Bei einem Oktoberfest geht es zumeist hoch her. Für das vom Hausärzteverband und vom Institut für hausärztliche Fortbildung (IhF) initiierte berufspolitische Oktoberfest, das in jedem Jahr anlässlich der Practica in Bad Orb gefeiert wird, galt dies bislang auch. Doch 2018 war alles anders. Die üblichen scharfen und zum Teil auch schon bierbeseelten Statements der allgemeinärztlichen Basis blieben lange Zeit aus. Doch beim Thema Delegation kam Stimmung auf.

Practica-Tagungspräsident Dr. Hans-Michael Mühlenfeld, zugleich Moderator des politischen Oktoberfestes, hätte eigentlich nach einer Stunde mit allen 200 Teilnehmern anstoßen können und die Erfolge der jüngsten Zeit – gesicherte Honorare, Erfolgsmodelle HzV und VERAH® oder Kompetenzzentren Allgemeinmedizin – ausgelassen feiern können.

Sollen Hausärzte mehr delegieren?

Zum Glück entschied sich Mühlenfeld anders und brachte mit seiner Forderung, die Delegation an qualifizierte Praxiskräfte auch auf das unterschriftsfertige Ausstellen von Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen (AU) ohne persönlichen Arztkontakt auszuweiten, noch mal richtig Stimmung in die gemütliche Bierstube im Bad Orber Hotel an der Therme. Dafür konnte der Bremer Allgemeinarzt und Leiter des IhF durchaus einleuchtende Gründe vorbringen. Um den zunehmenden bürokratischen Alltag in einer Hausarztpraxis in Zukunft noch meistern zu können, müssten seiner Ansicht nach immer mehr "Alltagstätigkeiten" und routinemäßige nicht-ärztliche Handlungen auf besonders qualifizierte und erfahrene MFA übertragen werden. Künftig sei dies "unverzichtbar im Sinne einer effektiven Entlastung. So könne zum Beispiel der Hausarzt beim Wundmanagement dann erheblich entlastet werden, wenn er sich diese Aufgabe mit einer entsprechend fortgebildeten VERAH® teile. Positiv sei dies auch für den Patienten, weil eine VERAH® "häufiger mehr Zeit mitbringt und daher einen anderen Zugang zum Patienten hat als ein Arzt", so Mühlenfeld.

Sinnvoll sei deshalb auch das maßgebliche Vorbereiten einer AU, ein Vorgang, der täglich anfalle, den Arzt viel Zeit koste und dem Patienten häufig eine unnötig lange Wartezeit abverlange. Gedeckt werde dies auch durch entsprechende Richtlinien, die beim Ausstellen einer AU nicht zwingend einen persönlichen Arzt-Patienten-Kontakt voraussetzen. Zudem gehe es hier häufig um Bagatellerkrankungen, die in anderen Ländern überhaupt keinen Arztkontakt auslösen und die auch hierzulande eine qualifizierte MFA souverän meistern könne. Mühlenfeld stellte dann zugleich aber auch klar: "Die Diagnostik ist und bleibt eine rein ärztliche Aufgabe, die zwingend weiter einen persönlichen Arzt-Patienten-Kontakt erfordert."

Verantwortung bleibt beim Arzt

Diese Unterscheidung immer richtig zu treffen, sei aber selbst für eine qualifizierte VERAH® nicht immer einfach, entgegnete Prof. Martin Scherer, Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin am UKE in Hamburg und Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM). Hinter einer Krankschreibung könne oft viel mehr als eine Bagatellerkrankung stecken, was aber allein ein Arzt nach einem persönlichen Arzt-Patienten-Kontakt beurteilen könne. Gerade junge Allgemeinärzte teilten in Bad Orb diese Sichtweise Scherers.

Einig sind sich aber alle Seiten, dass eine solche Delegation nur dann erfolgen dürfe, wenn die MFA und der verantwortliche Arzt diese wollen und auch der Patient damit ausdrücklich einverstanden sei, stellte Günther Egidi, Sprecher der Sektion Fortbildung bei der DEGAM, klar. Zudem sollten die MFA und VERAH® eine entsprechende Fortbildung nachweisen, wie sie zum Beispiel vom Bremer Allgemeinarzt bei der Practica unter dem Motto "Das geht auch ohne Arzt! Delegation hausärztlicher Leistungen an MFA" angeboten wurde. Dann sieht auch Egidi keine Probleme, dass MFA mit Hilfe einer kleinen krankheits- oder themenbezogenen Checkliste AU auch ohne persönlichen Arztkontakt sehr gut und unterschriftsreif vorbereiten.

Wie ein Vorgehen in der Praxis konkret aussehen kann, machte der Bremer Allgemeinarzt am Beispiel Kopfschmerzen deutlich. Eine Delegation komme hier dann infrage, wenn Patienten mit immer regelmäßig vorkommenden Migräne- oder Spannungskopfschmerzen die Praxis aufsuchen. In diesem Fall könne eine qualifizierte MFA durchaus eine AU von bis zu drei Tagen ohne Arztkontakt abschließend vorbereiten. Auch eine AU-Verlängerung sei möglich, wenn der Arzt den Patienten und den Verlauf gut kennt. Eine Delegation sei hingegen nicht möglich, wenn der Patient über ungewöhnlich starke oder langandauernde (über eine Woche lang) Kopfschmerzen klagt, benommen wirkt oder einen deutlich zu hohen Blutdruck hat. Und auch "AU-zockende Pappenheimer" müssen laut Egidi immer dem Arzt vorgestellt werden.

Mehr Hausärzte-Nachwuchs, aber nicht genug

Diese möglichen Entlastungen stehen natürlich auch in engem Zusammenhang mit dem Hausärztemangel, hieß es auf dem Oktoberfest. Zwar ist die Zahl der Weiterbildungsassistenten in der Allgemeinmedizin in den vergangenen fünf Jahren um 50 % angestiegen, verkündete Robert Festersen, Geschäftsführer des Deutschen Hausärzteverbandes, freudig. Dennoch werde dieser Zuwachs längst nicht ausreichen, um in den nächsten Jahren mindestens 2.500 neue Fachärzte für Allgemeinmedizin pro Jahr (derzeit sind es 1.500) in die Versorgung zu bekommen. Dies unterstrich auch Hans-Michael Mühlenfeld. Von vier Allgemeinärzten, die ausscheiden, würden derzeit zwei fertige Fachärzte für Allgemeinmedizin und ein Hausarzt-Internist nachrücken. Die vierte Stelle bliebe hingegen unbesetzt.

Verschärft wird das Nachwuchsproblem noch dadurch, dass die so zahlreich wie nie zuvor vertretenen jungen Allgemeinärzte bei der Practica ihren Anspruch, künftig zum großen Teil in Teilzeit und in Anstellung arbeiten zu wollen, ausdrücklich untermauerten. Unterstützung erhielten sie zum Teil auch von älteren Allgemeinärzten, die ihren Sitz aufgrund des Nachwuchsmangels an ein MVZ verkaufen mussten und dabei durchaus gute Erfahrungen gemacht haben. Genau davor warnte indes Hausärzte-Chef Ulrich Weigeldt. 40 % der Ärzte, die in einem MVZ arbeiten, scheiden nach vier Jahren bereits wieder aus, berichtete er. Für viele junge Ärzte sei zudem eine eigene Hausarztpraxis derzeit die beste Investition des Lebens, behauptete Weigeldt. Der Allgemeinarzt Dr. Norbert Hartmann sieht zudem die Gefahr, dass angestellte Allgemeinärzte in MVZ "geknechtet" und sich vom freien und selbstständigen Arbeiten immer mehr entfernen würden.

Hier tischte Dr. Ralph Krolewski, Vorstandsmitglied des Hausärzteverbands Nordrhein, eine Rechnung auf, die viele Teilnehmer nachdenklich stimmte: 160 Hausärzte im oberbergischen Kreis leisten derzeit pro Jahr 160.000 Überstunden. Würde man diese Überstunden auf die durchschnittliche Arbeitszeit angestellter und teilzeitarbeitender Ärzte herunterrechnen, bräuchte man allein im oberbergischen Kreis künftig zusätzlich 80 Fachärzte für Allgemeinmedizin. Krolewski: "Wir brauchen daher noch mehr Nachwuchs, als alle glauben."

Werkzeugkasten hilft bei Niederlassung

Da traf Ruben Bernau, einer der Sprecher der AG "Werkzeugkasten Niederlassung", mit der Vorstellung dieses innovativen Fortbildungskonzeptes beim Oktoberfest genau ins Schwarze. 30 Referenten bieten bundesweit in Form eines Peer-Teachings jungen nachrückenden Ärzten ein Forum an, sich in 13 modularen Seminaren interaktiv von der Weiterbildung über die Personalführung, Abrechnung bis hin zu Versicherungen zu informieren. Dabei sollen niederlassungswillige Allgemeinärzte vom Erfahrungsschatz bereits niedergelassener junger Allgemeinärzte profitieren. Deshalb stehen laut Bernau solche praxisrelevanten Themen im Fokus, die über die DEGAM oder den Hausärzteverband bisher in dieser Weise nicht angeboten wurden.

Zum Beispiel der Werkzeugkasten Modul 10, der unter dem Motto "Ich weiß, dass ich nichts weiß – Wissensmanagement" steht. "Jede Woche finden unzählige Fortbildungen ohne einen statt? Wie unterscheide ich wichtig von unwichtig,?", so lautet die Herausforderung in diesem Modul. Und das Angebot ist genau auf junge Nachwuchsärzte ausgerichtet. "Mit den Antworten helfen wir Euch, den Kopf über Wasser zu halten. Bringt Laptop, Tablet und Smart-
phone mit – wir recherchieren online." Im Modul 8 wird sogar der Versuch unternommen "Freude mit Formularen und Umgang mit Bürokratie" zu erlernen. Dabei geht es darum, sich zeiteffizient solchen täglichen Fragestellungen wie Arbeitsunfähigkeit, Attestwünschen etwa bei der Krankheit eines Kindes oder Anfragen von Krankenkassen oder des MDK zu stellen. Bei der Practica 2018 in Bad Orb waren alle 13 Module Bestandteil des Programms. Außerhalb der Practica werden diese auch einzeln oder im Doppel- oder Dreierpack angeboten.

Dem Anspruch, der größte Seminar-Kongress für Allgemeinärzte in Europa zu sein, ist die Practica unter anderem auch damit erneut eindrucksvoll gerecht geworden. Und am Ende ist dann doch sogar wieder – Hans-Michael Mühlenfeld sei Dank – ein wenig Oktoberfest-Stimmung aufgekommen.



Autor:
Raimund Schmid

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2018; 40 (20) Seite 34-36