Der Patient ist kein Notfall, aber er braucht eine ärztliche Behandlung. Und: Die Praxen sind geschlossen. Wohin soll er sich wenden? Die Antwort: an den ärztlichen Bereitschaftsdienst der Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen). Die Versorgung der Patienten im Bereitschaftsdienst gehört zum Sicherstellungsauftrag der KVen und zum Selbstverständnis der Vertragsärzte. Doch das System droht aus den Fugen zu geraten. Deshalb plant die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) nun einen Paradigmenwechsel.

Viele Bürger wissen nicht, wohin sie sich wenden können, wenn sie zwar kein Notfall sind, aber trotzdem außerhalb der Praxisöffnungszeiten eine ärztliche Behandlung brauchen. Die Folge: Zu viele gehen in die Notfallambulanzen der Krankenhäuser, wo sie aber nicht hingehören. Denn oft handelt es sich um Bagatellerkrankungen, die eigentlich vom vertragsärztlichen Bereitschaftsdienst versorgt werden müssten.Schon heute behandelt der ärztliche Bereitschaftsdienst 10 Millionen Patienten jedes Jahr. Und fast 8 Millionen Anrufer wählen die bundesweite Nummer 116117. "Unsere Kolleginnen und Kollegen machen je nach regionaler Organisation des Bereitschaftsdienstes Hausbesuche, betreiben Notfallpraxen oder arbeiten in Bereitschaftsdienstzentren der KVen", erklärt dazu Dr. Andreas Gassen, der Vorstandsvorsitzende der KBV.

In vielen KV-Regionen, wie z. B. Baden-Württemberg, Bayern, Schleswig-Holstein oder Ham-burg, gab es in den vergangenen Jahren aufwendige Bereitschaftsdienstreformen. Nicht immer gingen diese Veränderungen ohne Konflikte aus, aber man habe sich doch immer zusammengerauft, konstatiert der KBV-Chef. Es geschehe also schon jede Menge, aber man habe sich noch viel vorgenommen, was den ärztlichen Bereitschaftsdienst betrifft. "Anstatt zu klagen, wollen wir gestalten", so Gassen.

Bessere Vernetzung ist nötig

Strategisch geschickt hat die KBV die Klinikärzte in die Diskussion um die Notfallversorgung eingebunden, um die strukturellen Probleme und das zunehmende Chaos an der Schnittstelle zwischen ambulanter und stationärer Versorgung, die Überflutung der Notfallambulanzen mit Bagatellfällen, zu lösen. Ob das klappen wird? Auch wenn sich die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) not amused zeigt, die KBV-Spitze blickt nach Gesprächen mit dem Marburger Bund optimistisch in die Zukunft, das Problem verstopfter Notfallambulanzen an den Kliniken gemeinsam in den Griff zu bekommen. Nachdem sich das Thema nicht mit der schlichten Zusammenlegung der teilweise von Patienten parallel kontaktierten Notrufnummern 112 und 116117 in absehbarer Zeit lösen lässt, wird im Hintergrund an einer besseren Vernetzung gearbeitet.

KBV will Bereitschaftsdienstnummer 116117 ausbauen
Konkret plant die KBV, dass die bundesweite Rufnummer für den ärztlichen Bereitschaftsdienst 116117 in Zukunft rund um die Uhr erreichbar sein soll. Dazu ist eine gesetzliche Regelung erforderlich, denn bislang ist der ärztliche Bereitschaftsdienst vor allem auf sprechstundenarme Zeiten sowie auf nachts, die Wochenenden und Feiertage beschränkt. Ziel ist es, damit die Patienten, die kurzfristig ärztliche Hilfe benötigen, in die richtige Versorgungsebene zu leiten. Der Hintergrund ist klar, sagt der stellvertretende KBV-Chef Dr. Stephan Hofmeister: "Wir wissen, dass diese kurzfristigen Behandlungen häufig keine Notfälle sind", 20 bis 30 % der Patienten könnte oftmals bereits am Telefon geholfen werden, sodass eine sofortige ärztliche Konsultation nicht erforderlich sei.

Steuerung über eine Triage Wer heute die 116117 wählt, wird in der Regel direkt mit dem ärztlichen Bereitschaftsdienst in seiner Nähe verbunden. Künftig sollen die Anrufer über eine Triage in die Versorgungsebene geleitet werden, wo sie mit ihren Beschwerden am besten aufgehoben sind. Dies kann eine Haus- oder Facharztpraxis, eine Bereitschaftsdienstpraxis oder in lebensbedrohlichen Fällen die Rettungsstelle sein. Auch die Vermittlung von Hausbesuchen ist möglich.

Notfall-App geplant Die KBV will damit eine zentrale Anlaufstelle für Patienten schaffen, ergänzt um Informationsangebote im Internet und eine Notfall-App. Über das Angebot hinter der 116117 würden die Kassenärztlichen Vereinigungen vor Ort entscheiden, betonte Hofmeister und wies darauf hin, dass keine Parallelstrukturen zum vorhandenen ambulanten Versorgungsangebot aufgebaut würden.

Die Inanspruchnahme der Klinikambulanzen steige sprunghaft, weil die Patienten inzwischen oft selber entscheiden, ob ein Notfall vorliegt. Der Konfliktstoff liege in den Krankenhäusern, diagnostiziert Gassen, "deshalb tragen die KVen mit dem Bereitschaftsdienst zur Entlastung bei." Parallelstrukturen müssten abgebaut werden. Die Politik habe zwar versucht zu reagieren, aber "Portalpraxen an allen Krankenhäusern sind nicht zielführend", so schränkt Gassen ein. Gemeinsam mit dem Marburger Bund arbeite man an einem neuen Konzept. Dies habe "jetzt Serienreife erlangt". Die DKG werde sich der Macht der Argumente nicht verschließen können.

An einigen hundert Kliniken, aber nicht an allen 1.500 Krankenhäusern seien Portalpraxen durchaus sinnvoll und praktikabel, meint Dr. Stephan Hofmeister, Stellv. Vorstandsvorsitzender der KBV. Krankenhäuser, die keine Portalpraxis haben, können ambulante Notfallpatienten dann nicht mehr behandeln und nehmen auch nicht mehr an der Abrechnung teil", so seine Warnung. Damit könne die knappe Ressource Arzt besser eingesetzt werden und die Patienten bekämen – wenn nötig – eine schnelle Versorgung. Die Sicherstellung der ambulanten Gesundheitsversorgung sei solitäre KV-Aufgabe. Der Vorteil aus Gassens Sicht: Die Klinikleitung sei dann nicht mehr weisungsbefugt. Eine unabhängige ärztliche Entscheidung werde dadurch gewährleistet. Es gehe hier "nicht darum, Kuchenanteile zu verteilen", sondern um eine medizinisch verantwortete Triage am Front-Desk.

Dass diese Pläne einige Widerstände hervorrufen dürften, weil damit ein deutlicher Struktur-wandel einhergeht, ist den Verantwortlichen bewusst. Hier werde noch viel Überzeugungsarbeit geleistet werden müssen – beim Bürger und bei den Ärzten, gibt Gassen zu.


Hans Glatzl


Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2018; 40 (1) Seite 34-36