Ärzte und Ärztinnen sind im Vergleich zur übrigen Bevölkerung vermehrt suizidgefährdet. Im Kontext von chronischer Überlastung, Burnout und Depressionen spielen auch Suchtgefährdungen eine Rolle. Oft ist dem nächsten Umfeld – auch Patienten, Mitarbeitern und Kollegen – das Problem schon lange bekannt. Aber erst bei gravierenden Folgen wird die Ärztekammer eingeschaltet. Dabei gibt es gute Interventionsprogramme, die zu einem weit früheren Zeitpunkt greifen können.

Kasuistik:
Ein 56-jähriger Hausarzt im ländlichen Raum hat seit über zehn Jahren ein zunehmendes Alkoholproblem. Dies ist in der Praxis, in der Familie und im dörflichen Umfeld bekannt. Von Kollegen angesprochen leugnet er das Alkoholproblem vehement als üble Nachrede. Bei einer Visite in einem Pflegeheim fällt er durch erhebliches Schwanken, lallende Sprache und eine kräftige Alkoholfahne auf. Das Pflegepersonal berichtet einem Arzt, der ebenfalls in diesem Heim tätig ist, über diesen Vorfall. Dieser informiert die Bezirksärztekammer Südbaden. Das Erstgespräch mit Suchtexperten verläuft schwierig. Erst nach langer Diskussion räumt der Kollege ein, schon seit Jahren Probleme mit Alkohol zu haben. "Ich brauche das, um abschalten zu können bei all dem beruflichen Stress. Als Einzelkämpfer in einer Landpraxis muss ich jeden Tag funktionieren! Mir ist aber noch nie ein Behandlungsfehler unterlaufen!"

Er ist am Ende bereit, die Vereinbarung mit der Ärztekammer zu unterschreiben. Es erfolgt eine stationäre Entgiftung und eine ambulante psychotherapeutische Behandlung. Zuverlässig übermittelt er die geforderten Laborwerte. Bei regelmäßigen Kontrollgesprächen in der Kammer ergibt sich kein Hinweis auf einen Rückfall. Er ist mit seiner beruflichen und familiären Situation zufrieden. Er selbst sagt beim letzten Gespräch: "Hätte ich doch von dieser Möglichkeit früher gewusst und Gebrauch gemacht. Ich hätte mir und meiner Familie sehr viel Kummer ersparen können!"

Das Genfer Gelöbnis von 1948, die Berufsordnungen der Ärztekammern, aber auch das Bild der Öffentlichkeit und das Selbstbildnis der Ärzteschaft postulieren nach wie vor höchste intellektuelle, emotionale und ethische Kompetenzen von Arzt und Ärztin.

Das sollte der ideale Arzt darstellen:

  • Empathie und Perspektivübernahme
  • Kommunikative Kompetenz
  • Klinisches Wissen und Expertise
  • Konzeptuelles Denken und Problemlösungskompetenz
  • Organisationstalent
  • Persönliche Integrität
  • Führungsqualitäten
  • Teamfähigkeit
  • Stressresistenz
  • Hohe ethische Prinzipien
  • Bereitschaft zu lebenslangem Lernen
  • Fähigkeit zu Introspektion und Selbstkritik

Zu diesem Idealbild steht die alltägliche Wirklichkeit ärztlichen Handelns in scharfem Kontrast. Ständige Arbeitsverdichtung, Fremdbestimmung selbst in Kernbereichen medizinischer Entscheidungen, Ökonomisierung der Medizin sind gängige Erfahrungen in allen ärztlichen Tätigkeitsbereichen [1]. Das kann zu erheblichen Belastungen der Ärzte/Ärztinnen führen und sich negativ auf ihre Motivation, ihre Leistungsfähigkeit, Lebensqualität und Gesundheit auswirken.

Folgen der Arbeitsbelastung sind:

  • Chronische Überlastung
  • Burnout
  • Depression
  • Suizidgefahr und Suizid
  • Abkehr von ethischen Grundsätzen
  • Suchtgefährdung und Suchterkrankung

Die Folgen sind gravierend. Motivationsverlust und chronische Überforderung, Burnout und Depression, Verlust ethischer Prinzipien, Krankheit und Suizidgefahr. Es sollte uns mehr als nachdenklich machen, dass Ärzte/Ärztinnen eine höhere Suizidrate aufweisen als die übrige Bevölkerung. Suchtgefährdung und manifeste Suchterkrankungen spielen in diesem Kontext eine bedeutende Rolle. Nach internationalen Studien ist das Risiko für Ärzte/Ärztinnen (aber auch Vertreter anderer Heilberufe), eine Suchterkrankung zu entwickeln, nicht geringer als bei der Gesamtbevölkerung. Bei 375.000 berufstätigen Ärzten/Ärztinnen bedeutet dies, dass ca. 7.000 bis 8.000 (konservative Schätzung) manifest Suchterkrankte den ärztlichen Beruf ausüben: Sie stehen im OP, machen Narkosen, sind als Notärzte unterwegs und fahren ständig Auto. Aber auch Hausärzte sind betroffen. Häufig werden die Probleme erst dann öffentlich, wenn Auffälligkeiten im Straßenverkehr oder spektakuläre Behandlungsfehler bekannt werden. Warum erst so spät, auch wenn im Umfeld der Betroffenen längst untrügliche Zeichen einer Suchtgefährdung bekannt sind? Folgende Aspekte spielen für diese Tabuisierung eine Rolle:

  • Helfersyndrom
  • Selbstüberschätzung der Eigentherapiemöglichkeit
  • Komorbide Abhängigkeit von Partner, Praxismitarbeitern und Kollegen
  • Der Arzt als schwieriger Patient

Seit einigen Jahren haben fast alle Ärztekammern in Deutschland "Interventionsprogramme für suchtkranke Ärzte/Ärztinnen" initiiert. Diese Programme stehen unter dem Motto: Hilfe statt Strafe. In der Tabelle wird das Vorgehen am Beispiel des Interventionsprogrammes der Landesärztekammer Baden-Württemberg dargestellt.

Fazit

Das Interventionsprogramm ist wirksam und erfolgreich. Mehr als 50 Kollegen/innen konnte in den letzten zehn Jahren geholfen werden bei der Überwindung ihrer Suchterkrankung. Rückfälle waren selten und konnten durch kurzfristige Reinterventionen in den meisten Fällen aufgearbeitet werden. Allerdings dauert es oft noch viel zu lange, bis das Programm in Anspruch genommen wird. Falsch verstandene Kollegialität und Tabuisierung bei den Betroffenen und ihrer Umgebung führen dazu, dass eine offenkundige Suchterkrankung unbehandelt bleibt. Dadurch wird nicht nur die berufliche Existenz der Betroffenen, sondern auch die ärztliche Behandlung der Patienten in hohem Maß gefährdet.


Literatur:
1. "Ärztegesundheit und Menschenrecht"
Vortrag von Dr. med. Bernhard Mäulen
Leiter Institut für Ärztegesundheit
78050 Villingen
2. Homepage der Landesärztekammer Baden-Württemberg:
Interventionsprogramm für Suchtkranke Ärztinnen und Ärzte



Autor:

Dr. med. Christoph von Ascheraden

Arzt für Allgemeinarzt/Suchtmedizin
79837 St. Blasien

Interessenkonflikte: Der Autor hat keine deklariert.


Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2017; 39 (7) Seite 22-23