Kürzlich stellte sich in meiner Sprechstunde eine junge Frau mit Müdigkeit vor. Seit einigen Monaten sei sie erschöpft. Von mir wünschte sie sich eine umfangreiche Labordiagnostik und gerne eine Vitaminkur oder etwas Vergleichbares. Die alleinerziehende Mutter war durchaus bereit, dafür zu bezahlen.

In Momenten wie diesen bin ich glücklich, in einer Praxis zu arbeiten, die jenseits von Reiseimpfungen oder Sportattesten wenig nennenswerte IGeL-Angebote vorhält. In unserem Wartezimmer oder auf der Homepage gibt es kein Angebot "mit werbendem Charakter", das zu kostenpflichtigem Enhancement ohne nachgewiesenen Nutzen einlädt. Meiner Patientin und mir blieben nur die Empfehlungen der DEGAM-Leitlinie Müdigkeit – und ein ehrliches Gespräch.

Ein Gespräch, in dem ich der Patientin keine schnelle und kostspielige Lösung für ihre Beschwerden verkaufen konnte, weil es kein Angebot gab, auf das ich hätte zurückgreifen können. Ich habe den Luxus, nur Ärztin sein zu dürfen – und keine Verkäuferin. Auf der Basis ihrer Beschwerden und mit Empfehlung der Leitlinie zum Beratungsanlass Müdigkeit bestimmten wir lediglich das TSH und ein kleines Blutbild. Die Screeningfragen zur Depression blieben unauffällig – nichts davon erklärte ihre Beschwerden.

In unserem Gespräch gelang es der jungen Frau aber selber, die Ursachen ihrer Müdigkeit zu erkennen: ein viel zu hoher Anspruch an sich selbst, wenig Schlaf, die fehlende Fähigkeit, sich zu entspannen. Sie entwickelte eigenständig Lösungen, wie sie etwas mehr Ruhe in ihren stressigen Alltag als berufstätige Mutter bringen könnte. In diesem Gespräch habe ich die junge Frau und ihre Lebensumstände besser kennenlernen dürfen. Mit Vitamin-Infusionen und -Injektionen, Frischzellenkuren oder der Befeuerung mit hyperbarem Sauerstoff hätte ich diese einmalige Chance verpasst. Meine Patientin hat außerdem gelernt, sich selber zu helfen – anstatt zweimal die Woche am Tropf der Vitaminkur einer Arztpraxis zu hängen.

IGeL-Leistungen ohne nachgewiesenen Nutzen, die wir unseren Patienten verkaufen, verändern nicht nur die Arzt-Patienten-Beziehung. Sie machen aus Ärzten Verkäufer und aus Patienten Kunden. Ein Verkäufer ist bereit, seinem Kunden Scheinwahrheiten zu verkaufen, um sein Produkt an den Mann bzw. häufig an die junge und gesunde Frau zu bringen. Ein Kunde ist immer auf der Hut, weil er das bessere Angebot stets woanders wittert. Wenn aus Ärztinnen und Ärzten Verkäufer werden, dann hält Misstrauen Einzug ins Sprechzimmer. Wir verspielen längerfristig das Vertrauen, das Patienten a priori in uns setzen. Doch nicht nur das: Wir verändern auch die gemeinsamen Erlebnisse. Ich meine, mit schnellen Lösungen wie gemixten Vitaminkuren verpassen wir häufig den eigentlichen und spannenden Teil der Konsultation.

Für mich steht daher fest, auch in meiner eigenen Praxis bleiben Vitaminkuren und Frischzellenkur draußen vor der Tür. Denn da gehören sie für mich hin.



Autorin:

Sandra Blumenthal


Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2018; 40 (1) Seite 38