser Handspülpumpe (ca. 100 € im Fachhandel) kann durch eine Vorbereitung mit handelsüblichen Cerumenolytika kombiniert werden. In meiner Untersuchung wurden neben zwei Natriumdocusatdarreichungen (Otowaxol®, Audilyse®) eine Paraffin-Mandelöllösung (Cerustop®) und eine Meerwasserzubereitung (Alvita®) erprobt, die ab dem 4. Lebensjahr zugelassen sind. Bei fünf der untersuchten Kinderohren wurden Audilyse® und Alvita® etwa 20 Minuten vor der Spülung in das betroffene Ohr appliziert. Die Ohrenspülung war in allen Fällen erfolgreich, selbst ohne cerumenolytische Vorbereitung. Aufgrund der sehr geringen Fallzahl dürfen daraus aber keine Rückschlüsse auf die Überlegenheit des einen oder anderen Verfahrens gezogen werden. Zumindest traten bei keinem der kleinen Patienten Nebeneffekte auf und die Ohrenspülung wurde unter den genannten Bedingungen von Kindern und Eltern (!) problemlos akzeptiert.


Literatur
1. Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin DEGAM (Hrsg.) Ohrenschmerzen. DEGAM-Leitlinie Nr. 7 Aktualisierte Fassung 2014 S2k-Leitlinie Frankfurt am Main
2. Schwartz SR, Magit AE, Rosenfeld RM et al. Clinical practice guideline (update): earwax (cerumen impaction). Otolaryngol Head Neck Surg. 2017; 156(1): 14-29
3. Meyer F, Meyer E. Obturierendes Ohrenschmalz. Erweiterte Pilotstudie zur Konzeption eines praxisgerechten und standardisierten Vorgehens für die hausärztliche Cerumenentfernung. Data on file 2018, Publikation in Vorbereitung


Autor:

Dr. med. Fritz Meyer

Facharzt für Allgemeinmedizin, Sportmedizin-Ernährungsmedizin (KÄB)
Facharzt für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde
86732 Oettingen/Bayern

Interessenkonflikte: Es liegen keine Interessenkonflikte im Sinne der Richtlinien des International Committee of Medical Journal Editors vor. Die in dieser Publikation genannten Untersuchungen wurden ohne anderweitige finanzielle Unterstützung durchgeführt.



Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2018; 40 (13) Seite 42-43