Samstagnacht. Hausbesuch bei einem fiebernden Kind. Diagnose: Angina lacunaris. Die nächste Apotheke ist viele Kilometer entfernt. Ein PKW steht nicht zur Verfügung. Schön, wenn jetzt die Hausbesuchstasche gut gefüllt ist und sofort Fieberzäpfchen und ein Antibiotikum zur Verfügung stehen.

Auf dem Land kann der Rettungsdienst die gesetzlich vorgegebene Hilfsfrist von zwölf Minuten oft nicht einhalten. In Sachsen kamen im vergangenen Jahr die Retter immerhin bei jedem achten Einsatz später. So wird eine Überbrückung oft durch den Hausarzt geleistet, der notwendigerweise eine geeignete Ausrüstung für alle Fälle mitführen sollte. Dabei ist zu unterscheiden zwischen dem Notfallkoffer für die Versorgung lebensbedrohlicher Notfälle und den für den Hausbesuch notwendigen Utensilien und Medikamenten. Da in ländlichen Gebieten ganz besonders in der Nacht sowie an Wochenenden und Feiertagen die diensthabende Apotheke oft nur mit dem PKW erreicht werden kann, ist der Hausarzt gut beraten (eine Verpflichtung dazu besteht nicht!), wenn er eine wohl sortierte Medikamentenauswahl zur Verfügung hat, um beispielsweise Kinder oder immobile, allein stehende Patienten zu versorgen. Wichtig ist, dass das Sortiment überschaubar ist und die pharmakologischen Profile der Medikamente gut bekannt sind.

Übersicht durch mehrere Behältnisse

Es dient der Übersichtlichkeit und sorgt für eine schnelle Zugriffsmöglichkeit, wenn alle Utensilien und Medikamente nach Einsatzgebiet geordnet in verschiedenen Behältnissen untergebracht werden. Bewährt hat sich folgende Einteilung:

  • Hausbesuchstasche mit Ampullarium
  • Medikamentenbox für Erwachsene
  • Medikamentenbox für Kinder (vgl. Kasten)
  • Notfallkoffer bzw. Notfallrucksack (mit Notfallequipment sowie speziellem "Päd-Kit")

Bei der Lagerung sind die klimatischen Bedingungen im PKW mit hohen Temperaturen im Sommer und Frost im Winter zu beachten. Medikamente können unter diesen Umständen deutlich schneller unbrauchbar werden als auf der Verpackung angegeben. Besonders sensibel sind Ampullen und Suppositorien.

Checklisten sichern die Vollständigkeit

Um die Vollständigkeit von Notfallkoffer und Medikamentenboxen zu gewährleisten, hat sich die Arbeit mit Checklisten (Abb. 1) sehr bewährt. Dort ist der gesamte Inhalt gelistet. Grundsätzlich ist es sehr hilfreich, zusätzlich alle kontrollbedürftigen Sachverhalte auf den Checklisten besonders zu kennzeichnen (beispielsweise farblich zu hinterlegen). Wer es einmal erlebt hat, dass bei einer Reanimation der Intubationsspatel wegen einer leeren Batterie kein Licht gespendet hat, wird diese Mühe gerne in Kauf nehmen:

  • Betäubungsmittel mit Dokumentation im Bestandsverzeichnis
  • Kontrolle batteriebetriebener Geräte (Otoskop, Laryngoskop)
  • Kontrolle Blutzucker-Messgeräte (1x pro Woche mit Testlösung)
  • Eichung Blutdruck-Messgeräte
  • Kontrolle Verfallsdatum (Medikamente, Urinsticks und Sauerstoff)

In jeder Box oder Tasche werden mehrere Exemplare der entsprechenden Checkliste mitgeführt. Was entnommen wird, wird darauf gekennzeichnet. Eine Praxismitarbeiterin sorgt am nächsten Tag für den entsprechenden Ersatz. Die ausgegebenen Medikamente werden auf Patientenrezept wiederbesorgt. Um die zum Teil fälligen Zuzahlungen kümmert sich nach Absprache die Apotheke. Die früher geübte Praxis der Bestückung mit Ärztemustern hat den Nachteil, dass das Sortiment ständig wechselt, und ist deshalb verlassen worden.

Ungeliebt, aber auch unverzichtbar ist das Mitführen einer gut bestückten Formularmappe mit Rezepten, Krankenhauseinweisungen, Transportscheinen für Krankentransporte etc. Hilfreich ist auch ein Verzeichnis zur Hand zu haben, das wichtige Telefonnummern (z. B. Rettungsleitstelle, Apotheken, Pflegedienste, Notruf Vergiftungen, Krankenhäuser, Notfallseelsorge, Krisenintervention, Bestattungsunternehmen usw.) enthält.

Eine gut gestaltete Visitenkarte der Praxis – und als Patientenservice ein Aufkleber mit der Notrufnummer zum Anbringen auf dem Telefon (Abb. 2) – hinterlassen einen guten Eindruck beim Patienten.

Notfallkoffer modular einteilen

Der Inhalt des Notfallkoffers richtet sich sehr nach der persönlichen Erfahrung des Arztes. Unabhängig davon hat sich für einen raschen Zugriff eine modulare Einteilung sehr bewährt (Abb. 3). Ein spezielles „Päd-Kit“ hilft bei Kindernotfällen ohne langes Suchen schnell alles Wichtige zur Hand zu haben, wie zum Beispiel:

  • Rettungsdecke
  • Nabelklemme
  • Kinderbeatmungsbeutel-, Masken
  • Butterfly, Braunülen (24G)

Mindestens zweimal pro Jahr sollte turnusmäßig ein Notfalltraining stattfinden, um sicherzustellen, dass man mit den Techniken und dem Inhalt des Notfallkoffers stets gut vertraut ist.

Zwar lassen sich die meisten Beratungsanlässe im Hausbesuch mit dem Stethoskop und einer einfachen Diagnostikleuchte bestens absolvieren, für immerhin jeden zehnten Einsatz ist die beschriebene Notfallausrüstung jedoch hilfreich und auch notwendig. Stets ist besonderer Wert darauf zu legen, dass alles regelmäßig kontrolliert, bei Bedarf nachgefüllt oder ersetzt wird und nichts verfallen ist. Bei der Zusammenstellung der Ausrüstung richtet man sich nach den persönlichen Kenntnissen und Vorlieben, da insbesondere unter Hausbesuchs- oder Notfallbedingungen jeder Handgriff „blind“ und ohne Zeitverzug sitzen muss. Ich denke oft an den Besuch in tiefer Nacht bei einem Kleinkind mit erheblicher Luftnot bei Pseudokrupp zurück, der ohne Sauerstoff und die entsprechend geordneten Medikamente sicherlich nicht so problemlos und erfolgreich verlaufen wäre.



Autor:

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Dr. med. Uwe Stolz

Facharzt für Allgemeinmedizin
Ärztliches Qulaitätsmanagement
09362 Geringswalde

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2011; 33 (13) Seite 26-29