Die Mehrzahl aller Kinder unter zehn Jahren leidet mindestens einmal unter einer sekretorischen Otitis media. Die schwersten Komplikationen bestehen in der Entwicklung eines Cholesteatoms oder einer dauerhaften Hörminderung.

Etwa 80 % aller Kinder unter zehn Jahren erleiden mindestens einmal eine Mittelohrentzündung. Am häufigsten tritt sie im Alter zwischen zwei und fünf Jahren auf. Oft rezidiviert die Erkrankung, wobei eine Episode meist etwa sechs bis zehn Wochen andauert. In schweren oder langwierigen Fällen kann es zu einer permanenten Retraktion und Atrophie des Trommelfells kommen, und in manchen Fällen entwickelt sich ein Cholesteatom. Die bedenklichste Komplikation der Otitis media besteht in einer schallleitungsbedingten Hörminderung. Die genaue Ursache der Erkrankung ist nicht bekannt, die Otitis media entwickelt sich jedoch nach einer Fehlfunktion der Eustachischen Röhre, bei der es zu einem permanenten Unterdruck im Mittelohr kommt. Dies führt wiederum zu einer entzündlichen Reaktion der Mukosa im Mittelohr, die mit der Produktion von dünner oder dicker Flüssigkeit („Leim“, engl. „glue“) verbunden ist.

Zur Einschätzung des Krankheitsbilds erfragt man die Dauer der Symptome und die Auswirkungen auf Schule und Freizeit. Zur Evaluierung gehören auch Fragen nach rezidivierenden Ohrenentzündungen oder Infektionen des oberen Atemtrakts sowie nach Absonderungen aus den Ohren und deren Geruch.

Die Schlüsselelemente der Beeinträchtigung sollten ebenfalls erfasst werden. Dazu gehören Probleme beim Zuhören, eine undeutliche Sprache oder eine verzögerte Sprachentwicklung sowie Unaufmerksamkeit, Verhaltensprobleme und ein langsamer Fortschritt in der Schule. Eine variierende Beeinträchtigung des Hörvermögens über einen Zeitraum von Tagen oder Wochen wird ebenfalls häufig beobachtet. Die Mittelohrentzündung kann zudem mit Tollpatschigkeit und einem schlechten Gleichgewichtssinn verbunden sein.

Risikofaktoren

Eine sekretorische Mittelohrentzündung kann bei Kindern auch symptomlos verlaufen. Kommt das Kind regelmäßig in die Praxis, sollte die Diagnose einer Otitis media deshalb bei den genannten Symptomen bezüglich des Hörvermögens und des Verhaltens in Betracht gezogen werden. Ein erhöhtes Risiko für eine Mittelohrentzündung besteht bei Kindern, die Kindertagesstätten besuchen, die ältere Geschwister haben oder wenn die Eltern rauchen. Auch Kinder mit Gaumenspalte, zystischer Fibrose oder Down-Syndrom oder Kinder, die mit der Flasche oder auf dem Rücken liegend gefüttert werden, sind anfälliger für eine Mittelohrentzündung.

Bei der Untersuchung der Ohren erscheint das Trommelfell matt und grau. Der Steigbügelknochen kann etwas hervorstehen, da der Unterdruck dahinter das Trommelfell zurückzieht. Hinter dem Trommelfell kann ein Flüssigkeitspegel zu erkennen sein. Die sekretorische Otitis media tritt oft in Verbindung mit großen Polypen auf, so dass das Kind durch den Mund atmen muss.

Warnzeichen

Warnzeichen sind eine atypische otoskopische Untersuchung in Verbindung mit übel riechenden Absonderungen, die auf ein Cholesteatom hinweisen (Abbildung), sowie ein massiver Hörverlust oder ein anderer Untersuchungsbefund, der auf einen zusätzlichen sensorineuralen Hörverlust schließen lässt. Bei beiden Befunden ist eine sofortige Überweisung zum Hals-Nasen-Ohrenspezialisten erforderlich.

Sprachentwicklung

Bei der ersten Konsultation sollte man versuchen, einen Eindruck von der sprachlichen Entwicklung zu bekommen, was aufgrund von Zeitdruck oder der Nervosität des Kindes nicht immer einfach ist. Im Alter von zwei bis drei Jahren sollte ein Kind in der Lage sein, einfache Sätze zu sprechen, Alltagsgegenstände zu benennen und zweistufige Anweisungen zu befolgen. Mit vier oder fünf Jahren sollten Kinder das meiste verstehen, längere Sätze bilden können und leicht verständlich sprechen.

Weiteres Vorgehen

Zur Behandlung steht keine eindeutig wirksame Option zur Verfügung. Antibiotika, topische oder systemische Steroide, Dekongestiva, Mukolytika und Antihistaminika werden für das Routinemanagement nicht empfohlen. In manchen Fällen ist das chirurgische Einsetzen eines Belüftungstubus von Nutzen.

In den britischen NICE-Richtlinien wird ein aktives Monitoring über drei Monate empfohlen, um zu prüfen, ob die Symptome persistieren. In diesem Rahmen werden auch zwei Reintonaudiometrien im Abstand von drei Monaten durchgeführt. Wird ein Schallleitungshörverlust vermutet, kann das Kind unverzüglich an den Spezialisten überwiesen werden.

Die Eltern können dahingehend beruhigt werden, dass der Hörverlust sich oft spontan zurückbildet. Bei manchen Kindern kann während der Beobachtungsphase oder im Vorfeld eines chirurgischen Eingriffs eine Hörhilfe angebracht sein. Hörgeräte kommen auch bei Down-Syndrom-Kindern mit Otitis media zum Einsatz oder wenn eine Operation kontraindiziert ist.▪

Petra Stölting


Genehmigter und bearbeiteter Nachdruck aus Ars medici 17/2012


Quelle
Farboud Amir, Skinner Richard, Pratap Rohit: Otitis media with effusion („glue ear“), BMJ 2011; 343: d3770

Interessenkonflikte:
keine deklariert

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2013; (10) Seite 22-23