Was hat Allgemeinärzte vor rund 40 Jahren dazu bewegt, sich in einer eigenen Praxis niederzulassen? Wie haben sie damals gearbeitet? Wie hat sich die Arbeit in der Hausarztpraxis in den letzten vier Jahrzehnten entwickelt und verändert? Und wie sehen das junge Allgemeinärzte heute? Das wollten wir von einigen "alten Hasen" und ein paar "jungen Hüpfern" anlässlich unseres 40. Jubiläums wissen. Und das sind die Antworten.

Dennoch Landarzt

Zum 01.07.1982 ließ ich mich als Arzt für Allgemeinmedizin in meinem saarländischen Heimatort Mandelbachtal-Ommersheim, einem 2.400-Seelen-Dorf, nieder. Schon während meiner Weiterbildungszeit stand ich in engem Kontakt zu meinem Vorgänger, der sich mit 63 Jahren zur Ruhe setzen wollte und mir seinen Praxissitz samt Kartei (durchschnittlich 1.500 Scheine/Quartal) übergab.

Der Bau des Praxisgebäudes, den ich zusammen mit einer befreundeten Apothekerin in Angriff nahm, gestaltete sich allerdings schwieriger als erwartet. Aufgrund einer notwendigen Pfahlgründung wurde das Projekt deutlich teurer als geplant, sodass ich einschließlich der Praxiseinrichtung mit einem Kreditvolumen von einer Million D-Mark in das Abenteuer "Hausarztpraxis" startete. Den zwischenzeitlichen Baustopp aufgrund einer Kreditsperre konnte ich nur durch Verhandlungsgeschick und zusätzliche Sicherheiten meiner pharmazeutischen Geschäftspartnerin rasch wieder aufheben, sodass es pünktlich zum 3. Quartal des Jahres 1982 losgehen konnte.

Auf meine Grundausstattung (EKG, Ergometrie, OP- und Verbandszimmer, gynäkologischer Untersuchungsstuhl sowie Mess- und Wiegeplatz) war ich ebenso stolz wie auf die hübsche Ausgestaltung der Räume. Mit meiner Frau als betriebswirtschaftlicher Geschäftsführerin, zwei Vollkräften (damals noch Arzthelferinnen genannt) und einer Auszubildenden startete ich in betriebswirtschaftlicher Hinsicht weitgehend unbedarft und einigermaßen blauäugig in meine "Learning by doing"-Karriere.

Im Laufe der Zeit wuchs die Praxis räumlich und personell: Nach sieben Jahren als "Einzelkämpfer" gründete ich mit meiner ersten Partnerin Frau Dr. Walle eine Gemeinschaftspraxis, die wir drei Jahre später in eine Praxisgemeinschaft mit ihrem internistischen Ehepartner umwandelten. Hierdurch erweiterte sich das Leistungsspektrum nicht unerheblich, sodass wir strukturell und apparativ aufrüsten mussten. Echokardiografie, Sonografie, Gastroskopie, Spirografie und Gefäßdoppler verursachten Investitionen, die unser Unternehmen einschließlich der neuen EDV-Technik mit Geräteanbindung zu einem ursprünglich nicht absehbaren, aber erstaunlich gut funktionierenden "Apparate-Park" aufrüsteten.

Durch verschiedene Zusatzweiterbildungen (Naturheilkunde und Homöopathie seitens meiner Partnerin sowie Chirotherapie, Sportmedizin und Phlebologie meinerseits) änderte sich parallel zu unserem Praxisausbau auch das Spektrum der Patientenklientel und der Krankheiten, die es zu versorgen galt.

Die Aufnahme einer weiteren Partnerin (Frau Dr. Zänger), einer zusätzlichen angestellten Ärztin und insgesamt inzwischen 20 Weiterbildungs-Assistent/innen schafften zeitliche Freiräume, die durch steigende Patientenzahl und Intensivierung der psychosomatischen Grundversorgung aber schnell wieder aufgezehrt waren. Neue Infektionserkrankungen (z. B. HIV, Borreliose, Helicobacter pylori) und aufwendige Beratungsanlässe (wie Fibromyalgie, Burn-out-Syndrom, chron. Müdigkeit, craniomandibuläre Dysfunktion, funktionelle Dyspepsie und Reizdarmsyndrom) zogen neue Untersuchungs- und Behandlungsmethoden nach sich, die in Praxisalltag und Teamfortbildung integriert werden mussten.

Auch im Rahmen des inzwischen etablierten, zunächst aber sehr zeitintensiven Qualitätsmanagements wurden zunehmend zeitliche und personelle Ressourcen verbraucht. Die ausufernden Dokumentations- und Verwaltungsaufgaben (Entwicklung der Gebührenordnung, QM, Datenschutz, DMP, Geriatrie, Assessments etc.) stellen trotz der elektronischen Datenverarbeitung tagtäglich eine Herausforderung für alle Praxismitarbeiter/innen dar, die nur durch ein geregeltes Miteinander (Teambesprechung!) und straffe Organisation zu leisten ist. Auch wenn die EDV viele Routineprozesse vereinfacht, ist der Grad an Bürokratie nicht mit den Anforderungen der 1980er-Jahre vergleichbar.

Dass ich in den ersten sieben Einzelpraxis-Jahren jedes vierte Wochenende komplett und daneben selbstverständlich an allen fünf Wochentagen 24 Stunden für meine Patient/innen bereit sein musste, ist für die junge Ärztegeneration von heute (völlig zu Recht!) nicht mehr nachvollziehbar und im Nachhinein grundsätzlich keinem Arzt und keiner Ärztin zumutbar. Die zentralen Notdienstpraxen haben sich hier bewährt und bieten Freiraum für persönliche Fortbildung, Familienleben und soziokulturelle Interessen und Kontakte. Auch wenn ich manchmal an meine körperliche und emotionale Leistungsgrenze stieß, würde ich August Heisler, einem Schwarzwälder Hausarzt der ersten Stunde, und seinem Buchtitel beipflichten: "Dennoch Landarzt"!

Die Treue und Dankbarkeit der Patient/innen, das persönliche und fachliche Miteinander im gesamten Praxisteam und auch der wirtschaftliche Erfolg rücken so manche Beschwernis in den Hintergrund. Inzwischen bin ich nur noch halbtags als angestellter Arzt in meiner früheren Praxis tätig. Von meinen liebgewonnenen Patient/innen habe ich mich in unserem Gemeindeblatt mit folgendem Zitat verabschiedet:


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Dr. med. Wolfgang Kölling

Dr. med. Wolfgang Kölling ist als Allgemeinarzt niedergelassen, zunächst in einer Einzelpraxis, später dann in einer Gemeinschaftspraxis. Er hat sich berufs- und standespolitisch sowie wissenschaftlich stets engagiert, sei es in der KV, der Ärztekammer, FDA, BDA oder der DEGAM.


Der Mangel an Freizeit war schon ein Problem

Als Allgemeinarzt niedergelassen habe ich mich am 01.10.1979 in Fürstenzell bei Passau. Auch vor 40 Jahren gab es schon einen Ärztemangel zumindest auf dem Land.

Nach der damals geltenden einjährigen MA-Zeit (in Innerer Medizin, Chirurgie, Gynäkologie) im Anschluss an das Staatsexamen und dann vierjähriger Weiterbildung zum "Allgemeinarzt" in den Gebieten Chirurgie, Gynäkologie-Geburtshilfe, Kinderheilkunde und Innere Medizin fand ich am 1. Oktober 1979 eine attraktive Niederlassungsmöglichkeit in Fürstenzell bei Passau. Immerhin gibt es dort ein angesehenes Gymnasium und die unterstützende Nähe zu meinen Eltern. Unsere beiden Kinder wurden tagsüber bei meinen Eltern im 20 km entfernten Obernzell und im dortigen Kindergarten betreut. Meine Frau, ebenfalls Medizinerin, war zunächst als Medizinalassistentin und dann als Klinikärztin in Chirurgie, Innerer Medizin und Pädiatrie berufstätig. Sie leistete dann noch den Rest ihrer kassenärztlichen Vorbereitungszeit als meine Assistenzärztin in der von mir gegründeten Praxis ab. Anschließend erhielt sie die KV-Zulassung und wurde zur Gemeinschaftspraxispartnerin.

Aus unserer familiären Konstellation war die Niederlassung logisch. Zuvor war mir allerdings vom chirurgischen Chefarzt des Kinderkrankenhauses Passau ein sehr attraktives Angebot gemacht worden. Er hatte mir im Falle des Verbleibs die spätere Chefarztnachfolge nach der Weiterbildung zum Pädiater angeboten. Diese Alternativen wären aber mit Familie und gemeinsamer ärztlicher Berufsausübung kaum vereinbar gewesen.

Die Niederlassung war zunächst ein finanzielles Risiko, denn wir mussten die gesamte Praxisausrüstung und die Anlaufkosten der ersten Quartale mit Kredit (200.000 DM) vorfinanzieren.

In einer Hausarztpraxis auf dem Land wurde damals unter der Woche eine fast totale Präsenz, auch nachts, erwartet. Selbst an freien Wochenenden kamen Patienten, die sich mit mehr oder weniger gesundheitlichen Problemen für einen Notfall hielten. Unser Problem war eindeutig der Mangel an Freizeit. Hinzu kamen Honorarkürzungen seitens der KV, die in der verbleibenden Zeit schriftlich mit "sub-
stanziellen Begründungen" abgewehrt werden mussten. Was uns schließlich immer gelang. Denn unser ärztliches Versorgungsspektrum umfasste im Vergleich zu den überwiegend älteren Ärzten in der Umgebung auch EKG, Sonographie, kleine Chirurgie, Gynäkologie mit Schwangerenvorsorge, unter anderem auch die heimärztliche Betreuung eines psychiatrischen Pflegeheims in der Nähe. Hinzu kamen viele Bereitschaftsdienste an Sonn- und Feiertagen mit schlaflosen Nächten.

Unsere technische Grundausstattung war recht umfangreich. Sie bestand aus EKG, Spirometer, Gynäkologischem Untersuchungs-und Behandlungsstuhl, gynäkologischem Besteck, Biopsiezange, Polarisationsmikroskop, chirurgischem Besteck, Op.-Lampe, Sonographiegerät, Infrarotlampen, Wärmelampen im Kinderuntersuchungszimmer und Diathermiegerät, Baby-Waage, Personen-Balkenwaage, Otoskop, Ophthalmoskop, Titmusfliege, Kinderrassel und anderen für die Kindervorsorgeuntersuchungen notwendigen Prüfgeräten sowie Sehtafeln und Ishihara-Farbseh-Tafel.

Beim Leistungsspektrum hat sich in unserer Praxis im Lauf der Jahre einiges verändert. So wurden die gesetzlichen Schwangerschaftsvorsorge-Untersuchungen bei Kassenpatientinnen beendet. Später kamen dennoch wenige selbstzahlende Schwangere.

Problematisch erhöht hat sich die Regelungsdichte und die damit verbundene Bürokratie. Und durch die Zunahme der niedergelassenen Fachärzte hatten sich Konkurrenzdruck und Arbeitsaufwand enorm verstärkt. Vor allem lastete auf uns Hausärzten die "Sicherstellung der kassenärztlichen Versorgung" zur "Unzeit", in der Organspezialisten nicht mehr erreichbar waren, nachts und an Wochenenden. Die Bürokratie abgefedert und insofern die Verwaltungsarbeit erleichtert hat der Einzug der EDV-Systeme. Die hat allerdings auch viel Geld gekostet.

Habe ich die Niederlassung jemals bereut? Manchmal schon, vor allem, wenn Stress und Frust überhandnahmen. Und wegen des chronischen Freizeitmangels. Dann habe ich oft gedacht, wäre ich doch besser im Krankenhaus geblieben. Lockende Angebote hatte ich mehrere.

Heute wäre es viel leichter, sich niederzulassen, denke ich. Es hat sich ein zum Teil dramatischer Ärztemangel wegen der politischen Fehlsteuerungen und Daumenschrauben entwickelt. Meine Kinder sind in akademischen Berufen tätig. Arzt oder Ärztin wollten sie nie werden.


Dr. med. Franz Dietz

Dr. med. Franz Dietz hat seine vertragsärztliche Tätigkeit als Facharzt für Allgemeinmedizin in Fürstenzell Ende 2014 beendet und ist seitdem im Ruhestand. Er war, ist und bleibt aber ein wacher Beobachter und Kommentator der hausärztlichen Berufspolitik.


Angst vor der Niederlassung hatten wir nicht

Die Ärztegeneration der 1970er-Jahre, die jetzt aus dem System scheidet, hat sich in den 1980er-Jahren um die medizinische Versorgung aus gesellschaftlicher und sozialer Verantwortung gekümmert. Es ging auch darum, vielen Menschen die medizinischen Möglichkeiten, die in Universität und Kliniken entwickelt wurden, zu vermitteln und ihnen den Nutzen zukommen zu lassen. Es war die Phase der Systemänderung von stationär zu ambulant. Unsere Ärztegeneration hat sich Wissen und Know-how erarbeitet, das den Menschen in der ambulanten Versorgung zugutekommen sollte. Der Großteil der Menschen ist dankbar dafür, wenn ihr medizinisches Problem ambulant gelöst werden kann. In der Übergangsphase bedeutete das auch Kompetenzgerangel, wo Kliniken ihren "Marktanteil" verteidigten. Zwischenzeitlich fühlen sich Kliniken so überfordert, dass sie froh darüber sind, wenn mehr ambulant bewältigt werden kann.

Mit der Niederlassungsschwemme 1993 – vor der Niederlassungssperre – kam zusätzlicher Schwung in die ambulante Versorgung. Gleichzeitig begann aber auch der "Verteilungskampf" von Allgemeinärzten und Fachärzten. Erst ab den 2oooer-Jahren bekam die Allgemeinmedizin den Stellenwert, der ihr gebührt. Weniger universitäre Strukturen und Krankenkassen oder Verbände und gesellschaftliche Meinungsträger, vielmehr vor allem politische Parteien und parlamentarische Institutionen trugen dazu bei. Mit Einführung der Hausarztzentrierten Versorgung (HzV) wurde das Ganze institutionalisiert. Mit Unterstützung der Patienten und der Akzeptanz von HzV erreichte die Allgemeinmedizin ein ruhigeres Fahrwasser und konnte auf einer auch honorarpolitischen Schiene Versorgungsaufgaben ganz anders erfüllen.

In der jüngeren Ärztegeneration beobachte ich eine gewisse Vorsicht und Angst vor der Niederlassung in freier Praxis, also der Selbstständigkeit. Damit droht das in den letzten 40 Jahren aufgebaute Know-how für viele Regionen und deren Bevölkerung verloren zu gehen. Das Know-how (medizinisch, medizintechnisch, Behandlungstechnik, Gesprächstechnik, Psychosomatik, Praxisteams, Praxisstrukturen, Praxisorganisation, Aufgabenteilung in der Medizin, gewachsene Netzwerke in der Versorgung) wird nicht weiter gepflegt.

Aber die Generation Y der Ärzte will anscheinend jetzt anders arbeiten, will sich andere Strukturen aufbauen. Mit dem Ärztemangel in der Allgemeinmedizin, der in den nächsten fünf Jahren voll aufschlagen wird, wird sich viel in der Versorgung für die Menschen ändern. Wie sollte das auch anders kommen, wenn in vielen Regionen mit beispielhaft 10.000 Einwohnern statt bisher sieben Ärzten in Zukunft nur noch drei oder vier Ärzt/innen arbeiten. Das aber bei steigendem Altersdurchschnitt der Bevölkerung, sich wandelnder Morbidität bei Übergewicht und metabolischem Syndrom bei 30 bis 40 % der Bevölkerung, gesteigertem Anspruchsdenken gerade dieser Bevölkerungsschicht, klaffender Gerechtigkeitsschere in der Gesellschaft (sozialem Unfrieden), psychischer Überlastung der Menschen durch herausfordernde Arbeitsbedingungen in der Industriegesellschaft, bei den Konzernstrukturen und der "kapitalistischen Gewinnmaximierung".

Deshalb bin ich froh, diese 40-jährige Zeitspanne in der allgemeinmedizinischen Praxis mit unserem Praxisteam und mit "unseren Patienten" erlebt zu haben. Ich war mit Freude dabei bei diesem Umbau der medizinischen Versorgung und bleibe dankbar für diese Zeit.


Dr. Georg Schwindl

Dr. Georg Schwindl ist seit 36 Jahren als Hausarzt im oberpfälzischen Oberviechtach tätig. Er führte seine Praxis als Einzelpraxis, als Gemeinschaftspraxis und nun auch als Job-Sharing-Praxis. Seit 2012 ist er Lehrbeauftragter am Universitätsklinikum Regensburg.


Nichts ist so beständig wie der Wandel

Der Allgemeinarzt und ich haben eine lange Wegstrecke im Dienst der hausärztlichen Patientenversorgung zurückgelegt. Exakt in der Gründungsphase der Zeitschrift begann ich nämlich mit meiner klinischen Ausbildung, acht Jahre später habe ich dann mit meinem Zwillingsbruder eine landärztliche Gemeinschaftspraxis übernommen. So erschloss sich mir der spezielle Kosmos vertragsärztlicher Basisversorgung innerhalb der letzten Jahrzehnte von Grund auf – und ja, ich würde diesen Weg auch heute wieder einschlagen. Eigenbestimmtes, wohnortnahes, selbstständiges und kompetentes hausärztliches Handeln hat und hatte für mich immer mehr Vor- als Nachteile.

Natürlich ist längst nicht alles Gold, was glänzt. Zumindest in der ersten Hälfte meines Praxislebens waren Wochenarbeitszeiten zwischen fünfzig und sechzig Stunden Normalität. Unnötig zu erwähnen, dass jeder Hausarzt unter der Woche für seine Patienten immer erreichbar war, allerdings nicht mit dem Handy, sondern mit dem weitaus unpraktischeren Eurosignal. Dadurch war die ganze Familie per Sippenhaftung zum 24-Stunden-Telefondienst vergattert und es gab Wochen, in denen keine Nacht störungsfrei verlief. Der kassenärztliche Bereitschaftsdienst schloss damals das gesamte Wochenende ein: Beginn Freitag um 18 Uhr, Ende am Montagmorgen um acht Uhr. Nach kurzer Morgentoilette wurde dann die wöchentliche, meist brechend volle Sprechstunde mit jugendlich scheinender Vitalität und einem stets aufnahmebereiten Ohr begonnen.

Allerdings habe ich den subjektiven, vielleicht auch nostalgisch verklärten Eindruck, dass Tun und Einsatzbereitschaft eines Hausarztes damals wesentlich mehr gewürdigt wurden. Das mag auch an den schwierigen Bedingungen gelegen haben, unter denen landärztliche Versorgung nicht selten stattfand. Fast zwei Autostunden von jeder größeren Klinik entfernt waren in dringenden Fällen ergebnisorientierte Kopfarbeit statt Computerexpertise, diagnostische Improvisationsfähigkeit und angstfreies, eigenverantwortliches Handeln gefragt, unabhängig von Zeit, Ort und Tag. Eine fachliche Rückversicherung durch eine Kaskade hinzugezogener Fachärzte und eine Unzahl laborchemischer oder technischer Untersuchungen war zeitnah kaum realisierbar. Schon möglich, dass ich deswegen meine Arbeit damals als originär ärztlicher und patientennäher empfand. Heute sehe ich mich dagegen oft als administrativen Handlanger und Gesundheitslotsen in einer krankheitsverwaltenden Bürokratie missbraucht.

Hausarztmedizin und die hausärztliche Arbeitssituation haben sich in den letzten vier Jahrzehnten erkennbar entwickelt, zum Guten wie zum Schlechten. Unverändert geblieben sind die psychophysischen Dauerbelastungen des Berufs mit spürbaren Auswirkungen auf das Privatleben. Selbst bei maximalem Idealismus ist das ein hoher Preis. Junge Kollegen fordern deshalb völlig zu Recht eine ausgewogene Work-Life-Balance für den niedergelassenen Hausarzt. Für den Erhalt und die zukünftige Organisation einer basisnahen und regional ausgewogenen hausärztlichen Versorgung könnte dies ein entscheidendes Kriterium werden.


Dr. Fritz Meyer

Dr. Fritz Meyer ist niedergelassener Hausarzt mit einer abgeschlossenen Ausbildung als Hals-Nasen-Ohrenarzt. Als regelmäßiger Posterautor und Referent ist er nicht nur bei DEGAM-Kongressen aktiv,sondern auch langjähriger Workshopleiter bei der Practica-Fortbildungsveranstaltung in Bad Orb.


Warum ich Allgemeinärztin werde

Ich habe mich für die Allgemeinmedizin entschieden, weil ich meine Patienten als ganze Menschen kennenlernen möchte, ich möchte sie begleiten – und nicht jedes Mal wegschicken, nur weil ihre Probleme die Grenzen der von mir gewählten "Subspezialisierung" überschreiten. In der Allgemeinmedizin betreue ich zudem nicht nur Einzelpersonen, sondern ganze Familien oder kleine Wohngebiete. Das ist herausfordernd, spannend und sehr abwechslungsreich.

Dennoch möchte ich mich derzeit nicht in einer eigenen Praxis niederlassen. Warum? Gegen die Selbstständigkeit spricht für mich im Moment die fehlende Mobilität, die sich daraus ergibt. Für mich wäre eine Genossenschaft ideal, in die ich mich einkaufen könnte, die ich (wenn es denn sein muss) aber notfalls auch wieder unkompliziert verlassen kann. Längerfristig wünsche ich mir dennoch meine eigene Praxis. Ich würde als Hausärztin vor Ort gerne in der Gemeinschaft arbeiten, die mein Umfeld und das meiner Familie prägt.

Gegen die Niederlassung sprechen für mich die vielen Regularien und Vorschriften, die heute schon fast den Begriff der Selbstständigkeit konterkarieren. Weil Politikern der Mut fehlt, Dinge wie eine Positivliste oder das Primärarztsystem einzuführen, kommt es zu immer neuen Vorgaben, die uns das Arbeiten erschweren. Nehmen wir die Regresse: Anstelle einer Positivliste haften wir mit dem Privatvermögen, wenn wir Medikamente rezeptieren, die nicht den WANZ-Kriterien entsprechen. Wie viel einfacher wäre es, wenn wir einen Medikamentenkatalog hätten, aus dem wir verschreiben dürften. Oder die Terminservicestellen: Gesetzlich Versicherte haben mitunter Schwierigkeiten, Termine bei spezialisierten Fachärzten zu bekommen. Aber anstelle eines Primärarztsystems werden Telefonhotlines eingeführt – soll das ein Witz sein?

Ich sehne mich nach Gesundheitspolitikern, die solche Dinge anpacken. Aktuell werden lediglich kurzfristige Nachbesserungen im Gesundheitswesen auf dem Rücken von Ärzten und Patienten ausgetragen. Ich kann verstehen, dass junge Ärzt/innen das nicht länger mitmachen wollen. Sie können es sich aussuchen, welche Rolle sie im Gesundheitssystem spielen wollen. In der Niederlassung wird man zum Teil des Systems – im Angestelltenverhältnis kann man jederzeit kündigen und gehen. Auch das kann ein Argument gegen die Selbstständigkeit sein.

Die Allgemeinarztpraxis der Zukunft ist für mich daher eine Teampraxis. Mit mehreren Kollegen gemeinsam arbeitend, unterstützt durch MFA, Pflegende, Sozialarbeiter, Physio- und Psychotherapeuten, versorgen wir Dörfer oder Wohnbezirke in einem Primärarztsystem. Die freie Arztwahl bleibt erhalten – jeder Patient sucht sich seinen Hausarzt aus. Spezialisierte Fachärzte sind an die Kliniken angebunden. Befunde werden in die Dokumentation der Primärversorger eingepflegt. Im Umfeld solcher primärmedizinischer Versorgungszentren finden regelmäßig, z. B. in Schulen, Veranstaltungen zur Verbesserung der Gesundheitskompetenz der Bevölkerung statt.

Bereits im Studium lernen wir "barrierefrei" zu kommunizieren und drücken uns daher für jeden verständlich aus. Wir rezeptieren unsere Medikamente aus einer Positivliste. Die Pflege, insbesondere in den Altenheimen, wird finanziell und personell so ausgestattet, wie es alte und kranke Menschen in diesem Land verdienen. Heime und Arztpraxen arbeiten eng zusammen. Pharmavertretern ist der Kontakt zu im Gesundheitswesen Aktiven streng verboten, Fortbildungen finden industrieunabhängig, evidenzbasiert, von Hausärzten für Hausärzte statt. Alle zehn Jahre rezertifizieren wir unseren Facharztstatus durch den Nachweis von Fortbildungen, Pharma- und Qualitätszirkel sowie gegenseitigen Hospitationen. Wir lernen in der Allgemeinmedizin mit- und voneinander. Den ärztlichen Bereitschaftsdienst organisieren wir selber. Sowohl Ärzte als auch das nicht-ärztliche Personal nehmen daran teil. Die (jährliche) Abrechnung eines Gesundheitszentrums erledigt eine spezialisierte Fachkraft. Vieles ist einfacher (und günstiger) geworden, da es nur noch einen einzigen Kostenträger gibt. Wir Hausärzte reflektieren regelmäßig unsere ärztliche Grundhaltung und engagieren uns politisch. Medizin findet immer im gesellschaftlichen Kontext statt – und diesen möchten wir als Primärversorger mitgestalten.

In einer solchen Utopie ist der Nachwuchsmangel in der Allgemeinmedizin nur noch eine Geschichte aus längst vergangenen Zeiten.



Sandra Blumenthal ist aktives Mitglied der Jungen Allgemeinmedizin Deutschland (JADE) und des DHÄV (Forum Hausärztinnen) und befindet sich derzeit in der Weiterbildung zur Allgemeinärztin.


Es gibt noch viel zu verbessern

Warum bin ich Allgemeinarzt geworden? Im ersten Semester des Studiums musste ich im Rahmen des Fachs "Medizinische Psychologie und Soziologie" ein eintägiges Praktikum bei einem Hausarzt absolvieren und dazu einen Bericht verfassen. Dieser kurze Einblick gefiel mir so gut, dass Allgemeinmedizin fortan ganz oben auf meiner Liste für die Zukunft stand. Mir gefällt es, mit Menschen in Kontakt zu kommen und diese über viele Jahre zu begleiten und dabei immer besser kennenzulernen, schließlich sogar mehrere Generationen zu betreuen. Zudem ist es der schnellste Weg in die Selbstständigkeit. Selbst als Chefarzt muss man sich ja heutzutage dem Geschäftsführer "unterwerfen", das wäre nichts für mich.

Ob man sich in einer eigenen Praxis niederlässt, hängt von vielen Fragen und Faktoren ab, die jeder für sich beantworten und gewichten muss. Selbstständigkeit bedeutet, sich örtlich für einen längeren Zeitraum festzulegen. Will ich das? Passt das mit den Plänen meines Lebenspartners, dem gemeinsamen Lebensentwurf zusammen? Bin ich bereit, einen Kredit aufzunehmen, um die Praxis zu finanzieren? Bin ich bereit, mich mit dem ganzen Drumherum, Abrechnung, Mitarbeiterführung, Praxismanagement usw. zu beschäftigen?

Man kann dieses Drumherum durchaus auch als interessant und bereichernd empfinden. Im Übrigen schützt die angestellte Tätigkeit als Vertragsarzt auch nicht davor, sich mit trockenen Richtlinien des G-BA und Ähnlichem auseinanderzusetzen. Und die Finanzierung einer Hausarztpraxis ist meines Erachtens absolut überschaubar. Es gibt viele Formen der Niederlassung, allein, mit einem oder mehreren Partnern, mit oder ohne weitere angestellte Ärzte – alles hat seine Vor- und Nachteile.

Gegen eine Niederlassung spricht an erster Stelle die überbordende Bürokratie. Konkret fallen mir da z. B. drohende Einzelfallregresse ein. Die Verordnungsfähigkeit bestimmter Medikamente ist häufig nicht logisch nachvollziehbar, dies den Patienten zu erläutern kostet Zeit und Energie. Warum gibt es keine Positivlisten? Wieso kann ich z. B. für die Verordnung von Krankengymnastik finanziell haftbar gemacht werden? In den Niederlanden haben Patienten bspw. je nach Versicherung pro Jahr x Stunden/Euro für KG frei, ohne dafür überhaupt einen Arzt aufzusuchen.

Die Patientendichte wird angesichts eines wachsenden Hausarztmangels zunehmen. Daher müssen Abläufe in der Praxis optimiert werden. Damit einher geht die Notwendigkeit der besseren Qualifikation des Praxispersonals, um möglichst viele Aufgaben delegieren zu können. Die Digitalisierung bietet eigentlich viele Chancen, ist aber in Deutschland primär ein Subventionsprogramm für fragwürdige Unternehmen. Kein Wunder, dass die Ärzte kaum mitziehen. Hier nochmal das Beispiel Niederlande, ich habe dort 2016 ein Auslandspraktikum absolviert: Dort werden Rezepte digital an die Apotheke gesendet, ohne jeweils einzeln per Hand unterschrieben werden zu müssen. Überweisungen an Spezialisten werden einfach aus der eigenen Dokumentation aus der EDV generiert und direkt an den Spezialisten

gesendet. Der Hausarzt kann auch einsehen, wann welcher Spezialist wo noch einen Termin frei hat und diesen direkt für den Patienten buchen. Die Abläufe hier sind verglichen damit gefühlt aus dem letzten Jahrtausend.

Was müsste sich also künftig verbessern? Auf alle Fälle sollten Heilmittelregresse abgeschafft werden. Für verordnungsfähige Medikamente sollte es eine Positivliste geben. Sinnvoll wären bundeseinheitliche Regelungen: Warum müssen z. B. in Hessen für 35100 und 35110 F-Diagnosen gestellt werden, in Bremen aber nicht? Neue Regelungen sollten vorher einen Praxistest durchlaufen bzw. von Praktikern mitbeurteilt werden, ich denke da an den bundeseinheitlichen Medikationsplan – den kann sich nur ein Bürokrat hinter dem Schreibtisch ausgedacht haben …


Dr. med. Robert Lübeck

Dr. med. Robert Lübeck, Facharzt für Allgemeinmedizin, seit Juli 2017 niedergelassen in eigener Praxis in Dreieich-Offenthal.


Allgemeinmedizin: Zuhören, untersuchen, beraten und behandeln

Ich stelle mir vor, wie vor 40 Jahren der Hausarzt meiner Eltern sich an den Schreibtisch seiner Praxis setzte – kurz nach den Hausbesuchen in der Mittagspause die Füße hochgelegt – und in einem der ersten Hefte blätterte, so wie ich es nun mit der aktuellen Ausgabe mache.

Die Zeitschrift Der Allgemeinarzt wurde damals vor 40 Jahren konzipiert und herausgebracht von Frank H. Mader, da war ich selbst noch nicht mal geboren.

Zu jener Zeit gab es noch keinen Computer am Behandlungsplatz, kein Sonogerät, vielleicht ein EKG; im Auto gab es ein Funkgerät, um erreichbar zu sein während der Hausbesuche und Notdienste.

Heutzutage ist die moderne Technik nicht mehr wegzudenken, das Smartphone in der Hosentasche, und trotzdem ist die Arbeit gleich geblieben: Zuhören, untersuchen, beraten und behandeln. Weiterhin gibt es den "Allgemeinarzt" – die Zeitschrift wie den Menschen, der nicht müde wird, für die Basisversorgung der Bevölkerung da zu sein.

Der österreichische Landarzt, Berufstheoretiker und -praktiker Robert N. Braun schrieb 1982: "Der Allgemeinarzt hat überlebt, weil ein enormer Bedarf an einem raschen medizinischen Rat besteht, der durch die anderen ärztlichen Sparten nirgendwo auch nur annähernd gedeckt werden konnte." Heute im Jahr 2018 kann man diesen Satz unverändert drucken – es wird vermutlich auch in 40 Jahren noch so sein.


Dr. med. Torben Brückner

Dr. med. Torben Brückner, Facharzt für Allgemeinmedizin (Notfallmedizin, Palliativmedizin, Ernährungsmedizin), ist seit 2016 hausärztlich niedergelassen in einer Gemeinschaftspraxis in Schwalbach am Taunus.


Redaktion Allgemeinarzt

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2018; 40 (21) Seite 22-28