Frage: Meine 28-jährige Patientin (172 cm, 62 kg, keine Risikofaktoren, regelmäßige sportliche Betätigung). leidet seit über einem Jahr an plötzlichen akuten Atembeschwerden beim Sport (Sprintübungen). Seither besteht diese Luftnot kontinuierlich mehr oder weniger stark, auch außerhalb sportlicher Betätigung.

Seit frühester Kindheit besteht eine Pollenallergie (Gräser) mit asthmoider Komponente beim Sport, welche aber stets mit entsprechenden inhalativen Medikamenten zu beherrschen war.

Jetzt allerdings bessert sich die Symptomatik nicht, auch unter Anwendung diverser Sprays (inkl. Kortison). Auch eine orale Therapie mit Kortison bzw. Singulair® brachte keine Besserung. Schließlich wurde in einer Lungenklinik anhand der Bronchoskopie die Diagnose "Vocal Cord Dysfunction (VCD)" gestellt. Jedoch brachte die anschließend durchgeführte Atemtherapie unter Zuhilfenahme der BA-Tube keine Besserung. Nach wie vor ist die Patientin nicht in der Lage, Sport (Tennis, Joggen) auszuüben, ohne dadurch im Anschluss für mehrere Tage Atemnot in Verbindung mit Kopfschmerzen zu haben. Der Peak Flow liegt konstant bei 400 l/min.

Haben wir bei der Diagnostik/Therapie etwas übersehen? Wie kann ich der jungen Frau nachhaltig helfen?

Antwort: Die Diagnose scheint gesichert durch bronchoskopischen Befund und typische Anamnese. Ggf. empfiehlt sich zusätzliche stroboskopische Laryngoskopie ohne Lokalanästhesie (s. u.), auch zur differenzialdiagnostischen Ausschlussdiagnostik. Aufgrund des begleitenden kontrollierten Asthma bronchiale bei konstanten Peak-Flow-Meter-Werten und nachgewiesener bronchialer Hyperreagibilität sollte die asthmaspezifische Therapie unter Intensivierung der nichtmedikamentösen, physio- und evtl. psychotherapeutischen Behandlung fortgesetzt werden, ggf. auch im Rahmen einer Rehabilitationsmaßnahme in spezialisierter Institution (s. u.).

VCD – eine Funktionsstörung der Stimmbänder

Paradoxe Stimmband-Bewegungsstörungen, bekannt als Vocal Cord Dysfunction (VCD), werden oft als asthmabedingte Atemnot verkannt und ohne Erfolg behandelt. Im Gegensatz zum Asthma bronchiale treten die typischen Atemnotanfälle jedoch sehr plötzlich auf und sind teilweise so intensiv, dass sie von den Betroffenen als lebensbedrohlich erlebt werden, was sich negativ auf ihre Lebensqualität auswirkt. Als Vocal Cord Dysfunction (VCD), von engl. vocal cord "Stimmband" und dysfunction "Fehlfunktion", wird eine Funktionsstörung der Stimmbänder bezeichnet, bei der sich diese plötzlich eng stellen, sogar für eine kurze Zeit verschließen können. Folge ist anfallsartige Atemnot. Dem geht oftmals ein unproduktiver Hustenanfall voraus. Eine VCD tritt oft in Kombination mit Asthma bronchiale auf, was die Erkennung der Krankheit zusätzlich erschwert. Ca. 5 % der vermeintlichen Asthmatiker haben eine VCD. 20 – 40 % der schwer bis nicht behandelbaren Asthmatiker leiden zusätzlich an einer VCD.

In Deutschland sind ca. 300 000 Menschen, darunter drei Viertel Frauen, betroffen. Die Auslöser bei VCD können ähnlich sein wie beim Asthma bronchiale:

  • Stress, psychische Belastung
  • körperliche Belastung
  • kalte oder warme Luft
  • Düfte, Zigarettenrauch, Parfüms
  • allergene Einflüsse
  • reizende Speisen, wie z. B. Essig
  • Reflux von Magensäure

Folgende Anzeichen erhärten den Verdacht auf VCD:

  • plötzliches Auftreten heftiger, teils lebensbedrohlich erlebter Atemnot
  • Atemnot oft nach Hustenanfällen
  • spontanes Nachlassen der Atemnot
  • Kratzen im Hals, Kloßgefühl, Engegefühl im Hals, häufiges Räuspern, Heiserkeit
  • auffällig gute Lungenfunktionsbefunde
  • Asthmamedikamente helfen kaum oder gar nicht

Mögliche Ursachen der VCD

Die Pathogenese der VCD ist nicht eindeutig geklärt. Mehrere Faktoren sind auszumachen:

  • Organische Gründe: Rückfluss von Magenflüssigkeit (Reflux) oder chronische Nasennebenhöhlenentzündung (Sinusitis mit Reizung des Kehlkopfes).
  • Neurologische Ursachen: hypersensibler Kehlkopfbereich oder krankhafte Veränderung der Großhirnrinde (Cortex), Recurrensparese (einseitige oder beidseitige Stimmbandlähmung).
  • Psychische Ursachen: emotionaler Stress, ausgelöst durch Verlust, einschneidende Veränderung, verbale und körperliche Verletzungen und hohes Leistungs- und Anspruchsdenken sowie Krankheitsgewinn.

Diagnostik

Die Diagnostik ist oftmals problematisch, weil die Attacken unvorhergesehen auftreten. Es gelingt daher nur selten dann, wenn die Stimmbänder gerade verkrampfen, eine stroboskopische Laryngoskopie ohne Lokalanästhesie, die eine VCD verhindert, durchzuführen. Eine solche Untersuchung erfordert Erfahrung und die Bereitschaft des Patienten, sich darauf einzulassen. Es kommt bei Inspiration zu einer Adduktionsbewegung, wie zur Phonation, und bei Exspiration zur Glottiserweiterung (Abb. 1). Dabei ist meist ein inspiratorisches Atemgeräusch (Stridor) zu hören.

Therapeutische Möglichkeiten

Spezielle VCD-Medikamente gibt es nicht, sie werden auch nicht benötigt. Atemtherapie ist das Mittel der Wahl. Durch Sport und Bewegung kann das Vertrauen in den eigenen Körper und die eigene Leistungsfähigkeit wiedererlangt werden. Die Bearbeitung der seelischen Probleme und das Erlernen und Ausüben von Entspannungstechniken helfen, die Stimmbandfehlfunktion zu bessern. Eine große Rolle spielt die richtige Atem- und Stimmtherapie und deren Umsetzung im Alltag. In einem ersten Schritt lernen die Betroffenen, ihre Muskulatur zu lockern und zu entspannen. Mit der sogenannten Lippenbremse trainieren Patienten gezielt ihre Atemtechnik. Mit anderen Übungen wird der Halsbereich gelockert.

Für viele Betroffene ist jedoch die Therapie schwierig, da eine somatische Ursache nicht gefunden wird, Begleiterkrankungen erschwerend dazukommen, und der Patient trotz Hilfe die Aufarbeitung der psychischen Faktoren nicht schafft. Dann empfiehlt sich eine Rehabilitationsmaßnahme in spezialisierter Institution. Unter anderem in der Schön-Klinik im Berchtesgadener Land hat man sich auf die Diagnose und Behandlung von VCD spezialisiert. Hier ist das Nationale Referenzzentrum für VCD.



Autor:

© copyright
Dr. med. Harald Mitfessel, Remscheid

Pneumologie, Innere Medizin, Allergologie, Umweltmedizin
42855 Remscheid

Interessenkonflikte: Der Autor hat keine deklariert.


Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2014; 36 (17) Seite 62-65