Allergien und Asthma bronchiale sind klassische Erkrankungen von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Dass auch ältere Menschen an Asthma oder Allergien leiden können oder sogar erst im Alter zu Allergikern werden können, ist weniger bekannt.

Allergien scheinen auch unter der älteren Bevölkerung zuzunehmen. Objektiv stieg im Floridsdorfer Allergie Zentrum (Allergiediagnostik und -therapie, Wien) die Anzahl der über 65-Jährigen mit allergischer Sensibilisierung im Zeitraum zwischen 1997 bis 2007 stetig von 1,7 % auf 3,5 %.

Die Sensibilisierungsmuster der beobachteten 370 Senioren sind weitgehend identisch mit denen der 12.684 Atopiker (7- bis 64-Jährige), allerdings sind die Sensibilisierungen prozentual geringer (Abb. 1). Bei den Zuweisungsdiagnosen dominiert die Rhinokonjunktivitis mit fast 60 %, gefolgt von Urtikaria/Angioödem mit 29 % und Dyspnoe mit 26 % (Abb. 2).

Allergien bei Senioren

Die Lebenszeitprävalenz von allergischen Erkrankungen liegt nach deutschen Statistiken bei über 70-jährigen Senioren zwischen 22 % (weiblich) und 16 % (männlich). Die höchsten Prävalenzen finden sich bei Frauen zwischen 30 und 39 Jahren (Abb. 3). Typisch ist die Geschlechtsverteilung, wobei Frauen stets mehr Allergien zeigen als Männer. Dies hat unter anderem hormonelle Gründe.

Da Allergien generell zunehmen, ist auch zu erwarten, dass in der Kindheit oder Jugend erworbene Allergien bei älteren Menschen weiterbestehen. Allerdings gibt es offenbar auch Neusensibilisierungen, da ältere Patienten vermehrt über bisher nicht gekannte allergische Symptome klagen. Dass es sich dabei tatsächlich um Neusensibilisierungen handelt, konnte im Rahmen einer Sensibilisierungsstudie in Ostösterreich gezeigt werden. Vorwiegend hat sich dort Ragweed, ein aggressives Allergen, angesiedelt.

Da es Ragweed in Österreich früher nicht gegeben hat, handelt es sich bei den Allergien daher hauptsächlich um Neusensibilisierungen. Ein ähnliches Muster konnte auch in italienischen Untersuchungen bei Ragweed-Sensibilisierungen gesehen werden.

Typ-1-Diagnostik

Die Allergiediagnostik verläuft bei älteren Menschen wie bei jungen Patienten. Allerdings ist zu bedenken, dass etwa bei ausgeprägter altersbedingter Hautatrophie die Pricktestung unzuverlässig ist. Ähnliches gilt für die Medikation mit Neuroleptika.

Die Therapie der allergischen Rhinokonjunktivitis unterscheidet sich nicht von der junger Menschen, allerdings sollten keine "alten", sedierenden Antihistaminika gegeben werden. Zu bedenken ist auch, dass hoch dosierte topische Steroide bei betagten Patienten das Risiko für Katarakt oder Glaukom leicht erhöhen können.

Asthma bronchiale bei Senioren

Zu Asthma bronchiale bei älteren Menschen ist die Datenlage eher dünn. Oft liest man, dass "unser Wissen limitiert" und Asthma bei älteren Menschen "unterdiagnostiziert und unterbehandelt" sei. Zudem müsse man in den nächsten Jahren mit einer Zunahme der Zahl an betagten Asthmapatienten rechnen. Derzeit sind zumindest zwei Phänotypen bekannt: das "Long-standing" Asthma, das aus der Kindheit oder Jugend "mitgenommen" wird, und das neu erworbene "Late-onset" Asthma.

Diagnose

Asthma bronchiale zeigt sich bei älteren Menschen anders (Tabelle 1), wobei als Kardinalsymptome Ruhedyspnoe, morgendliche Thoraxenge und Erwachen durch nächtlichen Husten angegeben werden (Bellia et al., Chest 2003). Beim Symptom Dyspnoe ist differenzialdiagnostisch die Abgrenzung von COPD oder Herzerkrankungen zu beachten, was jedoch im Einzelfall nicht ganz einfach ist. Auch ist es möglich, dass Asthma und COPD überlappend vorkommen.

Ältere Menschen empfinden Atemnot als weniger schwer als junge Patienten. Dies führt dazu, dass Senioren mit Asthma bronchiale später zum Arzt gehen, die Diagnose verzögert gestellt und damit die Therapie verspätet eingeleitet wird. Auch ist die Sterblichkeit an Asthma bei Senioren deutlich erhöht (Abb. 4).

Hormonersatztherapie und Asthma

Auch die Etablierung einer postmenopausalen Hormontherapie kann Einfluss auf die Entwicklung von Asthma bronchiale haben. So zeigte eine Untersuchung über Hormonersatztherapie aus dem Jahr 2004, dass sowohl eine Progesteron-/Östrogentherapie als auch eine alleinige Östrogentherapie zu einem erhöhten Asthmarisiko führen kann.

Im Gegensatz dazu konnten Romieu et al. in einer französischen Studie an 57.664 Frauen im Alter von 60 bis 85 Jahren zwar eine erhöhte Asthmarate bei Patientinnen unter Östrogentherapie finden, nicht aber unter einer kombinierten Progesteron-/Östrogentherapie. Interessanterweise sind Nichtraucherinnen neben Atopikerinnen stärker gefährdet, unter einer Östrogentherapie Asthma zu entwickeln.

Therapieansätze

Die Therapie des Asthma bronchiale richtet sich auch im Alter nach den GINA-Guidelines und unterscheidet sich nicht wesentlich von jener bei jüngeren Asthmatikern. Ein essenzieller Punkt bei der Behandlung mit inhalativen Medikamenten ist die Inhalationstechnik. Ältere Menschen haben hier naturgemäß mehr Schwierigkeiten als jüngere Patienten, da sie meist sowohl in Bezug auf die Sehkraft als auch auf taktile und koordinative Fähigkeiten mehr oder weniger eingeschränkt sind. Außerdem dürfen regelmäßige Bewegung und pneumologische Rehabilitation nicht vergessen werden.

Spezifische Immuntherapie bei Senioren

Die spezifische Immuntherapie wurde früher für Patienten jenseits der 50 Jahre nicht empfohlen; heutzutage kann man nach Ermessen auch bei älteren Menschen eine Immuntherapie durchführen. Unsere bisherigen Beobachtungen zeigen sowohl eine gute Verträglichkeit als auch eine gute Wirksamkeit.

Generell besteht bei Patienten mit schweren anaphylaktischen Reaktionen nach Insektenstichen (Grad III und IV) die Indikation zur spezifischen Immuntherapie. Gerade in diesem Fall ist die Therapie bei alten Menschen besonders wichtig, da die meisten Todesfälle durch anaphylaktische Reaktionen nach Insektenstichen bei 60- bis 70-Jährigen auftreten. Ursachen sind hier sicherlich die kardialen und eventuell pulmonalen Komorbiditäten.

Eine Medikation mit Betablockern oder ACE-Hemmern scheint nach heutigem Wissen nicht mit erhöhten Nebenwirkungen verbunden zu sein und stellt somit auch keine Kontraindikation gegen die Immuntherapie mehr dar.

Literatur:beim Verfasser

Genehmigter und bearbeiteter Nachdruck aus JATROS Pneumologie & HNO 6/2018

Fazit für die Praxis
Allergien und Neusensibilisierungen sind auch bei Senioren möglich.

Neben der Verschlechterung der Lebensqualität ist insbesondere bei Asthma bronchiale mit einer erhöhten Mortalität zu rechnen.

Daher sollte auch bei älteren Menschen an eine Allergie beziehungsweise an Asthma bronchiale als Auslöser der Symptomatik gedacht werden. Auch bei Senioren sollte man deshalb Allergie- und Lungenfunktionstests durchführen.



Autor:

Univ.-Doz. Dr. med. Felix Wantke

Floridsdorfer Allergie Zentrum
1210 Wien

Interessenkonflikte: Der Autor hat keine deklariert



Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2020; 42 (6) Seite 51-55