Schallendes Gelächter ertönt seitens der Kolleginnen und Kollegen, als die junge Leiterin des Erste-Hilfe-Kurses den leblos vor ihr liegenden Dummy, den sie offensichtlich Bernd getauft hat, anschreit und schüttelt. Bernd rührt sich nicht und weigert sich auch zu atmen. Wir – die Statisten in diesem Schauspiel – sollen zunächst Gaffer imitieren, die den Ersthelfer schlimmstenfalls behindern.

In der Übung wirkten die Bemühungen um eine Puppe schon belustigend. Aber die Situation ist durchaus realitätsnah und dann gar nicht mehr so lustig, wie ich leider selbst schon erfahren habe: Es war am Hauptbahnhof. Es regnete so stark, dass mein Mann und ich beschlossen, uns in der Eingangshalle unterzustellen und dort auf den Bus zu warten. Entspannt beobachtete ich die Menschentraube, die sich unter das weitaus schmalere Vordach der Bushaltestelle quetschte. Aber wieso liegt dort ein aufgespannter Schirm? Bei genauerem Hinsehen wurde mir klar, dass da noch mehr auf dem Boden lag. Dort im strömenden Regen lag ein Mensch! Und niemanden kümmerte das!

Kaffee und Teilchen, die ich mir eben noch hatte schmecken lassen, landeten auf dem Boden und ich lief los. Mein Blick fiel auf die nur wenige Meter entfernte Menschentraube. Alle schauten – wie durch Zufall – in eine völlig andere Richtung. Noch während ich rannte, schrie ich "Hier liegt einer! Ruft den Krankenwagen!" Das sollten ja wohl alle gehört haben. Kniend hob ich den Schirm an und fand einen vielleicht 50-jährigen Mann vor, der stark zitternd und krampfend vor mir lag. Seine Augen konnten mich nur für Sekundenbruchteile fixieren, bevor sie wieder abdrifteten. "Hallo?! Hören Sie mich? Können Sie mich verstehen?!" Keine Reaktion. Mittlerweile kniete auch mein Mann neben mir. "Stabile Seitenlage, … weißt Du noch, wie das geht?" "Du, keine Ahnung, lass ihn mal auf die Seite drehen … und ich glaube, der Kopf muss nach oben, dass er Luft bekommt." "Hast Du den Notarzt gerufen?" "Ja, die kommen."

Aus dem Augenwinkel beobachtete ich mit steigender Wut die regungslose Menschentraube, die den Sturz mitbekommen haben musste. Und tatsächlich löste sich, als wir getan hatten, was uns möglich war und der Notarztwagen bereits auf den Vorplatz rollte, eine der Damen aus der Gafferherde und taperte auf uns zu. Na, immerhin zeigt jemand Interesse. Doch nein, sie fing an zu mäkeln: "Das ist doch keine richtige stabile Seitenlage, was Sie hier machen. Und haben Sie überhaupt schon einen Krankenwagen gerufen?" Wutentbrannt schrie ich sie an, dass ich sie genau beobachtet hätte, wie sie die ganze Zeit regungslos dort stand, und dass sie uns schon viel früher gerne hätte helfen können. Nachdem der Krankenwagen gefahren war und ich, zitternd vor Aufregung, Kälte und Wut, mit einem neuen Kaffee im Bahnhof stand, nahm ich mir fest vor, regelmäßiger meine Erste-Hilfe-Kenntnisse aufzufrischen und – noch viel wichtiger – nicht wegzusehen.

Wird schon einer kommen, werden wohl die meisten dieser Wegseher denken. Aber was ist, wenn keiner kommt? Dann können wir nur hoffen, dass wir nicht eines Tages unter einem solchen Schirm liegen, während nur wenige Meter weiter Menschen stehen, die alle darauf warten, dass jemand kommt. Und wenigstens einen Notarzt rufen, das sollte sich doch wohl jeder zutrauen, denkt sich


Yvonne Homann


Redaktion Der Allgemeinarzt

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2017; 39 (6) Seite 35