Das Hausarztleben könnte so schön sein, wenn doch nur die Politik nicht wäre. Diesen Eindruck könnte man mitnehmen vom Bayerischen Hausärztetag, der in diesem Jahr im tatsächlich sehr schönen Regensburg stattfand. Denn dort klagte man laut über den Gesetzes-Tsunami, der von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn losgetreten worden ist und der wohl auch noch weiter auf die Ärzte zurollen wird. Zumindest einen Trost gab es dabei aber dann doch: Die bayerische Gesundheitsministerin Melanie Huml hat damit auch so ihre Probleme und stärkte den Hausärzten ein wenig den Rücken.

Schon vorab hatten der Vorsitzende des Bayerischen Hausärzteverbands (BHÄV), Dr. Markus Beier, und seine zweite Stellvertreterin, Dr. Petra Reis-Berkowicz, klargemacht, was den Hausärzten im Süden am kürzlich in Kraft getretenen Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG) besonders missfällt: Hier werde eine Telefonzentrale zum Kern der Patientensteuerung gemacht. Es sei absurd, dass Menschen, die bei einer Terminservicestelle (TSS) anrufen, bessergestellt würden als Stammpatienten, die sich direkt an eine Praxis wenden. Damit würde nur eine zusätzliche Struktur aufgebaut, die letztlich zu mehr Fehlvermittlungen von Patienten führen werde, so die Kritik.

Das TSVG gehe hier völlig an der hausärztlichen Versorgungsrealität vorbei, denn wenn Mitarbeiter der TSS, die nicht in der Lage sind, die Dringlichkeit eines Falles einzuschätzen, den Hausarztpraxen künftig Patienten zuweisen sollen, torpediere das die Patientensteuerung durch den Hausarzt, fördere Ärzte-Hopping und führe zwangsläufig zu längeren Wartezeiten für Stammpatienten und chronisch Kranke, beklagte Beier.

HzV ist die beste Alternative

In seiner Rede stellte der Landesvorsitzende des BHÄV denn auch klar: "Wir Hausärzte brauchen keine externen Vermittler. Patienten, die akut erkrankt sind, kommen direkt in unsere Sprechstunde und werden am gleichen Tag behandelt. Und wenn es dringend ist, dann vermitteln wir auch einen Termin bei einem Facharztkollegen." Das sei schon immer so gewesen und habe auch immer funktioniert.

Die Antwort auf die Probleme im deutschen Gesundheitswesen sei nicht der "Gesetzgebungs-Tsunami", den man fast täglich aus Berlin erfahre, so Beier. Stattdessen empfahl er als bessere Lösung das bewährte freiwillige Primärarztsystem der Hausarztzentrierten Versorgung (HzV), das durch weitere Anreizsysteme für Patienten vorangebracht werden müsse. Hier seien in Bayern bereits 1,2 Millionen Versicherte eingeschrieben.

"Der Hausarzt ist ein wunderbarer Beruf"
Mit viel Beifall bedacht wurde die bayerische Gesundheitsministerin Melanie Huml bei ihrem Auftritt in Regensburg. Ein klares Zeichen dafür, dass die Stimmung zwischen dem BHÄV und dem Ministerium gut ist, und das schon seit einigen Jahren. Die Ministerin tat dann auch gleich ihr Bestes, um die Laune der Hausärzte noch weiter zu heben: "Hausärzte sind das Zentrum der Versorgung, sie sind die Ansprechpartner vor Ort und in der Fläche, und das soll auch so bleiben!", begann sie ihr längeres Statement. Darin zeigte sie sich überzeugt, dass es in den letzten Jahren insgesamt eine positive Entwicklung bei den Hausärzten gegeben habe und Hausärzte jetzt wieder optimistischer in die Zukunft schauen könnten. Nicht zuletzt werde dies auch an den steigenden Facharztprüfungen in der Allgemeinmedizin deutlich, so Huml.

Breitseite gegen Spahn: Diese Fortschritte, die in Bayern erreicht worden seien, wolle sie sich nun aber nicht von Entscheidungen aus Berlin zerrütten lassen, schoss Huml eine Breitseite gegen ihren Amtskollegen Jens Spahn ab – und zog die jubelnden Hausärzte damit endgültig auf ihre Seite. Von Zentralisierung halte sie wenig, man sollte die Dinge vor Ort lösen. Außerdem sei sie ein Freund der ärztlichen Selbstverwaltung, und die sollte man zunächst einmal in Ruhe arbeiten lassen, bevor man vonseiten der Politik eingreife. Eine klare Absage erteilte sie daher auch dem Faire-Kassenwahl-Gesetz, das gerade in Berlin vorbereitet wird und ebenfalls von einem Hang zur Zentralisierung gekennzeichnet sei, der letztendlich in einer Einheitskasse enden könnte.

Kein "Hausarzt light": Zur Freude der Hausärzte zeigte sich Ministerin Huml ebenfalls skeptisch, was den Physician Assistant anbetrifft. Sie sieht hier durchaus die Gefahr, dass damit durch die Hintertür ein "Medizin-Bachelor" eingeführt werde, also eine Art "Hausarzt light", und die Entwicklung dann darauf hinauslaufen könne, dass es einen Hausarzt in der Stadt gibt und eben einen PA auf dem Land. Der PA werde aber unweigerlich kommen, deshalb müsse man hier ein Auge darauf haben. Gleichzeitig zeigt sich Huml durchaus angetan von der Idee, den MFA eine Chance zur Akademisierung zu geben.

Die Politik müsse die Rahmenbedingungen setzen, unter denen die Ärzte sich dann frei entscheiden können sollten, wie sie ihren Beruf gestalten wollen, sei es in einer Einzelpraxis, einer Gemeinschaftspraxis oder in einem MVZ, so Huml zum Schluss ihrer Rede, der von Beifall begleitet wurde und sich noch zu Standing Ovations steigerte, als die Staatsministerin dann noch eine aktuelle Umfrage zitierte, wonach 84 % der Menschen ihrem Hausarzt vertrauen würden. Dieses Vertrauensverhältnis zwischen Hausarzt und Patient müsse erhalten bleiben, denn es sei ein Beleg dafür, dass der "Hausarzt ein wunderbarer Beruf ist".

Kritisch sehen Bayerns Hausärzte auch den Referentenentwurf des sogenannten "Faire Kassenwahl-Gesetzes" (FKG). Der Gedankenansatz, dass die von Hausärzten erhobenen Diagnosen weniger wert sind als die von Gebietsfachärzten, sei entwürdigend und werde daher vehement abgelehnt, so Dr. Beier. Abgelehnt werden auch die im Referentenentwurf vorgeschlagene Streichung der sogenannten Programmkostenpauschale im Disease-Management-Programm sowie die bundesweite Öffnung der Ortskrankenkassen.

Nachwuchsmangel auch bei MFA

Sorgen bereitet den bayerischen Hausärzten – aber sicher nicht nur ihnen – auch der zunehmende Mangel an Medizinischen Fachangestellten (MFA). Potenzielle Kandidaten würden lieber in anderen Branchen wie beispielsweise der Industrie arbeiten, weil sich ihnen dort bessere Verdienst- und Karrierechancen böten, beschrieb Reis-Berkowicz die Lage. Hier müsse man sich dringend Gedanken machen, wie der Beruf der MFA attraktiver werden könnte. Leider sei auch die ansonsten sehr erfolgreiche Versorgungsassistentin in der Hausarztpraxis (VERAH) bis dato eher eine karrieretechnische Sackgasse. Deshalb werde der Verband sich nun dafür einsetzen, MFA die Möglichkeit zu geben, sich in einer Art dualen Ausbildung über ein Fernstudium mit Bachelor-Abschluss zu akademisieren.

Hausärzte nicht durch Physician Assistants ersetzbar

Dazu wolle man zusammen mit den bayerischen Hochschulen ein Curriculum für VERAH erarbeiten, das auf die hausärztlichen Bedürfnisse zugeschnitten ist, kündigte Reis-Berkowicz an und machte zugleich deutlich, dass der sogenannte Physician Assistant (PA) keine Alternative zu den eigenen Plänen darstelle. Dieser Ausbildungsgang sei komplett praxisfern, denn PA hätten vor ihrem Studium keinerlei Erfahrungen in einer Arztpraxis und im Umgang mit den Patienten gesammelt. Einen solchen "Hausarzt light" lehne man zudem ab, weil dabei auch die Gefahr bestehe, dass der PA in Anbetracht des Hausärztemangels irgendwann den Hausarzt ersetzen solle. Da müsse man schon sehr aufpassen, dass es nicht zu solch einer schleichenden Substitution des Hausarztes komme.

Kommerzialisierung der medizinischen Versorgung ist eine Bedrohung

Wenig Positives abgewinnen kann der BHÄV dem zunehmenden Einfluss von Kapitalgesellschaften und privaten Gesundheitsunternehmen auf die Versorgung. Diese würden gezielt Arztsitze aufkaufen und dann renditeorientierte Medizinische Versorgungszentren (MVZ) gründen, wo sie dann festangestellte Ärzte nach ihren Vorgaben für sich arbeiten ließen. Diese Kommerzialisierung der medizinischen Versorgung bedrohe nicht nur die Ärzte, die dabei zu Befehlsempfängern von Con-
trollern degradiert würden, warnte Beier, auch die Patienten spielten in diesem System dann nur noch eine untergeordnete Rolle, da nur noch Kapitalinteressen im Vordergrund stünden. Der BHÄV plädiert daher dafür, die Größe von MVZ zu beschränken.



Autor:
Dr. Ingolf Dürr

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2019; 41 (12) Seite 24-26