Die Wurzer Sommerkonzerte wurden 1988 ins Leben gerufen mit dem Ziel, den kulturellen Austausch in Europa, insbesondere mit unseren unmittelbaren östlichen Nachbarn, grenzüberschreitend zu fördern und einen Beitrag zu leisten zur Förderung der Kammermusik und zur Förderung von jungen, begabten Musikern. Die Konzerte im alten Wurzer Pfarrhof sind inzwischen längst zu einer unverzichtbaren Einrichtung geworden und stellen einen der Höhepunkte im sommerlichen Kulturgeschehen dar. In diesem Jahr feiert die Veranstaltung ihr 30-jähriges Jubiläum. Ein guter Anlass, sich einmal ausführlicher mit der Initiatorin und treibenden Kraft hinter den Wurzer Sommerkonzerten zu unterhalten – der Allgemeinärztin Dr. Rita Kielhorn aus Berlin.

Der Allgemeinarzt: Frau Dr. Kielhorn, wie kamen Sie als Berlinerin eigentlich auf das oberpfälzische Wurz?

Rita Kielhorn: Den Wurzer Pfarrhof sah ich zum ersten Mal Pfingsten 1973, als ich meinen Schwager begleitete, der ein Haus auf dem Lande in der Nähe von Weiden suchte. Wurz lag in unmittelbarer Nähe zur Tschechoslowakei und zur DDR. Es war eine vergessene Gegend, die ökonomisch und kulturell nicht prosperierte. Das Dorf wirkte so, als wenn die Zeit stillgestanden hätte. Der Wurzer Pfarrhof war schon über ein Jahr zum Verkauf ausgeschrieben, doch niemand wollte ihn haben. Mir gefiel das Anwesen auf Anhieb, obwohl es sich in einem total verkommenen Zustand befand und ihm die Abrissbirne drohte. Mein Schwager ging entsetzt hinaus.

Was faszinierte Sie daran?

Als ich den alten Pfarrhof zum ersten Mal sah – es war der ehemalige Sommersitz der Äbte von Waldsassen, 1780 von Johann J. Ph. Muttone erbaut –, verliebte ich mich in die abbröckelnde Fassade, das knarrende Hoftor und die alten Türen und Schlösser. Die Fledermäuse und Schwalben, die im Breviergang eine Heimat gefunden hatten, steigerten meine Begeisterung. Es war wie im Märchen, nur der Prinz fehlte. Mir war es damals ganz egal, dass die Gemäuer quasi nicht beheizbar waren, dass kein warmes Wasser aus der Wand kam und die Farbe von den Wänden blätterte. Ich ahnte nicht, was materiell auf mich zukommen würde, aber ich hatte die Vision, dieses verborgene Kleinod mit neuem Leben zu füllen: mit Musik und Kunst in einer Gegend, die kulturell ein Vakuum war.

Wann reifte diese Idee?

Ich hatte sofort die Idee, dass über die Musik, die ja bekanntlich keine Grenzen kennt, die Grenzen zwischen Ost und West etwas durchlässiger werden könnten. Den letzten Anstoß gaben mir polnische Musiker des Studio-Sextett Lodz. Ich hatte sie in der Kapelle des Lobkowitz-Schlosses in Neustadt an der Waldnaab gehört, war begeistert und lud sie zu einem Kaffee in den Pfarrhof ein. Ihnen gefiel das Ambiente so gut, dass sie große Lust bekamen, dort ein Konzert zu geben. So organisierte ich mutig das erste Konzert mit dem Studio-Sextett. Wenn niemand kommt, so dachte ich damals, dann ist es eben das teuerste Konzert meines Lebens – mit nur einem Zuhörer, nämlich mit mir.

Als frisch gewählte Vorsitzende des Hausärzteverbandes in Berlin (BPA) hatte ich gleich 1987 das 30-jährige Jubiläum dieses Verbandes zu gestalten. Was lag näher, als diese polnischen Musiker einzuladen, die mir nicht nur durch ihre hohe musikalische Qualität, sondern auch durch ihren ungebrochenen Willen nach Freiheit imponierten? Das Studio-Sextett Lodz spielte also 1987 in Berlin – es war ein großartiges Erlebnis – und im darauffolgenden Jahr in Wurz. So fing es in Wurz an.

Wie wurden die Wurzer Sommerkonzerte angenommen?

Als ich 1987 die ersten Vorbereitungen traf, riet man mir ab: "Hier regnet es immer. Das ist hier das Sibirien von Deutschland." Und man warnte mich vor Open-Air-Konzerten: "Es kommt kein Mensch." Aber schon beim ersten Konzert am 6. August 1988 waren Publikum und Presse begeistert. Der Kritiker Eberhard Otto schrieb im "Neuen Tag": "Tausend Ohren hörten zu" und betonte die "beglückende Einheit von Musik und Atmosphäre". Mir wurde bestätigt, dass Kammermusik auf dem Lande nicht etwa überflüssiger Luxus ist, sondern durchaus einem Bedürfnis der Menschen nach unmittelbarem Erleben von Musik entspricht – selbst wenn ein Traktor einmal vorbeifährt oder ein Hund bellt.

Wie verwandelte sich der Pfarrhof?

Der Pfarrhof stand unter Denkmalschutz. Ich erwarb ihn 1973 – zu früh, um eine Förderung zu erhalten. Diese setzte sich erst später durch. Ich bekam lediglich für die Keimfarbe der Außenwand 2.000 DM. Die notwendige Totalsanierung habe ich quasi ausschließlich aus eigenen Mitteln und mit eigener Kraft über mehrere Jahre hinweg durchgeführt. Heute werden vergleichbare Objekte in sechsstelliger Euro-Höhe gefördert! – "Wer zu früh kommt, den bestraft das Leben."

War es von Anbeginn Ihre Idee, über die Musik eine Ost-West-Brücke zu errichten?

Ja, das war von Anfang an meine Idee. Über die Musik wollte ich eine Brücke bauen, um einen Beitrag zur Verständigung und Toleranz zu leisten. Ich hatte die Vision und Hoffnung, dass eines Tages hier in Wurz Kammermusik im Mittelpunkt eines vereinten Europas stattfinden wird – zu einer Zeit, als Europa durch den Eisernen Vorhang noch in Ost und West geteilt war. Mein Vater dachte, dass ich den Verstand verloren hätte, doch meine Mutter bestärkte mich. Es gehört schon eine gewisse Besessenheit, Verrücktheit und ein ungebrochener Optimismus dazu, den Versuch zu wagen, den Eisernen Vorhang über die Musik zu durchlöchern.

Welche Schwierigkeiten gab es?

Vor der Wende und in den ersten Jahren danach gab es gravierende Probleme mit der Starrheit der Behörden und Bürokratie in den Ländern des Ostblocks. Da normale Briefe in die Sowjetunion oft beim Empfänger nicht ankamen, gab ich am Bahnhof Berlin-Lichtenberg einer Unbekannten, die nach Moskau reiste, einen Brief für das Glasunow-Quartett mit. Und es klappte! Allerdings gab es noch eine lange Zitterpartie, denn das Quartett erhielt erst wenige Tage vor dem Konzerttermin das Ausreisevisum. Und noch als ich am Bahnhof in Weiden stand, um die Damen des Quartetts abzuholen, wusste ich nicht, ob sie wirklich kommen würden. Aus der Tschechoslowakei gab das Moyzes Quartett ein Konzert, das am Vortag in der Tschechoslowakischen Botschaft in Bonn konzertiert hatte. Die Musiker kamen in letzter Minute, da sie glaubten, Wurz läge vor den Toren von Bonn.

Wie hat sich die Konzertreihe dann entwickelt?

In Musikerkreisen des ehemaligen Ostblocks sprachen sich die Wurzer Sommerkonzerte schnell herum als Möglichkeit, im "Westen" ein Konzert zu geben. Das Telefon klingelte oft während meiner Sprechstunde in Berlin-Kreuzberg – Internet gab es ja noch nicht. Musiker aus dem Baltikum, der DDR, Ungarn, Polen und der Tschechoslowakei bewarben sich. Inzwischen sind die Wurzer Sommerkonzerte zu einem kulturellen Highlight in der Oberpfalz geworden. Neben jungen Musikern aus Deutschland und dem westeuropäischen Ausland sind Ensembles aus Polen, Litauen, Lettland, Estland, der Slowakei, Tschechien, Slowenien, Kroatien, Serbien, Bulgarien, Georgien, Russland und Weißrussland eingeladen. So hat sich ein bei Musikern und Konzertgästen gleichermaßen beliebtes und renommiertes Festival entwickelt. Wer einmal hier war, möchte wiederkommen. Ich bin froh, dass die Wurzer Sommerkonzerte trotz vieler finanzieller Schwierigkeiten – Kunst und Kultur tragen sich nun einmal nicht aus Kartenverkauf – in diesem Jahr ihr 30-jähriges Jubiläum feiern. Aber das Damoklesschwert hängt immer über mir.

Wurde Ihr Engagement gewürdigt?

2012 wurde mir der Preis "Brückenbauer – stavitel mostů" vom Verein Bavaria Bohemia e. V. für "vorbildliches, beispielhaftes und wegweisendes Engagement zur Vertiefung der guten Nachbarschaft in den bayerischen und tschechischen Nachbarregionen" verliehen. Davor gab es bereits das Bundesverdienstkreuz, die Ehrenbürgermedaille der Gemeinde Püchersreuth und den Kulturpreis des Landkreises Neustadt a. d. Waldnaab. Doch die für mich wichtigste Anerkennung ist die anhaltende Gunst des Publikums – trotz der inzwischen sprießenden Musikveranstaltungen in der Umgebung.

Frau Dr. Kielhorn, wir danken Ihnen für dieses Gespräch und wünschen Ihnen weiterhin viel Erfolg.

Wurzer Sommerkonzerte
Die Wurzer Sommerkonzerte finden dieses Jahr vom 22. Juli bis zum 2. September jeweils an den Wochenenden statt. Das diesjährige Jubiläums-Festival steht unter dem Motto "Festlich, höfisch, heiter". Mehr Informationen zum Programm findet man unter http://www.wurzer-sommerkonzerte.de .


Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2017; 39 (9) Seite 90-92