Sanfte Hügel, unberührte Natur und so viel Höhensonne wie sonst kein anderes Skigebiet bietet das zollfreie Hochtal von Livigno, dort gelegen, wo die italienische Lombardei in die Schweiz fingert. In Livigno kann man von Ende November bis Anfang Mai bestens Ski fahren: 115 km Pisten verschiedener Niveaus von 1.800 bis 2.900 Höhenmeter, mit 12 schwarzen Pisten und Tiefschneeabfahrten warten auf die Wintersport-Enthusiasten. Ganz fett im Kommen: Trails für wintertaugliche Bikes.

Mit einem freundlichen Wortschwall stellt Kellner Renzo die Pizza auf den Tisch, schneidet sie den Gästen blitzschnell in drei Teile und schenkt den Wein ein. An der Tür des Ristorante Bait dal Ghet drängen sich Skifahrer, die auf dem Weg von der Piste ins Hotel noch schnell etwas trinken wollen. Kurzerhand spannt Renzo eine Kette, damit die Gäste im hinteren Teil nicht gestört werden. Die Preise in der kleinen Pizzeria mit Blick auf den Holzofen sind unglaublich günstig. Sechs Euro für die Pizza, fünf Euro für einen halben Liter Rotwein, einen Euro pro Espresso. Einen Grappa gibt’s kostenlos dazu. Und schon ist die kurvenreiche Anfahrt durchs Engadin vergessen, an deren Ende das Nadelöhr Munt la Schera stand, wo für die Tunnelpassage satte 42 Euro (Hin- und Rückfahrt) zu löhnen waren.

Napoleon schaffte die Zölle ab

Zusammen mit dem Ortsteil Trepalle, der mit 2.096 Metern höchstgelegenen ganzjährig bewohnten Ortschaft Europas, zählt Livigno knapp 6.000 Einwohner. Und 250 zollfreie Läden! Zigaretten und Parfüm werden in fast jedem Haus verkauft, der Liter Diesel kostete Ende Januar 2016 gerade mal 67 Cent. 1805 wurde der Ort wegen seiner exponierten und früher im Winter kaum erreichbaren Lage von Napoleon zur zollfreien Zone erklärt. Österreich-Ungarn erkannte diese Wirtschaftsförderung 1818 an, später wurde der Status von Italien und schließlich auch von der EU bestätigt.

Seit 1951 räumt man den Passo di Foscagno im Winter frei, 1963 wurde der Tunnel von der Schweizer Seite gebaut. Was für einen enormen Wandel der Ort in den letzten Jahrzehnten durchgemacht hat, wird im neuen Museum deutlich, in dem alte Bewohner von früher erzählen. Mit 15 Jahren ging der heute 84 Jahre alte Domenico Bormolini bereits ins eidgenössische Nachbarland und arbeitete als Maurer, weil der Hof die neun Geschwister nicht ernährte. Für das dafür nötige Passfoto musste er zu Fuß ins 40 Kilometer entfernte italienische Bormio gehen. Die 71-jährige Menia Silvestri, die für die Museumsbesucher das Hochzeitsgewand ihrer Mutter trägt, erinnert sich, wie die Kinder in Kniestrümpfen und knielangen Hosen im Winter durch den Schnee zur Schule stapften. Auf Skiern stand sie erstmals mit 32 Jahren als vierfache Mutter.

Tiefschneefahren erlaubt!

Skifahren bis auf 3.000 Meter Meereshöhe ist heute die Hauptattraktion Livignos. Es gibt 115 Pistenkilometer, und, einzigartig in Italien, spezielle Hänge für Freerider. Der Name des Hochtals entstand aus dem Wort Lavinia, und natürlich ist wie überall in den Alpen die Gefahr von Lawinen nicht zu unterschätzen. Deshalb arbeitet Fabiano Monti, der in Livigno geboren ist und in einem der traditionellen Holzhäuser mit Bruchsteinfundament wohnt, zusammen mit Wissenschaftlern aus Innsbruck, Davos und Lausanne daran, die Entstehung von Lawinen zu erkunden ( http://www.alpsolut.de ). Gerade von einem Forschungsprojekt in der Arktis zurück, erklärt er, wie die Livigno-App mit speziellen Karten für Freerider täglich aktuell mit Details über die Schneeverhältnisse gefüttert wird. Informiert wird ganz nebenbei auch über Schutzgebiete von Steinböcken, Schneehühnern und Auerhähnen.

Fatbikes liegen voll im Trend

Für alpenweit schneearme Winter wie 2015/2016 ist man auch in Livigno gut gerüstet. Neben über vierzig Kilometern Langlaufpisten sorgen vor allem Fatbikes für viel Spaß. Mit rund zwölf Zentimetern sind die Reifen der Boliden fast doppelt so breit wie Mountainbike-Reifen. Die breite Auflagefläche bei gerade mal 0,5 Bar Reifendruck sorgt für gute Traktion auf Schnee, Matsch oder Sand. Fatbikes sind voll im Trend, besonders im Schweizer Gstaad, im österreichischen Ramsau und eben in Livigno.

Für einen halben (20 €) oder ganzen Tag (30 €) kann man im Fahrrad-Laden, der im Sommer Mountainbiker ausrüstet, Fatbikes mieten. Wir mieten gleich noch einen Guide dazu und machen uns mit Adam auf den 20 Kilometer langen Weg, der neben der Langlaufpiste speziell für Sportler mit ihren "schweren Jungs" präpariert wurde. Auf Eis ist zwar auch mit den grobstolligen Reifen Vorsicht geboten, aber auf Schnee gehen die Dinger gut ab, entsprechende Muskelkraft vorausgesetzt.

Nach zwei Stunden, als wir uns längst der Jacken und Mützen entledigt haben, fragt Adam, ob wir mal Lift fahren wollen. "Prego?", meint er das ernst? "Si, certamente", lacht er und radelt zum Snowpark. Mit Hilfe des geduldigen Liftbedieners, der das Rad festhält, während wir uns den Tellerlift zwischen Sattel und Hintern klemmen, lässt sich die Aufstiegshilfe problemlos nutzen. Zu Tal geht’s laut juchzend über die für Snowboarder aufgeschütteten und befestigten Hügel.

Verbrauchte Kalorien lassen sich in der Latteria am Ortsrand aufs Angenehmste ersetzen. Übrigens kann man dort auch preiswert Käse einkaufen oder auf der Sonnenterrasse im Liegestuhl den Blick ins weite Tal genießen. Kulinarische Genüsse sind nicht nur in den zahlreichen Hotels und Restaurants des neun Kilometer langen, durch einen kostenlosen Shuttle-Bus bestens vernetzten Ortes zu erreichen. Im parallel verlaufenden, autofreien Federia-Seitental lässt sich mit Schneeschuhen eine Hütte erreichen, in der auf Bestellung köstlicher Schinken, Gnocchi, Roastbeef mit Kartoffeln und eine Rahmtorte serviert werden, für die man gerne die Stirnlampe aufsetzt, um spät am Abend wieder ins Livigno-Tal hinabzusteigen. Wie dieses Kleinod heißt, verraten die Einheimischen ihren Gästen gerne.



Autorin:
Andrea Reck

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2016; 38 (19) Seite 120-122