Es wäre dringend an der Zeit, den bürokratischen Aufwand in Arztpraxen zumindest etwas zu reduzieren. Doch das Gegenteil ist der Fall, wie der aktuelle Bürokratieindex der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) für das Jahr 2018 zeigt: Denn die Bürokratielast ist weiter auch da stetig gewachsen. Und das bevorstehende Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG) lässt nichts Gutes ahnen.

Rund 54,5 Millionen Arbeitsstunden pro Jahr verbringen Vertragsärzte und Psychotherapeuten allein damit, den bürokratischen Erfordernissen der gemeinsamen Selbstverwaltung gerecht zu werden. Hinzu kommt noch der Aufwand, der sich aus der Bundesgesetzgebung sowie aus den Vorgaben auf KV-, Landes- und Kommunalebene ergibt. Im Vergleich zum Vorjahr ist das ein weiterer Anstieg um 0,6 % oder knapp 323.000 Stunden. Und das in Zeiten, da ärztliche Arbeitszeit ohnehin ein knappes Gut ist.

60 Tage für die Bürokratie

Klar ist schon einmal: Hochgerechnet sind das rund 60 Tage, die in jeder Praxis fehlen. Und diese mit Verwaltungsarbeit verbrachte Zeit steht natürlich nicht mehr für die Behandlung von Patienten zur Verfügung. Die KBV betrachtet diese Zahlen mit Sorge, denn Ärzte würden sich mehr Zeit für ihre Patienten wünschen und weniger Zeit am Schreibtisch.

Treibende Kraft hinter der wachsenden Bürokratielast sei auch die Demografie, so die Studie. Denn diese schlage sich nicht nur in einer steigenden Nachfrage nach medizinischen Leistungen nieder, sondern damit verbunden auch in einem Mehr an Dokumentationen und Bescheinigungen. Ältere und mehrfacherkrankte Patienten gehen öfter zum Arzt und benötigen mehr ärztliche Leistungen. Dadurch erhöht sich auch der bürokratische Aufwand.

Demografischer Wandel fordert mehr Aufwand

Dabei schlagen neben der allgemeinen Patientendokumentation und dem Datenaustausch mit Kollegen vor allem die Verordnungen für häusliche Krankenpflege, für Heilmittel und zur Krankenbeförderung zu Buche. Die stetig gestiegene Zahl an Beschäftigten in Deutschland hat auch eine häufigere Ausstellung von Bescheinigungen zur Arbeitsunfähigkeit (AU) mit sich gebracht. Mit einem Aufwand von insgesamt 4,9 Millionen Nettoarbeitsstunden gehören AU-Bescheinigungen zu den Top 3 zeit-
intensiver Dokumente.

Eine starke Entlastung konnte hingegen bei der Informationspflicht "Erhebung von Daten im Ersatzverfahren" festgestellt werden. Durch bessere elektronische Gesundheitskarten und Lesegeräte werde die manuelle Erfassung seltener erforderlich. Erleichterungen gab es auch durch den Wegfall der "Überweisung zum Durchgangsarzt" und des "Behandlungsausweises" für Opiatabhängige.

Ein nicht zu vernachlässigender Nebeneffekt der überbordenden Bürokratie sei zudem, dass dadurch auch die Entscheidung für oder gegen eine Niederlassung junger Ärzte massiv beeinflusst werde, mahnt die Studie.

4.000 zusätzliche Ärzte

Die KBV hat sich für die Zukunft ein verbindliches Bürokratie-Abbauziel von 25 % gesetzt. Rund 15 Arbeitstage je Praxis könnten damit sinnvoller z. B. für die Patientenversorgung verwendet werden. Letztlich wäre dies gleichzusetzen mit einem Plus von über 4.000 Ärzten. Ob das zu schaffen sein wird, steht allerdings in den Sternen. Vor allem in Anbetracht neuer Regelungswerke wie dem Terminservice- und Versorgungsgesetz, die den Verwaltungsaufwand vermutlich eher noch erhöhen werden. Dass da die Digitalisierung zum Bürokratieabbau einen wesentlichen Beitrag leisten könnte, ist erst einmal nur eine vage Hoffnung.



Autor:
Dr. Ingolf Dürr

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2019; 41 (5) Seite 36-37