Wer ausgiebig kuren und dazu eine alte Bäderkultur kennenlernen möchte, ist in Niederschlesien genau richtig. Hunderte Quellen sprudeln hier für die Gesundheit. Kaiser, Könige und Zaren nannten die Orte in Schlesien einen Gesundbrunnen. Unsere Autorin hat einige dieser Heilbäder besucht.

Am Fuße des Riesengebirges wirkt der Kurort Cieplice winzig klein. Eine Kirche, darum herum Häuser, viel Wald und ein Park. Blickfänge sind die roten, gelben und weißen Häuserfassaden, die die Fußgängerzone mit ihren Galerien, kleinen Läden und Cafés säumen. Das barocke Schloss der früheren adligen Besitzer Schaffgotsch verströmt den Charme vergangener Zeiten. Heute beherbergt das 80 Meter lange und drei Stockwerke hohe Gebäude die Technische Universität. Nur wenige Meter vom Schloss entfernt steht das Kurmittelhaus.

Zisterziensermönche errichteten bereits im 16. Jahrhundert die ersten Kurhäuser. Der Adel kam und badete im warmen Quellwasser. Von seinem hohen Gehalt an Schwefel, Radium und Fluor versprach man sich Heilung für vielerlei Leiden. Das ist noch heute so, erklärt der Vertreter des polnischen Kurunternehmens Uzdrowisk und beteuert: "Es ist wunderbar heilsam. Ob bei Knochenbrüchen, Kreislauf- oder Hautproblemen." Gleich hinter dem Schaffgotschen Palais beginnt der Kurpark. Zwischen den hohen Fichten und Laubbäumen ragen die Gipfel des Riesengebirges empor, und bei guter Sicht gibt es einen Blick bis zur Schneekoppe.

Es tönt, streicht und klingt

Auch Kudowa Zdrój war im 17. Jahrhundert noch ein kleines Dorf im Heuscheuergebirge an der Grenze zu Tschechien. Als natürliche Mineralquellen unter der Erde entdeckt wurden, kamen immer mehr Erholungssuchende. Es hieß: "Kudowa besitzt einen Reichtum an kohlensaurem Gas." Das heilende Wasser half unter anderem bei Herz- und Kreislaufbeschwerden. Um ein eleganter Kurort zu werden, wurden Gehsteige und Straßen gepflastert. Die Gemeinde baute ein Badehaus und stattete es mit modernsten hygienischen und badetechnischen Einrichtungen aus. Das Hotel Fürstenhof und die Sanatorien wurden im Laufe der Jahre immer wieder restauriert.

Im 17 Hektar großen Park sind die Gehölze am Wegesrand akkurat in Kugel-, Kegel- und Glockenform geschnitten. Links und rechts der Gehwege blüht es kunterbunt. Mitten auf der Rasenfläche im Musikgarten stehen vereinzelt Klavier, Kontrabass und Harfe, als hätten sich die Musiker für eine kurze Pause zurückgezogen. Doch der Schein trügt. Es ist zwar nur einmal im Jahr, aber dann tönt, streicht und klingt es. Das internationale Moniuszko-Festival, das dem polnischen Komponisten Stanisław Moniuszko gewidmet ist, lässt die gesamte Spannweite der Saitenin-
strumente erklingen.

Reiseinformationen
Allgemeine Informationen: Polnisches Fremdenverkehrsamt, Hohenzollerndamm 151, 14199 Berlin, Tel. 0049-30-2100920

Anreise: Mit dem Zug oder Flug nach Wrocław (Breslau) und von dort per Mietwagen weiterfahren. Es gibt zwei gleich schnelle Routen: über die Autobahn A4 und dann die DK 3 an Jawor vorbei. Das sind 110 km; die Fahrzeit etwa 1,5 Stunden. Oder gleich weit und schnell ist ein Stück über die A4 und dann über die DK 5. Die Fahrzeit für die 135 km lange Strecke nach Jelenia Góra beträgt etwa anderthalb Stunden.

Polska Grupa Uzdrowisk: Die Polska Grupa Uzdrowisk bietet eine breite Palette von Kurdienstleistungen an.

Cieplice (Bad Warmbrunn): Das Wasser, das aus sieben Quellen fließt, verdankt seine Heilkraft den aktiven Schwefel- und Siliziumverbindungen. Thermalwasser und Heilschlamm werden für die Therapie von Erkrankungen des Bewegungsapparates, des Harnsystems und bei neurologischen Beschwerden erfolgreich eingesetzt.

Kudowa Zdrój (Bad Kudowa): Acht Quellen werden zum Trinken, zur Inhalation und zum Baden genutzt. Dazu kommt die Anwendung von reichlich vorhandenem trockenem Kohlensäuregas. Es werden alle Erkrankungen der Inneren Medizin und speziell Herz-Kreislauf-Erkrankungen behandelt.

Duszniki Zdrój (Bad Reinerz): Die vier arsenhaltigen Kohlensäure-Stahlsprudel entspringen aus Glimmerschiefer des Reinerzer Tales. Sie werden als Bade- und Trinkkuren bei Herz-, Kreislauf-, Gefäß- und Stoffwechselkrankheiten sowie Nerven- und Frauenleiden verordnet.

Polanica Zdròj (Altheide Bad): Die Heilquellen sind Kalziumhydrogencarbonat-Säuerlinge mit einem hohen Gehalt an Kohlendioxid. Sie werden zu Trinkkuren und zu Bädern verabreicht. Behandelt werden Herz-, Kreislauf- und Nervenerkrankungen, Stoffwechselstörungen sowie Blutkrankheiten. Weiterhin werden Erkrankungen des Bewegungs- und Stützapparates, Atemwegserkrankungen, rheumatische Erkrankungen, Entzündungen der Bauchspeicheldrüse und Gallenblase, Hypertonie und kardiologische Kinderkrankheiten behandelt.

Nächste Station ist Duszniki Zdrój (ehemals Bad Reinerz). Hier kann man die Handwerkskunst der polnischen Restauratoren erahnen. Die Kurvillen mit Türmchen und Erkern wurden detailgetreu saniert. Die Leute kamen wegen der warmen Moorpackungen, die die Durchblutung steigerten. Als Chopin als Jugendlicher 1826 Bad Reinerz besuchte, hatte die Geschichte der Stadt als Kurort gerade erst begonnen. Wegen des Reizklimas weilte der Komponist auf Empfehlung seines Lehrers Joseph Xaver Elsner zur Kur in Reinerz. Der Aufenthalt im schlesischen Badeort sollte dem 16-Jährigen, der an lang anhaltenden Kopfschmerzen und Drüsenschwellungen gelitten hatte, neue Kraft schenken. Und es hat geholfen. In Archiven der Kurverwaltung steht in seinen Briefen: "Die frische Luft und die von mir fleißig genossene Molke haben mich dermaßen wiederhergestellt, dass ich ein völlig anderer bin, als ich in Warschau gewesen. Die herrlichen Ansichten, die das schöne Schlesien darbietet, haben mich entzückt und bezaubert." Als er vom plötzlichen Tod eines Einwohners erfuhr, der mittellos eine Familie hinterließ, gab er ein Wohltätigkeitskonzert im Kursalon. Das hat die Kurverwaltung nicht vergessen. Im Park steht ein Chopin-Denkmal, eine Heilquelle trägt seinen Namen und eine Gedenktafel erinnert an den Besuch des jungen Komponisten. Jedes Jahr im August veranstaltet die Stadt das Chopin-Musikfestival.

Verschiedene Wässer aus den Zapfhähnen

Weiter geht es nach Polanica Zdrój, wo man im 17. Jahrhundert das "saure Wasser" entdeckt hatte. So nannte man damals die Heilquellen mit einem hohen Gehalt an Kohlendioxid. Mitten im Nadelwald wurde ein Badehaus mit sieben Wannen gebaut. Im Laufe der Jahre wurde es ein schicker Kurort mit einem Sanatorium, zahlreichen Bürgerhäusern und einer Wandel- und Trinkhalle. Das Wasser, das seit Jahren aus den Zapfhähnen sprudelt, schmeckt mal nach Eisen, mal hat es einen süßen Geschmack. Es ist nur ein kurzer Spaziergang in den Kurpark mit seinem alten Baumbestand und es gibt viel frische Luft zum Atmen. Und genau deswegen fährt man hierher: wegen der Luft, zum Lindern der Leiden oder zum Entspannen. Und zum Trinken. Natürlich heilendes Wasser.



Autorin:
Heidrun Lange

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2020; 42 (16) Seite 68-70