Beim 53. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) ist Prof. Martin Scherer mit knapp 90 % aller Stimmen zum neuen Präsidenten der DEGAM gewählt worden. Scherer ist seit 2011 Direktor des Instituts und der Poliklinik für Allgemeinmedizin am Uniklinikum Hamburg-Eppendorf und Ärztlicher Leiter der Allgemeinmedizin am Ambulanzzentrum. Unter seiner Federführung ist vor Kurzem die DEGAM S2e-Leitlinie "Schutz vor Über- und Unterversorgung" erschienen. Nach seiner Wahl stellte sich Scherer für die Zeitschrift Der Allgemeinarzt den Fragen von Raimund Schmid über die künftigen Schwerpunkte seiner Arbeit.

Bei Ihrer Vorstellung für das Amt des DEGAM-Präsidenten hatten Sie die Aussage getroffen, dass es dort am dunkelsten ist, wo die hellsten Lampen leuchten: Was meinten Sie damit genau?
Prof. Scherer: Bei der Eröffnungsveranstaltung des Kongresses hatte Kongresspräsident Thomas Kühlein dazu aufgerufen, wir sollen politischer sein. Daher habe ich die Begriffe Dunkel-Deutschland und Hell-Deutschland bemüht, weil sie eben oft in der politischen Diskussion verwendet werden. Diese habe ich nun auf das Versorgungssystem im Hinblick auf evidenzbasiert oder nicht-evidenzbasiert übertragen. Gemeint ist damit, dass dort, wo die hellsten oder teuersten Lampen brennen, auch oft das meiste Geld verdient wird, was aber aus evidenzbasierter Sicht nicht immer zu den besten Ergebnissen führt. Umgekehrt passiert gerade im Hausarztbereich sehr viel Nützliches, wo keine hellen und teuren Lampen brennen. Daher müssen wir uns künftig viel kritischer anschauen, was evidenzbasiert ist und sich wirklich an den Bedarfen der Patienten orientiert.

Stichwort Evidenzbasierung: Bei Ihrer Einführung sprachen Sie auch von der evidenzbasierten Meinungsführerschaft, die man als DEGAM bekommen oder weiter ausbauen sollte. Was ist hierfür notwendig?
Prof. Scherer: Wir wollen nicht die Chefs im Ring sein im Hinblick darauf, dass jeder jetzt genau das tun muss, was die DEGAM sagt. Vielmehr geht es darum, unsere Ideen stärker in der Gesellschaft zu verankern, also Schutz vor Über- und Unterversorgung und damit nicht mehr Medizin, als wirklich notwendig ist. Das ist das, wofür wir seit vielen Jahren eintreten, und das müssen wir noch stärker in der Gesellschaft verankern. Die neue S2e-Leitlinie "Schutz vor Über- und Unterversorgung" wird dabei sicher sehr hilfreich sein. Damit können wir stärker wahrgenommen werden und deshalb ist es auch wichtig, dass wir nun eine gute Kommunikationsstrategie haben. Konkret bedeutet das, dass wir genau wissen müssen, an welcher Stelle wir wann eine fertige Leitlinie oder ein gutes Strategiepapier positionieren müssen.

Aber ist es für die DEGAM nicht schwierig, die Meinungsführerschaft anzustreben, weil diese ja der Hausärzteverband auch für sich reklamiert?
Prof. Scherer: Nein, ich erkenne keine Widersprüche zum Hausärzteverband. Ich freue mich sehr auf die Zusammenarbeit und bin mir sicher, dass wir in Zukunft an einem Strang ziehen. Wir sind die wissenschaftliche Fachgesellschaft, wir sind die Hüterin des Fachs. Der Hausärzteverband schaut auf das Berufspolitische und ich bin mir ganz sicher, dass wir eine sehr gute gemeinsame Strategie in der Zukunft finden werden.

Strategie ist das nächste Stichwort. Wir müssen bessere Steuerungen hinbekommen, sagt die DEGAM schon seit Langem. Doch wie wollen Sie das hinbekommen, um damit zum Beispiel auch das Ärztehopping zu begrenzen?
Prof. Scherer: Es wird im Zeitalter der Digitalisierung, wo unheimlich viele Anbieter noch in das System reindrängen, nicht einfacher werden, die Koordination bei der Hausärztin oder dem Hausarzt zu lassen. Deshalb glaube ich, dass wir gut erklären müssen, was wir genau meinen. Wir wollen die freie Arztwahl im Kern nicht angreifen. Wir wollen sie innerhalb der jeweiligen Versorgungsebene bewahren, sodass sich jeder weiterhin seinen Hausarzt aussuchen kann. Wenn dann Arzt und Patient gemeinsam entscheiden, dass ein Gebietsarzt hinzugezogen werden muss, dann kann man innerhalb der nächsten Versorgungsebene auch entscheiden, zu welchem Facharzt man geht. Wichtig ist nur, dass der Zugang zu der spezialisierten Versorgung nicht unkoordiniert und ungesteuert passiert. Wir sind mit der Hausarztzentrierten Versorgung (HzV), die sich in den letzten Jahren sehr gut etabliert hat, auf einem sehr guten Weg. Hier muss man mit dem Hausärzteverband gemeinsam schauen, wie man das weiter gestalten und künftig noch mehr Verbindlichkeit reinbringen kann.

Könnte man das System der HzV nicht als Blaupause dafür nehmen, eine bessere Steuerung hinzubekommen?
Prof. Scherer: Ja, das ist eine gute Blaupause. In der Hausärzteversorgung sind viele Dinge verankert. Da sind evidenzbasierte Elemente drin, da spielen Leitlinien eine Rolle und da sind Hausärzte erste Ansprechpartner für alle Gesundheitsprobleme, die alle Fäden in einer Hand halten. Das ist eine Erfolgsgeschichte, die wir einfach fortschreiben müssten, um irgendwann alle Patienten in der Hausarztpraxis besser steuern zu können.

Aber müssen wir künftig die hausärztliche Versorgung nicht zunehmend als teamorientiertes Angebot sehen? Die vom Hausärzteverband propagierte VERAH ist doch dafür ein gutes Beispiel, reicht aber nicht aus. Man könnte sich doch auch qualifizierte und studierte MFA vorstellen oder Physician Assistants auch in der niedergelassenen Praxis. Wie ist hier Ihre Position dazu?
Prof. Scherer: Die Hausarztpraxis der Zukunft ist eine Teampraxis. Das kommt auch aus einer sich verändernden Personalstruktur. Die Hausärzte der Zukunft werden weiblich sein. Wir haben jetzt schon einen sehr hohen Frauenanteil im Medizinstudium. Diese Tendenz wird sich auch fortsetzen, sodass wir viele Ärztinnen in Teilzeit haben werden, die um sich herum ein Team haben müssen. Das ist eine Veränderung, die wir gut finden, auf die wir aber flexibel reagieren müssen. Das sind dann völlig andere Lebensmodelle. Da ist nicht mehr der eine Arzt, der alles macht. Dabei muss aber auch die Infrastruktur stimmen. Eine Region, in der das Schwimmbad und Kino schließt und auch ansonsten die ganze Infrastruktur wegbricht, wird es schwer haben, eine Arztfamilie anzulocken.
Natürlich macht es Sinn, in Zeiten des Ärztemangels andere Berufe zu qualifizieren, die sich interprofessionell um den Patienten kümmern können. Das wird in vielen Praxen schon so gelebt. Wir müssen aber schauen, dass wir die Kompetenzen der einzelnen Professionen im Sinne der Patienten gut bündeln. Lieber bündeln wir es innerhalb einer Teampraxis, als den Patienten ständig hin und her zu schicken.

Manche Hausärzte fürchten, dass dadurch ihre Kompetenz und ihr Ansehen verloren gehen könnten, weil sie dann nicht mehr eindeutig und verantwortlich die Strippen ziehen können.
Prof. Scherer: Diese Befürchtungen, die ja auch vom Hausärzteverband geteilt werden, sind nicht immer unbegründet. Es ist wichtig, dass man praktisch den Physician Assistant nicht frei agieren lässt, sondern dass man ihn eben unter der Ägide eines Hausarztes anbindet. Dann kann daraus etwas Gutes werden.

Was bedeutet für Sie der prägende Satz des 53. DEGAM-Kongresses "Lasst uns politischer werden"?
Prof. Scherer: Zunächst sind wir die wissenschaftliche Fachgesellschaft. Wenn ich sage "Lasst uns politischer werden", meine ich vorrangig wissenschaftspolitische Themen. Aber ich finde auch, dass wir Themen, die die Menschen bewegen, stärker in den Blick nehmen müssen. Wir bekommen jeden Tag schlechte Meldungen über die Natur und die Umwelt. Wir sehen bei Landtagswahlen politische Verschiebungen. Und diese Unsicherheit bewegt die Menschen und macht sie auch empfänglicher für Heilsversprechungen in der Medizin. Da wird gesagt, dass Krebs in Kürze heilbar sei. Ein anderer großer Konzernchef eines Internetkonzerns sagt, seine Kinder werden gar keine Krankheiten mehr bekommen. Solche Heilsversprechungen fallen natürlich auf den Boden einer allgemeinen Unsicherheit, und da finde ich wichtig, dass wir uns in gesellschaftliche Diskussionen einmischen und diese Debatte wertebasiert und damit durchaus auch politisch führen. Wenn es also darum geht, wie eine gute Medizin im Zeitalter der Digitalisierung aussehen soll, da muss und wird sich die DEGAM unter meiner Führung einmischen und wird diese Diskussion dann auch politisch mitgestalten.

Ein Schwerpunktthema Ihrer Präsidentschaft wird die Digitalisierung werden. Was schwebt Ihnen dabei vor?
Prof. Scherer: Wir müssen hier als wissenschaftliche Fachgesellschaft sogenannte Innovationen auf Herz und Nieren prüfen und darüber eine gesellschaftliche Debatte führen, wie eine gute medizinische Versorgung im Zeitalter der Digitalisierung aussehen kann. Ein gutes Beispiel hierfür sind Apple Watches mit medizinischen Zusatzfunktionen wie etwa der Messung des EKGs am Handgelenk. Hier müssen wir erst mal den Mehrwert ermitteln und diesen durch Daten und kritische Studien absichern. Die Validierung solcher Projekte sehe ich als große Herausforderung für die DEGAM an.
Was aber in keinem Fall passieren darf: Wir dürfen nicht so weit kommen, dass Siri in einigen Jahren vielleicht sogar die Anamnese übernimmt.



Das Interview führte
Raimund Schmid

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2019; 41 (17) Seite 30-32