Der Wunsch von Dr. Hans-Michael Mühlenfeld, es beim Berufspolitischen Oktoberfest des Deutschen Hausärzteverbandes (DHÄV) bei der practica in Bad Orb im Jahr 2017 wie in früheren Zeiten wieder mal so richtig krachen zu lassen, ging wieder nicht in Erfüllung. Beim Thema Honorare und Hausarztzentrierte Versorgung (HzV) herrschte eher Friede, Freude, Eierkuchen (passend zum Oktoberfest gab es aber Brezeln). Etwas mehr elektrisierte hingegen die Gemüter an diesem Oktoberfestabend, an dem das Stimmungsbarometer der Hausärzte stets gut abgelesen werden kann, der Begriff "Facharzt," egal ob es um den Geriater, den Pädiater, den Psychotherapeuten oder ganz generell um den grundversorgenden Facharzt ging.

"Wir werden uns nicht scheuen, insbesondere gegen die sogenannten grundversorgenden Fachärzte die Kriegsflagge auszurollen, falls diese weiterhin ureigene hausärztliche Tätigkeiten für sich reklamieren sollten", proklamierte Hauptgeschäftsführer Eberhard Mehl. Das tat der hausärztlichen Seele gut und manch einer prostete sich daraufhin spontan zu.

Spezialisten taugen nicht zum Zehnkämpfer

Doch der Reihe nach. Wie es sich gehört, heizte auch diesmal Tagungsleiter Dr. Hans-Michael Mühlenfeld mit seinem Eingangsstatement die Stimmung ein wenig an: Fachärzte seien in keiner Weise fachlich für hausärztliche Aufgaben qualifiziert, stellte Mühlenfeld, Tagungspräsident der practica und Vorsitzender des Instituts für hausärztliche Fortbildung (IhF), fest. Die Tätigkeit eines Hausarztes sei sehr gut mit den Leistungen eines Zehnkämpfers zu vergleichen, der hierfür aber ein ganz anderes Training benötige als zum Beispiel ein Kugelstoßer, der – vergleichbar mit dem Facharzt in der Medizin – lediglich in einer Disziplin der Spezialist sei. Nach Ansicht von Hausärzte-Verbandschef Ulrich Weigeldt müsse ein Allgemeinarzt heute sogar weit mehr als zehn Disziplinen im Blick haben, um den Patienten als ganzen Menschen vom Kind bis ins hohe Alter und vom Fuß bis zum Kopf gerecht werden zu können. In diesem Sinne könne ausschließlich der Hausarzt als Facharzt für Allgemeinmedizin der grundversorgende Facharzt sein. Für besser geeignet hält Weigeldt aber ohnehin die Bezeichnung "qualifizierter Primärversorger", da 80 % aller Patientenanliegen in der Hausarztpraxis abschließend gelöst werden könnten.

Honorartrennung wird ausgehebelt

Beim Oktoberfest wurde zudem deutlich, dass die Hausärzte die Offensive der Fachärzte als "honorarpolitischen Angriff" ansehen. Denn die mühsam erkämpfte Honorartrennung zwischen Haus- und Fachärzten werde ausgehebelt, wenn künftig ureigene hausärztliche Leistungen grundversorgender Fachärzte aus dem Hausärztetopf finanziert würden. Mehl: "Wir werden mit allen Mitteln verhindern, dass die Fachärzte bei uns Gold zu schürfen versuchen." Auch das kam bei der Basis ausgesprochen gut an.

Und die legte, wie zum Beispiel ein Hausarzt aus Nordhessen, gleich kräftig nach. Viele Hausarztpatienten seien multimorbid oder hätten keine eindeutige Erstdiagnose, die Fachärzte zur zielgerichteten Behandlung jedoch benötigten. Zudem bestehe die Gefahr, dass grundversorgende Fachärzte Kapazitäten binden, die die Wartezeiten für eigentliche Facharzt-Patienten weiter unnötig verlängerten. Und schließlich – so war vielfach zu hören – würden auch die Kosten steigen, wenn künftig nicht nur weitergebildete Allgemeinärzte entscheiden, wann die Spirale für die teure Spezialversorgung durch Fachärzte im ambulanten und stationären Sektor in Gang kommen soll.

Hausärzte müssen sich fortbilden

Allerdings wies Mehl in Bad Orb am Ende auch darauf hin, dass die Hausärzte dieses Alleinstellungsmerkmal nur so lange für sich beanspruchen dürfen, solange sie auch ständig qualifizierte Fortbildungen nachweisen können. Das sei nicht bei allen Hausärzten der Fall. Und genau in diese Lücke versuchen nun manche Facharztgruppen zu stoßen, indem sie die fachliche Kompetenz der Allgemeinärzte infrage stellen. Die Strategie dabei ist stets die gleiche: Erst wird versucht – wie ganz aktuell im Fall der Palliativmedizin – ein inhaltliches Feld neu aufzumachen, um dann zu erklären, dass dieses nur von Fachärzten oder besonders fortgebildeten Allgemeinärzten ausgefüllt werden kann. Im Bereich der Geriatrie zeige dieses Vorgehen bisher keine so dramatischen Auswirkungen, weil wenige Dutzend Facharzt-Geriater noch lange nicht die geriatrische Vormachtstellung der Hausärzte ins Wanken bringen könnten. Doch, so Mehl, könnten aus den wenigen Geriatern "bald einige 100 werden", die am Ende den Hausärzten lediglich noch die Sicherstellung der geriatrischen Versorgung zugestehen würden.

Mit Pädiatern im Gespräch

So wie bei der Pädiatrie, bei der Hausärzteverbandschef Ulrich Weigeldt diese "Schieflage" trotz der mittlerweile vorhandenen "besseren Gesprächskultur" seit langem beobachtet. Beim Oktoberfest kritisierte er insbesondere die Arbeitsteilung, nach der bis 21 Uhr die Pädiater mit ihren dann häufig endenden Notdiensten primärer Ansprechpartner für Kinder seien und ab 21.01 Uhr dann der Hausarzt. Weigeldt: "Da muss man sich schon fragen, ob die Kinder nach 21 Uhr plötzlich ganz anders krank sind." Allerdings stellte Prof. Erika Baum, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM), in Bad Orb fest, dass derzeit in einer eigens gegründeten Arbeitsgemeinschaft eine Annäherung zwischen Pädiatern und Allgemeinärzten stattfinde. Das sei aber auch aus der Not heraus geboren, wie Armin Beck, 1. Vorsitzender des Hausärzteverbandes Hessen, in Bad Orb zu berichten wusste. Pädiater seien in Hessen bereits auf Hausärzte zugekommen, um sie zu bitten, einen Teil der kleinen Patienten mit zu übernehmen.

Keine Substitution von hausärztlichen Aufgaben

Derartige Annäherungen zeichnen sich indes im Bereich der palliativmedizinischen Versorgung in keiner Weise ab. So hält es Hans-Michael Mühlenfeld für absolut untragbar, dass sich auch palliativmedizinisch erfahrene Hausärzte künftig mindestens acht Stunden pro Jahr palliativmedizinisch fortbilden sollen. Das seien bereits 20 % der gesamten Fortbildungszeit, die pro Jahr von Allgemeinärzten mindestens zu stemmen ist. Für Mühlenfeld "eindeutig zu viel."

Schließlich müsse auch der "Physician Assistant" "komplett verhindert" werden, so der Tenor beim berufspolitischen Oktoberfest. Auf diesem Feld sind die Hausärzte laut Mühlenfeld mit der Versorgungsassistentin in der Hausarztpraxis (VERAH) bereits bestens aufgestellt. Völlig absurd sei schließlich der Vorstoß der Psychotherapeuten, gegebenenfalls auch Medikamente verordnen zu dürfen. Mehl: "Da kommen wir in andere Welten, in die wir aber alle nicht hinwollen."

In andere Welten ist der Hausärzteverband mittlerweile auch mit seinen Hausarztverträgen vorgestoßen. Die Bilanz, die in Bad Orb präsentiert worden ist, kann sich in der Tat sehen lassen: Nicht nur im Süden der Republik hat sich die HzV inzwischen als "zweite Form der Regelversorgung" etabliert. Auch andere KV-Regionen wie Hessen, Nordrhein und Westfalen-Lippe mit mittlerweile zusammen rund einer Million Versicherten "ziehen deutlich an", verkündete Eberhard Mehl sichtlich erfreut. Bis Ende 2017 wird mit sämtlichen Verträgen zur HzV ein Gesamthonorar in Höhe von 1,15 bis 1,2 Milliarden Euro generiert werden können. Und 2019 wird die 1,5- Milliarden-Marke wohl erreicht werden. 2015 hatte das HzV-Honorarvolumen noch unter einer Milliarde Euro (970 Millionen) gelegen. Kein Wunder, dass spätestens hier die 1.100 Teilnehmer bei der practica in Bierlaune kamen, auch wenn Mehl die Wechselbereitschaft mancher Hausärzte in die HzV schwinden sieht, nachdem auch die KV-Fallwerte in vielen Regionen deutlich angezogen haben.



Autor:
Raimund Schmid

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2017; 39 (19) Seite 34-36