Das kleine Albanien auf dem Balkan zählt sicher noch nicht zu den überlaufenen Reisegebieten. In kaum einem anderen europäischen Land ist der Kontrast zwischen Stadt und Land derart ausgeprägt wie in Albanien. Dem Reisenden bietet sich im ländlichen Albanien eine romantische Szenerie, die an vergangene Tage erinnert. Das Landesinnere wird von den Albanischen Alpen durchzogen und kann mit zahlreichen Burgen und archäologischen Stätten aufwarten. Höchste Zeit, das Land einmal zu erkunden, findet unser Reiseautor Ulrich Uhlmann und hat sich mit dem Auto auf den Weg gemacht.

Mit dem Auto geht es, oft Schlaglöchern ausweichend, von der montenegrinisch-albanischen Grenze durchs Bergland in Richtung Kruje – unserem ersten Ziel. Unterwegs wird uns bald klar, dass die albanische Straßenverkehrsordnung nur eventuelle Vorschläge enthält, die der mutige Fahrer an Kreuzungen oder im Kreisverkehr berücksichtigen könnte. Doch zur Ehrenrettung der Beteiligten müssen wir gestehen, dass uns auf unserer 2.000-km-Tour quer durchs Land kein einziger Unfall zu Gesicht kam.

Preisgünstig übernachten geht überall

Also auf nach Kruje, dem nordalbanischen 15.000-Einwohner-Städtchen, dessen Vergangenheit eng mit dem Nationalhelden und Türkenbezwinger Skanderbeg (1405–1468) verbunden ist. Wir haben im Voraus keine Übernachtung gebucht, sondern uns darauf verlassen, dass Albanien nicht von Touristenströmen überschwemmt ist. Für 20 Euro pro Doppelzimmer, einschließlich traditionellem Frühstück, sind wir nun dabei. Emilianos Gästehaus liegt hoch oben im altehrwürdigen Burggelände mit imponierendem Blick auf die Stadt und das 20 Kilometer Luftlinie entfernte Tirana. Dicht neben unserer Herberge erhebt sich vor beeindruckender Bergkulisse der sogenannte Uhr- oder Signalturm, eines der Wahrzeichen von Kruje. Zu Skanderbegs Zeiten wurden von ihm Leuchtzeichen von Burg zu Burg ausgesandt – die Telegrafie des Mittelalters.

Spuren der Osmanen

Wir schlendern bergabwärts vorbei an kleinen Wohnhäusern aus osmanischer Zeit. In der Basargasse herrscht an den Ständen buntes Treiben. Alles passiert unaufdringlich, ohne das Geschrei arabischer Souqs. Angeboten werden Kupfer- und Silberarbeiten, Webwaren, Holzgeschnitztes, aber auch schmackhafter Gebirgshonig oder hausgemachte Feigenmarmelade. Und natürlich Antiquitäten von der alten Babywiege bis hin zum Stahlhelm aus Enver Hoxhas Diktatorenzeit.

Weiter geht es entlang der Adria gen Süden. Ein Abbiegen, um Gebirgsdörfer nebenan zu erforschen, ist so gut wie unmöglich. Schotterpisten, Steinschlag und fehlende Hinweistafeln machen solchen Plänen den Garaus. Schwer vorstellbar, welche Folgen eine Panne hätte. Werkstätten mitteleuropäischen Standards – Fehlanzeige. Aber immerhin sind die Straßen mit Polizisten gesprenkelt. Träge stehen sie herum und bewundern die riskanten Überholmanöver ihrer Landsleute. Wohlbehalten landen wir im Badeort Himara. Geta, die Chefin des Panorama-Hotels, empfiehlt uns für den nächsten Tag eine Tour ins nahe liegende Bergdorf Alt-Himara. Auf kopfsteingepflasterten Gässchen erklimmen wir den 140 Meter hoch gelegenen Burgfelsen. Immer wieder geht der Blick in bunte Blumengärten. Fruchtreiche Feigenbäume, blühende Kakteen und knorrige Olivenbäume säumen den steilen Aufstieg. Die Häuser, teils aus türkischer Zeit, wirken verwunschen und unbewohnt. Die Besitzer arbeiten nicht selten im nahen Griechenland.

Reisetipps

Informationen: Einreise mit Reisepass oder Personalausweis; bei Kfz Grüne Versicherungskarte. Keine speziellen Impfungen erforderlich. Bezahlung von Dienstleistungen, Übernachtungen usw. in Landeswährung; auch Euro werden überall gern gesehen. Übernachtungspreise pro Doppelzimmer ab 20 bis 30 €, einschl. Frühstück. Restaurantpreise unter mitteleuropäischem Niveau. Im Straßenverkehr besondere Vorsicht walten lassen; Nachtfahrten unbedingt vermeiden. Der Tourist kann sich im Land sicher fühlen. Unterkünfte: emilianomerlika@gmail.com (Kruje); hotelago@yahoo.com (Berat); hotelpanorama_himare@hotmail.com (Himara); hotel.boci@gmail.com (Gjirokastra); hotel.george@hotmail.com (Korca).

Reiseliteratur: "Handbuch für individuelles Entdecken – Albanien", Reise Know-How Verlag, 22,50 €; Neuerscheinung 2019 „Albanien/Ausflüge nach Montenegro, Kosovo und Nordmazedonien“, Michael Müller Verlag, 21,90 €; Becksche Reihe "Die Albaner", Verlag C. H. Beck, 14,95 €; Landkarte "Albanien", Reise Know-How Verlag, 9,95 €; "Taschenwörterbuch Albanisch", Helmut Buske Verlag, 14,90 €.

Ziegen und Schafe queren die Strecke

Oben auf dem Burgberg verfallene Festungsgemäuer und die kleine Kirche Agios Sergios aus dem 12. Jahrhundert. Recht heruntergekommen ist das Bauwerk. Im Innenraum, dessen Fresken ihren Glanz verloren haben, brennen Kerzen. Kaum vorstellbar: Im Mittelalter zählte der winzige Ort ganze 62 Kirchlein – für jede Familie sozusagen eine eigene Hauskapelle.

Unsere Reise geht weiter, nachdem wir auch Berat und Gjirokastra besucht haben. Letzte Station unserer Albanien-Tour ist Korca, die 50.000-Einwohner-Stadt hinter den Bergen. Wir haben uns die Route über Permet ausgesucht – fast die einzige Möglichkeit, durch das Gebirge auf "vernünftigen" Wegen von West- nach Ostalbanien zu gelangen. Schmale Straßen, ein Bergauf und Bergab durchs Hochgebirge, unzählige Haarnadelkurven, unvermutet querende Schaf- und Ziegenherden oder unberechenbarer Gegenverkehr – ein besonderes Fahrerlebnis. Auf den 200 Kilometern tuckeln wir meist mit knapp 30 km/h dahin. Da beruhigt es ungemein, als bei einer Pause ein Ambulanzwagen neben uns anhält und der Fahrer anfragt, ob bei uns alles klar sei oder Hilfe vonnöten.

Deutschlehrer Afrim lädt uns ein zum abendlichen Xhiro in der Fußgängerzone von Korca, dem landestypischen Spaziergang, bevor die Sonne untergeht. Da pulsiert das Leben auf dem Boulevard Shen Gjergjit zwischen der Neuen Kathedrale und dem Landestheater, gesäumt von Stadtvillen aus der Gründerzeit. Es wird flaniert oder einfach nur in einem Restaurant, einem Café oder einer Bar ein Snack oder ein Korca-Bier genommen.

Ein Land für Neugierige – noch!

Also alles paletti in Albanien? Es ist ein liebenswertes Land mit noch viel unberührter Natur, mit hohen Bergen und blauem Meer, mit gastfreundlichen und hilfsbereiten Menschen. Es ist ein Land, wo sich der Besucher um die Sicherheit weniger sorgen muss als anderswo. Es ist aber auch ein Land, wo es am üblichen touristischen Standard noch Abstriche gibt. In naher Zukunft wird sich auch das hoffentlich vorteilhaft verändern, ohne die Fehler Mitteleuropas nachzuvollziehen.



Autor:
Ulrich UIhlmann

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2019; 41 (8) Seite 70-71