Das war schon ein großer Knalleffekt, den Prof. Dr. Ferdinand Gerlach ausgelöst hat. Seine zentrale These: In Deutschland gibt es bereits heute ausreichend Ärzte, die die Versorgung sicherstellen könnten. Von einem allgemeinen Ärztemangel könne keine Rede sein, behauptet der Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin an der Universität Frankfurt sehr forsch. Ursache für einen subjektiv empfundenen Ärztemangel seien vielmehr Strukturmängel sowie eine vielfache Fehlverteilung von Ärzten quer übers Land, ausgelöst durch fehlende Steuerungsmechanismen.

Fehlende Steuerung

Zwar nimmt die durchschnittliche Wochen- und auch Lebensarbeitszeit pro Arzt ab und der Wunsch nach Teilzeitarbeit steigt an. Diese Effekte würden allerdings durch den gewaltigen Zuwachs an Medizinern deutlich überkompensiert. Allein in den vergangenen 10 Jahren sind mehr als 65.000 Ärzte neu ins System gekommen. Ende 2018 stieg die Gesamtzahl auf 392.400 an. Im internationalen Vergleich liege Deutschland damit bei der Anzahl der Ärzte pro 1.000 Einwohner unter 29 OECD-Staaten auf Platz 5.

Dass dennoch mancherorts Ärzte fehlten, hänge damit zusammen, dass es zum einen eine Fehlverteilung nach Regionen (Stadt/Land) und Disziplinen (Generalist/Spezialist) gebe. Lediglich 11 % aller weitergebildeten Ärzte entscheiden sich heute für den Facharzt für Allgemeinmedizin. Hinzu kommen Fehlentwicklungen in den Kliniken, die durch zu starke Mengenanreize zustande kommen. Und auch im ambulanten Bereich gibt es eine doppelte Fehlversorgung: Durch fehlende Steuerung komme es zu zu vielen Arzt-Patienten-Kontakten pro Jahr, die durch eine "falsch verstandene Flatrate-Mentalität" mancher Versicherter noch weiter verfestigt wird.

Grundversorgende Fächer stärken

Mit noch mehr Ärzten könnten diese strukturellen Probleme jedenfalls nicht gelöst werden, ist sich Gerlach sicher. Sinnvoller wäre es, in der Aus- und Weiterbildung deutlich die grundversorgenden Fächer zu stärken und vorhandene Kapazitäten – etwa durch Förderung von Quer-oder Wiedereinsteigern – besser auszuschöpfen. Überfällig sei es auch, Ärzte – etwa bei Routinehausbesuchen – von unnötigen Aufgaben zu entlasten. Schließlich müsse eine durch Hausärzte strikter koordinierte Versorgung in Richtung Primärarztsystem etabliert werden.

Dass Gerlachs Äußerungen in der Fachwelt auf große Resonanz gestoßen sind, verwundert nicht, ist er doch auch Vorsitzender des Sachverständigenrats zur Begutachtung und Entwicklung im Gesundheitswesen. Auch wenn er seine Aussagen nicht in dieser Funktion getroffen hat.

Bleibt nur zu hoffen, dass diese Botschaften endlich auch von der Politik aufgenommen werden und in konkretes Handeln münden. Denn wenn sich strukturell nicht bald etwas ändert, wird es zu einem ganz anderen Knalleffekt kommen. Immer mehr Ärzte werden dann auf den Markt strömen und die Fehlversorgung noch weiter zementieren. "Wir müssen die Hamsterräder endlich anhalten", fordert Gerlach völlig zu Recht. Dazu müssen aber manche politische Mainstreams wie die Landarztquote oder die grenzenlose freie Arztwahl über Bord geworfen werden. Ob die Politik hierfür jetzt den Mut aufbringt? Die Zeit hierfür wäre jedenfalls reif.


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Raimund Schmid


Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2019; 41 (14) Seite 30