Seit Februar 2019 besteht an der Universität Lübeck ein zentrales „Archiv der deutschsprachigen Allgemeinmedizin (ADAM)“. Angesiedelt ist ADAM am Lehrstuhl für Allgemeinmedizin (Direktor: Prof. Dr. Jost Steinhäuser).

Bereits am 8. Mai 2018 kam es in Lübeck im Institut für Allgemeinmedizin zu einem ersten Treffen zwischen Prof. Dr. Steinhäuser und dem Lübecker Ordinarius für Medizingeschichte und Wissenschaftsforschung, Prof. Dr. Cornelius Borck, mit dem Ideengeber für ADAM, Prof. Dr. Frank H. Mader (Abb. 1). Der Öffentlichkeit vorgestellt wurde das ambitionierte Projekt erstmals am 27. Nordic Medical History Congress am 24. Mai 2019 in Kopenhagen.

Das Sammelgebiet umfasst einschlägige Originaldokumente und Primärquellen zur Geschichte der Allgemeinmedizin und der Hausärzteschaft im deutschsprachigen Raum auf ihrem langen Weg bis zu einem akademischen Fachgebiet. Zu diesen Archivalien gehören beispielsweise Korrespondenzen und Sitzungsprotokolle von allgemeinmedizinischen Fachgesellschaften und Berufsverbänden, ferner Vorarbeiten und Dokumente zur Entstehung allgemeinmedizinischer Fach- und Lehrbücher, Briefwechsel und Aufzeichnungen von Pionieren des Fachgebietes, aber auch Doktorarbeiten und Habilitationsschriften.

Digitalisierung wesentliche Aufgabe

Das Archiv der deutschsprachigen Allgemeinmedizin (ADAM) dient der Sicherung und dauerhaften Erhaltung der Dokumente sowie ihrer Nutzbarmachung für Forschung und Aufarbeitung der historischen Entwicklung der Allgemeinmedizin. Auf diese Weise sollen die Bemühungen der Allgemeinmedizin in Deutschland (Ost und West), Österreich und der Schweiz in den letzten 70 Jahren belegt werden.

Standort von ADAM sind die Räume des Instituts für Allgemeinmedizin in Lübeck. Eine wesentliche Aufgabe wird dabei die Digitalisierung des Bestandes sein. Printmedien wie Bücher oder Zeitschriften werden dort nicht gesammelt, sondern über die Universitätsbibliothek zugänglich gemacht. Mit dem Projektleiter und Allgemeinarzt Prof. J. Steinhäuser und dem Medizingeschichtler Prof. C. Borck als wissenschaftlichem Berater verfügt ADAM auch über eine ideale personelle Besetzung an der Spitze des Archivs.

Erste Bestände institutioneller Herkunft sind bereits auf dem Weg nach Lübeck oder dort schon eingetroffen, wie die 28 Ordner mit Korrespondenzen der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) (Abb. 2) oder ein Teil der umfangreichen Archivalien des Schweizer Allgemeinarztes, ehem. Präsidenten der Societas Internationalis Medicinae (SIMG) und DEGAM-Ehrenmitgliedes Dr. med. Ruedi Meyer [6] (Abb. 3).

Anschubfinanzierung durch "Stiftung Perspektive Hausarzt"

Weiterer Schwerpunkte werden die Promotionssammlung aus der allgemeinmedizinischen Abteilung in Marburg (Abb. 4) sein sowie die komplette Ordnersammlung des Fachverbandes Deutscher Allgemeinärzte (FDA) von seiner Gründung 1979 bis zu seiner Auflösung und gleichzeitigen Fusion mit dem damaligen Berufsverband der Praktischen Ärzte (BDA) zum Berufsverband der Allgemeinärzte Deutschlands (BDA) am 1. April 1995, dem heutigen Deutschen Hausärzteverband. Gefördert wird der Aufbau des Archivs mit Mitteln der Stiftung "Perspektive Hausarzt" des Deutschen Hausärzteverbandes.

Bis in die 1950er-Jahre zurück reichen die Bemühungen und Aktivitäten einer kleinen Gruppe von engagierten Praktischen Ärzten, ihre hausärztliche Berufstätigkeit zu analysieren, zu beschreiben und darüber zu publizieren. An universitäre Lehre oder gar Forschung wurde zunächst kaum noch gedacht [1]. Der tägliche Broterwerb stand ganz im Vordergrund.

Nach über 60 Jahren ist die Allgemeinmedizin heute ein institutionalisiertes Fach an allen deutschen Universitäten mit umfangreicher Lehrtätigkeit in Hörsälen und Seminarräumen sowie vor allem in Tausenden von geschulten hausärztlichen Ausbildungspraxen. Längst sind Prüfungen in Blockpraktika und Staatsexamina obligat. Ebenso schließt die 5-jährige curriculäre Weiterbildung mit einer Facharztprüfung ab. Ähnlich – nicht immer ganz kongruent – lief die Entwicklung der Allgemeinmedizin in unseren deutschsprachigen Nachbarländern (Österreich, Schweiz) ab.

Entwicklung der Allgemeinmedizin in der DDR

Als 1958 in der DDR ein Memorandum mit dem Ziel verfasst worden war, den Hausarzt abzuschaffen, kam es am 26. September 1959 in Wien zur Gründung einer "Gesellschaft für praktisch angewandte Medizin (College of Medical Practice)", deren Präsident Robert N. Braun bis 1961 war [2]. Seine Lehr- und Fachbücher aus den 1950er- und 1960er-Jahren "stießen aus einem Vakuum in ein bisher unbekanntes Gebiet weiter vor, als es die Forschung der Anglo- Amerikaner vermocht hatte" [3]. Der dies sagte, war 1973 der erste in der Allgemeinmedizin Habilitierte, Siegfried Häussler.

Die Entwicklung der Allgemeinmedizin der DDR nahm – bedingt durch die unterschiedlichen politischen Systeme Deutschlands – einen anderen Verlauf als in der damaligen Bundesrepublik: Während im Osten des Landes bereits 1967 der "Facharzt für Allgemeinmedizin" ins Leben gerufen wurde [4], dauerte es im Westen bis zum 113. Deutschen Ärztetag in Dresden 2010, bis der "Facharzt für Allgemeinmedizin" endgültig eingeführt wurde. Letztlich ist dies zu verdanken der Vereinigung der Gesellschaft für Allgemeinmedizin der DDR (GAM der DDR) mit der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) am 20. September 1991 in Bad Honnef. So konnte der damalige DEGAM-Präsident Prof. Dr. Benno König rückblickend sagen: "Ein historischer, schöner, glücklicher Tag [5]."

Durch die jahrelangen Recherchevorarbeiten im Rahmen der DEGAM-Festschrift zum 50-jährigen Jubiläum der Gesellschaft im Jahr 2016 in Frankfurt/M (Abb. 5) verfügte F. H. Mader bereits über umfangreiche Archivalien zur allgemeinmedizinischen Wissenschaftsgeschichte. Dazu kommen aufgrund seiner jahrzehntelangen medizinpublizistischen sowie seiner standes-und berufspolitischen Kontakte weitere umfangreiche Überlassungen an ADAM. Prof. J. Steinhäuser, der am 1. Juni 2019 Mader im bayerischen Nittendorf besuchte (Abb. 6), war beeindruckt vom Umfang der Archivalien: "Hoffentlich krieg ich das alles in meinen Kombi nach Lübeck."


Literatur:
1. Jork K (2016) An Forschung hatte noch keiner gedacht. Streiflichter vom Beginn der wissenschaftlichen Allgemeinmedizin. In: Mader FH (Hrsg): Von der allgemeinen Medizin zur Allgemeinmedizin. DEGAM-Festschrift 50 Jahre Allgemeinmedizin. Kirchheim Verlag, Mainz
2. Hesse E (2016) Allgemeinmedizin international. SIMG - ESGP/FM - WONCA Europe. In: Mader FH (Hrsg): Von der allgemeinen Medizin zur Allgemeinmedizin. DEGAM-Festschrift 50 Jahre Allgemeinmedizin. Kirchheim Verlag, Mainz
3. Häussler S (1994) Das "Heidelberger Gespräch" 1964 zwischen Klinikern und Praktikern. Geschichte der Allgemeinmedizin als angewandte Heilkunde. Auszugsweiser und red. bearb. Nachdruck aus "Schriftenreihe für den Praktischen Arzt", Bd 2 Hrsg S. Häussler, Stuttgart 1967, in Der Allgemeinarzt (1994) 1: 37 - 41
4. Grethe H (1990) Der Facharzt für Allgemeinmedizin in der DDR. Gedanken zum theoretischen Selbstverständnis der Allgemeinmedizin in der DDR. Geschichtliches und Grundlegendes. Der Allgemeinarzt 696 - 698; 765 - 768; 828 - 831
5. König B (2016) Meine Erinnerungen als DEGAM-Präsident 1990. In: Mader FH (Hrsg): Von der allgemeinen Medizin zur Allgemeinmedizin. DEGAM-Festschrift 50 Jahre Allgemeinmedizin. Kirchheim Verlag, Mainz
6. Meyer R (2004) Über 200 Meter Allgemeinmedizin vom Feinsten. Literatur-Archiv in Möhlin. Der Allgemeinarzt 1: 6 - 7


Autor:

Prof. Dr. med. Frank H. Mader

Herausgeber der Zeitschrift Der Allgemeinarzt
93152 Nittendorf

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2019; 41 (11) Seite 22-25