Auch die Insassen eines Gefängnisses werden einmal krank. Dann brauchen sie einen Arzt. Dr. med. Georg Schwarzer ist Gefängnisarzt in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Rohrbach in Rheinland-Pfalz. Damit gehört er bundesweit zu den wenigen Ärztinnen und Ärzten, die Gefangene versorgen. Denn viele der Arztstellen im Justizvollzug sind nicht besetzt. Schätzungen zufolge soll bundesweit rund ein Viertel der Stellen vakant sein.

Den Job als Gefängnisarzt haben wohl nur wenige auf dem Plan. Dabei bietet er durchaus Vorteile. Beispielsweise bei der Art der Beschäftigung. Da gebe es viele Gestaltungsvarianten, heißt es im Justizministerium Rheinland-Pfalz.

Möglich sei alles: vom verbeamteten Arzt über den Angestellten bis hin zur Honorarkraft. Ob Vollzeit oder Teilzeit: Man sei hier offen und sehr flexibel. Einstellungsvoraussetzung für die Arbeit als Gefängnisarzt ist die ärztliche Approbation und eine abgeschlossene Facharztausbildung. Wünschenswert sei die Allgemeinmedizin, die Innere Medizin oder die Chirurgie.

Medizinischer Check-up bei der Aufnahme

Jeder Insasse, der neu ins Gefängnis kommt, erhält eine Zugangsuntersuchung; hierbei werden Vorerkrankungen dokumentiert und ein Check-up gemacht, berichtet Georg Schwarzer. "Viele kommen erst bei uns in medizinische Versorgung. Draußen waren viele nicht beim Arzt", dies erlebt der Anstaltsarzt immer wieder bei den Eingangsuntersuchungen.

Erfasst wird bei der ausführlichen Anamnese auch die aktuelle Medikamenteneinnahme. Diese werde besonders unter die Lupe genommen. Schwarzer: "Das prüfen wir sehr genau." Es gibt zudem eine körperliche Untersuchung und Vorbefunde werden – falls vorhanden – ebenfalls eingeholt. Bei entsprechender Indikation werde auch eine Ultraschalluntersuchung des Abdomens durchgeführt. Hinzu komme auch eine Abklärung über möglichen Drogenkonsum.

Drogenkonsum ist ein Problem

Der Drogenkonsum sei in den Gefängnissen gewaltig. Es gebe kaum einen, der nicht konsumiere, so der Gefängnisarzt. Meist Cannabis, Amphetamine, Kokain und Opioide. Standard sei daher bei den Neuzugängen auch ein Drogentest.

Geprüft werde auch der Wunsch nach einer Substitutionsbehandlung. Für diejenigen, die sich bei Gefängniseintritt bereits in einer Substitution befänden, werde die Substitution fortgesetzt. Diese werde genau kontrolliert und gegebenenfalls auch beendet, wenn der Gefangene sich nicht an die Regeln halte. "Wir drohen nicht nur mit erhobenem Zeigefinger, sondern ziehen auch die Konsequenzen bei wiederholten Vorfällen. Unsere Regeln sind klar, und keiner kann sagen, er hätte es nicht gewusst." Er habe es schon mehrmals erlebt, dass versucht worden sei, Substitutionsmittel aus dem Behandlungsraum herauszuschmuggeln.

Festgehalten werde bei der Eingangsuntersuchung auch die Sport- und Arbeitsfähigkeit der Gefangenen. Für die Arbeitsfähigkeit werde geklärt, ob der Neuzugang den üblichen Arbeitsbelastungen innerhalb der JVA gewachsen ist. Arbeitseinsätze seien beispielsweise möglich in der Kleiderkammer, bei den Hausdiensten, in der Küche und in den Werkhallen. Doch ein Arbeitsplatz sei leider nicht für jeden vorhanden; nur etwa jeder Zweite könne eine solche Stelle bekommen.

Geklärt werde auch, ob eine Einzelunterbringung nötig sei. Beispielsweise wenn eine Anfallerkrankung bestehe, sei es wichtig, dass ein Mitgefangener einen Notruf absetzen könne. Wenn ein akuter Notruf eingehe, dann begibt sich der Gefängnisarzt mit Mitarbeitern sofort in die Zelle, von der der Notruf abgesetzt worden ist. Sie leisten Erste Hilfe bis hin zur Reanimation und schalten gleichzeitig den Rettungsdienst ein.

Sprechstunde hinter Gittern

Für die normale ärztliche Versorgung gibt es feste Sprechzeiten. Hierfür müssen sich die Gefangenen anmelden. Jeder Gefangene hat in der JVA Rohrbach zweimal in der Woche die Möglichkeit, den Arzt aufzusuchen. Zum Termin werden sie in ihrer Zelle von zwei Justizvollzugsbeamten abgeholt und in einem Warteraum im Praxistrakt platziert. Sind sie an der Reihe, werden sie hineingeführt zum Arzt, der mit einem Sanitäter gemeinsam im Sprechzimmer ist. Mittwochs ist darüber hinaus der Notfalltag; da kann jeder mit Akutproblemen kommen. Plötzliche Notfälle sind natürlich jederzeit mit Zugang zum Arzt verbunden.

Das Sprechzimmer in der JVA sieht nicht viel anders aus als andere Sprechzimmer. Allerdings fällt auf, dass auf dem Schreibtisch nichts herumsteht oder in Griffnähe liegt. Zudem sind die Fenster vergittert.

Themenbandbreite ähnelt der Hausarztpraxis

Die Sprechstunde hinter Gittern entspricht vom Spektrum her einer allgemeinmedizinischen Praxis: Erkältungskrankheiten, Magen-Darm-Probleme, Rücken- und Gelenkprobleme, Schmerzen unklarer Art, Infekte und Herz-Kreislauf-Beschwerden. Hinzu kommen Sport- und Arbeitsunfälle, berichtet Dr. Schwarzer. Bei speziellen Fragestellungen werden die Insassen bei externen Fachärzten vorgestellt. Einmal pro Woche kommt zudem eine Zahnärztin in die Gefängnissprechstunde.

Ist eine Klinikeinweisung in ein ziviles Krankenhaus erforderlich – wenn etwa eine Versorgung im Justizvollzugskrankenhaus nicht möglich ist –, dann werden die Gefangenen dort rund um die Uhr von zwei Justizbeamten überwacht.

Schlafprobleme seien in Gefängnissen ebenfalls ein weit verbreitetes Phänomen, so Schwarzer: Seiner Erfahrung nach klagt fast jeder Zweite darüber. "Betroffene verlangen dann gleich nach Schlaftabletten", fügt er hinzu. Doch damit sei er sehr zurückhaltend. Denn viele würden auch gerne tagsüber schlafen und seien dann nachts eben nicht mehr müde. Er appelliere hier auch an die Betroffenen, sich mehr zu bewegen und beispielsweise am Sportprogramm teilzunehmen. Schlaftabletten gebe es höchstens für eine Woche. Danach werde geschaut, den normalen Schlafrhythmus wieder in Gang zu bekommen.

Psychische Probleme sind häufig

Und natürlich kämen auch viele Insassen mit psychischen Problemen, berichtet Schwarzer. Schizophrenie, Depressionen, Borderline-Syndrom. Das nehme zu. "Viele kommen schon von draußen anbehandelt mit Psychopharmaka." In solchen Fällen werden Vorbefunde und Vormedikation angefordert.

Von vielen der Gefangenen kenne er die Lebensumstände. "Klar", gibt Dr. Georg Schwarzer zu, "der Umgang mit den Straftätern ist nicht immer einfach, trotzdem macht die Arbeit Freude." Er selber sei zu diesem Job gekommen, weil der frühere Gefängnisarzt ihn fragte, ob er Urlaubsvertretung machen könne. Das war 2004. Es folgten viele Urlaubsvertretungen und seit 2014 ist der Arbeitsmediziner nun komplett als Gefängnisarzt in der JVA Rohrbach tätig. Dabei komme es ihm sehr zugute, dass er schon immer mit der Akutmedizin verbunden gewesen sei. Über 20 Jahre habe er regelmäßig in einer ärztlichen Bereitschaftspraxis mitgearbeitet und darüber hinaus zahlreiche sonstige Praxisvertretungen bestritten.

Seinen ungewöhnlichen Arbeitsplatz hat er zu schätzen gelernt. "Langeweile kommt hier wirklich nie auf; jeder Tag verläuft anders", sagt Schwarzer. Gerade deshalb mache er seinen Job so gerne. Und die Vorteile liegen für ihn klar auf der Hand: ein relativ sicherer Arbeitsort, zeitlich klare Grenzen, weg vom Budgetdruck, stark befreit von Verwaltungsaufgaben und viel Zeit für jeden einzelnen Patienten: "Der Gefängnisarzt sagt, was gebraucht wird. Seine medizinische Einschätzung zählt und gilt."

Mit Medikamenten werden die Kranken insgesamt gut versorgt. "Allerdings haben wir bei apothekenpflichtigen Mitteln den Daumen drauf; hier herrscht Augenmaß", erklärt der Gefängnisarzt. Beispielsweise bei speziellen Hautcremes, Lotionen oder Shampoos. Diese Dinge müssten die Insassen meist selber kaufen.

Erfahrung sollte man mitbringen

Berufsanfänger sind nach Dr. Schwarzers Meinung nach im Gefängnis "fehl am Platz". Man müsse schon ein breites allgemeinmedizinisches Erfahrungswissen mitbringen. Auch sei es hilfreich, wenn man eine gewisse Frustrationstoleranz habe, denn lautstarke Beschimpfungen und Beleidigungen kämen durchaus vor.

Und auch als Gefängnisarzt gelte: zuhören, offen und freundlich sein. Das erleichtere die Situation im Sprechzimmer ungemein. Schwarzer: "Wenn von hartgesottenen Kerlen ein Lächeln zurückkommt, ist das ein Pluspunkt!" Jede JVA sei wie ein abgeschlossener Mikrokosmos – und der Arzt, so bringt es Schwarzer auf den Punkt, stecke eben mittendrin.

Dieser Beitrag ist zuerst erschienen im Ärzteblatt Rheinland-Pfalz 10/2018



Autorin:
Ines Engelmohr

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2019; 41 (4) Seite 82-84