Patienten informieren sich immer häufiger selbst über Krankheiten, Behandlungsmöglichkeiten oder Kassenleistungen. Bei niedergelassenen Ärzten ist dieses Verhalten umstritten, oft raten sie Patienten von einer eigenen Recherche ab. Gleichzeitig haben jedoch viele Ärzte selbst Probleme, seriöse Quellen im Internet als solche zu erkennen. So jedenfalls geht es aus einer Umfrage der Bertelsmann Stiftung und der BARMER GEK hervor.

Fast alle Ärzte in der ambulanten Versorgung machen die Erfahrung, dass Patienten sich immer häufiger selbst zu medizinischen oder krankheitsbezogenen Fragen informieren. So gaben in der Umfrage nur 2 % der Ärzte an, in den vergangenen 5 Jahren keine Veränderung im Informationsverhalten ihrer Patienten bemerkt zu haben. Einen Unterschied zwischen Hausärzten und Spezialisten scheint es hier nicht zu geben. Im Vordergrund stehen dabei Gespräche über Therapien, Krankheitssymptome, Erkrankungen im Allgemeinen und Krankenkassenleistungen. Das wachsende Interesse von Laien an gesundheitsbezogenen Themen ist in der Ärzteschaft jedoch umstritten.

Freude und Ärger

40 % der Ärzte freuen sich über das Interesse der Patienten. Knapp 10 % ärgern sich allerdings, dass der Patient sich mit seiner Frage nicht zuerst an sie gewandt hat. Die Frage, ob es auch an ihnen selbst liegen könne, dass Patienten sich auf eigene Faust informieren und nicht direkt auf sie zukommen, stellen sich lediglich 11 % der Ärzte. Nur etwa 10 % von ihnen fragen sich, ob der Patient sich zuvor mehr Beratung gewünscht hätte.

Mehr als die Hälfte der niedergelassenen Ärzte findet informierte Patienten allerdings mindestens problematisch. 45 % der Ärzte stimmen außerdem der Aussage zu, die Selbstinformation der Patienten erzeuge vielfach unangemessene Erwartungen und Ansprüche, die die Arbeit der Ärzte belaste. Fast ein Drittel (30 %) der Ärzte ist der Ansicht, dass die Selbstinformation die Patienten meist verwirre und das Vertrauen zum Arzt beeinträchtige. Knapp ein Viertel der Ärzte rät Patienten sogar aktiv von der eigenständigen Suche nach Informationen ab. Jeder vierte Arzt gibt an, manchmal mit der Beratung zeitlich überfordert zu sein.

Etwa die Hälfte der Ärzte überprüft im Zweifelsfall mit eigener Recherche die vom Patienten mitgebrachten Informationen. Einen positiven Einfluss auf die Behandlung hat die Eigenrecherche der Patienten jedoch nur bei einem Drittel der Ärzte. So geben 36 % der Ärzte an, Patienten zukünftig noch mehr in Behandlungsentscheidungen einzubeziehen, und 33 % wollen die Patienten zukünftig ausführlicher informieren

Ärzte kennen seriöse Informationen im Internet nicht

Nur etwas mehr als die Hälfte der Ärzte (56 %) hat nach eigenen Angaben vertrauenswürdige Informationsmaterialien in ihrer Praxis ausliegen und gibt diese ihren Patienten mit. Knapp 50 % weisen ihre Patienten auf gute Informationsquellen hin und ebenfalls knapp 50 % der Ärzte suchen selbst nach geeigneten Informationen für ihre Patienten. Nur 15 % der Ärzte kennen sich nach eigenen Angaben eher nicht so gut oder überhaupt nicht gut mit den für Patienten verfügbaren Informationsangeboten aus. Trotzdem kennen gerade einmal 21 % der Ärzte die Internetseite www.patienten-information.de des Ärztlichen Zentrums für Qualität in der Medizin (ÄZQ), das immerhin das gemeinsame Kompetenzzentrum von Bundesärztekammer und Kassenärztlicher Bundesvereinigung ist. Nur ein Drittel dieser Ärzte hält die Patienteninformationen dieser Internetseite für vertrauenswürdig, während das Vertrauen in Wikipedia mehr als doppelt so groß ist.

Gesundheitskompetenz soll gefördert werden
Auf Bundesebene hat man inzwischen erkannt, dass Deutschland in Sachen Gesundheitskompetenz noch Nachholbedarf hat. Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe kündigte deshalb einen Nationalen Aktionsplan für Gesundheitskompetenz an, um das Gesundheitswissen in Deutschland zu stärken und die Verständigung im Gesundheitswesen zu verbessern. In einem ersten Schritt soll das Robert Koch-Institut die Gesundheits- und Patientenkompetenz erheben und herausfinden, welche Art der Wissensvermittlung von Gesundheitsthemen besonders erfolgreich ist.

Der Trend zur Selbstinformation von Patienten sei eine unumkehrbare Entwicklung, sagt Dr. Brigitte Mohn, Vorstandsmitglied der Bertelsmann Stiftung. Daher sollten Ärzte die Selbstinformation ihrer Patienten als Chance betrachten und fördern. Ob Patienten informiert sein sollten oder nicht, steht aber gar nicht zur Diskussion. Und auch die Frage, wie sie zu ihren Informationen kommen, ist längst beantwortet: Der Arzt spielt dabei eine wichtige Rolle – aber eben nicht mehr die einzige Rolle.

Sicher gibt es gute Gründe dafür, dass Ärzte die eigenständige Informationssuche ihrer Patienten differenziert betrachten, doch um den selbst informierten Patienten wird wohl kein Arzt auf Dauer herumkommen. Umso wichtiger ist es, dass Ärzte, Patienten und Anbieter von laienverständlichen Gesundheitsinformationen in Zukunft gemeinsam auf allen Ebenen die Verbesserung der Informationsnutzung angehen.

Dr. Ingolf Dür


Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2017; 39 (5) Seite 30-32