Die Krankenkassen kommen in unserer Zeitschrift nicht allzu oft zu Wort. Manchmal kann deren Sicht auf die Verhältnisse im Gesundheitswesen aber auch recht erhellend sein. Kurz vor dem Jahresende 2019 hat sich jedenfalls der Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbands, Martin Litsch, in einem Interview mit dem Ärztenachrichtendienst zu Wort gemeldet, dessen Inhalte wir hier in Teilen wiedergeben wollen.

Auf die Frage, ob der Ärztemangel einen negativen Einfluss auf die Versorgung der Versicherten haben wird, stellt Litsch gleich zu Anfang klar, dass es für ihn einen generellen Ärztemangel im Grunde gar nicht gibt – höchstens auf dem Land. Heute würden 140.000 Ärzte mehr als 1992 im Gesundheitswesen für die gesetzliche Krankenversicherung arbeiten, und die Zahl steige von Jahr zu Jahr. Als viel problematischer erachtet Litsch, dass die Ärztefunktionäre ihren eigenen Beruf jahrelang schlechtgeredet hätten, indem sie ständig über zu viel Arbeit, zu viel Bürokratie und zu wenig Verdienst geklagt haben. Durchschnittlich 170.000 Euro brutto im Jahr seien immer noch ein Spitzenverdienst, so Litsch. Zudem genössen Ärzte immer noch die höchste Reputation aller Berufsgruppen.

Einzelkämpfer-Praxis ist nicht mehr attraktiv

Dass Nachwuchsärzte sich immer öfter für das Angestelltenverhältnis und Teilzeit entscheiden und so "Arztzeit" verloren geht, weil Ärzte in eigener Praxis eben meist länger arbeiten, ist für Litsch auch kein Anlass zur Sorge. Junge Mediziner wollten heute lieber im Team arbeiten und wünschten sich verlässliche Arbeitszeiten. Die Einzelkämpfer-Praxis sei für junge Ärzte immer weniger attraktiv. Der AOK-Chef spricht sich daher für neue Organisationsformen aus. Mehr als die Hälfte der angestellten Ärzte im ambulanten Bereich hätten 2018 über 30 Stunden gearbeitet. Insgesamt stünde trotz Teilzeit nicht weniger ärztliche Arbeitszeit zur Verfügung. Anders organisiert werden müsste allerdings die Verteilung der Ärzte zwischen Stadt und Land und die ärztliche Arbeitszeit müsste effizienter eingesetzt werden. Der AOK-Vorstandsvorsitzende meint damit, dass der Arzt nicht mehr alles allein machen müsse, viele Aufgaben könnten qualifizierte Mitarbeiter übernehmen. Er spricht sich daher für mehr Arztentlastung und Delegation aus.

Den Trend zu immer größeren Medizinischen Versorgungszentren (MVZ) und ambulanten Zentren sieht auch Litsch. Diese Entwicklung werde aber nicht von den Kassen vorangetrieben, sondern von dem Wunsch junger Ärzte, angestellt und im Team arbeiten zu wollen. Der AOK-Chef erkennt darin aber keinen Nachteil, denn ein besserer Austausch über Fachgebiete hinweg könne sich nur positiv auf die Patientenversorgung auswirken.

Digitalisierung kann Entlastung bringen

Litsch spricht sich dafür aus, dass die Krankenkassen die Gesundheitsversorgung zukünftig noch aktiver mitgestalten sollten, z. B. durch Services im Zusammenhang mit der Krankenhausentlassung, Fahr- und Bringdienste, mobile Arztpraxen oder eben auch neue Technologien wie die Videosprechstunde. Von der Digitalisierung verspricht sich Litsch einen großen Nutzen, bspw. wenn Kliniken und niedergelassene Ärzte durch Digitalisierung schneller und einfacher miteinander kommunizieren und sich über Patienten austauschen können. Unnötige Doppeluntersuchungen und Schnittstellenprobleme bei der Krankenhausentlassung könnten so vermieden werden. Daher sei es das erklärte Ziel der AOKen, die Vernetzung der verschiedenen Akteure voranzubringen. Am Anfang sei damit für die Arztpraxen sicher ein gewisser Aufwand verbunden, gibt Litsch zu, aber langfristig rechne er mit einer spürbaren Entlastung, wenn das ganze Formularwesen und bürokratische Prozesse stark vereinfacht werden können.

Brutto ist nicht gleich netto
Dass die Ärztefunktionäre ihren eigenen Beruf schlechtreden würden, kann Dr. Andreas Gassen, der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), so natürlich nicht stehen lassen. In einer Reaktion auf das Litsch-Interview stellte er klar: "Wir werben für Niederlassung – auf der anderen Seite müssen wir aber auch auf Probleme hinweisen. Das ist manchmal wie die Quadratur des Kreises." Außerdem findet Gassen es merkwürdig, wenn ein Kassenfunktionär sich darüber beschwert, dass Missstände angeprangert werden, die überwiegend durch die Kassen bedingt sind, und er nennt als Beispiele die Bürokratie und den Kontrollwahn der Kassen sowie Regressforderungen bar jeder Vernunft. Und beim Einkommen der Ärzte wirft Gassen dem AOK-Chef vor, Bruttoverdienst mit Ertrag zu verwechseln. Tatsächlich liege der Nettoverdienst der Ärzte in weiten Teilen deutlich niedriger als die von Litsch genannten 170.000 Euro.

Ist das Ende des Fax gekommen?

Trotz aller Digitalisierung werde der persönliche Kontakt zwischen Arzt und Patient auch in 10 Jahren noch seinen herausragenden Stellenwert haben, wirft Litsch zum Schluss noch einen Blick in die nähere Zukunft. Aber dieser persönliche Kontakt werde, nicht nur in ländlichen Regionen, viel stärker als heute durch Videosprechstunden und andere digitale Angebote ergänzt. Die Übermittlung der Patientendaten zwischen Kliniken, niedergelassenen Ärzten, aber auch Therapeuten oder Pflegeeinrichtungen wird dann sicher und nachvollziehbar vollkommen digital ablaufen. "Und es wird kein Fax mehr geben", hofft Litsch.



Autor:
Dr. Ingolf Dürr

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2020; 42 (2) Seite 34-35