Was meinen wir damit, wenn wir einen Patienten als schwer krank bezeichnen? Und wann würde sich ein Mensch selbst so etikettieren? Beschäftigt man sich näher mit dem Begriff der schweren Krankheit, merkt man, dass es ganz unterschiedliche Betrachtungsweisen und Ansätze für eine Definition gibt.

Als juristischer Gesichtspunkt kann die Definition des G-BA in der Chroniker-Richtlinie dienen. Hiernach galt bislang ein Mensch als schwerwiegend chronisch erkrankt, wenn eine Pflegebedürftigkeit der Pflegestufe 2 oder 3 gemäß SGB XI vorliegt, zudem ein Grad der Behinderung (GdB) oder eine Minderung der Erwerbsfähigkeit (MdE) von mindestens 60 % vorliegt sowie eine kontinuierliche medizinische Versorgung erforderlich ist. Allerdings ist der Begriff der Pflegebedürftigkeit auch nicht in Stein gemeißelt, wie die aktuelle Pflegereform zeigt (vgl. unseren Beitrag auf S. 10).

Den Begriff schwer krank im Zusammenhang mit einem Verlust der Selbstständigkeit zu sehen, mag der Vorstellung in der Allgemeinbevölkerung durchaus entgegenkommen. Der Gedanke an einen bettlägerigen Patienten im Pflegeheim, der auf fremde Hilfe angewiesen ist, wird sicher eine große Rolle spielen.

Doch es gibt noch eine Reihe weiterer Facetten, die eine schwere Krankheit ausmachen. Auch ein Patient, dessen Leben sich durch eine Diagnose grundlegend verändert, weil die Erkrankung nicht heilbar ist und ständiger Therapie bedarf, könnte als schwer krank betrachtet werden. Dies würde dann sogar für einen Diabetespatienten gelten, obwohl die meisten Diabetiker sich selbst sicher nicht als schwer krank bezeichnen würden.

Ein weiterer Gesichtspunkt wäre die eingeschränkte Lebenserwartung, etwa durch eine Krebserkrankung oder eine schwere Herzinsuffizienz. Die Frage, ob Menschen mit einer Behinderung als schwer krank zu bezeichnen sind, ist nicht leicht zu beantworten. So wird sich ein Mensch mit Querschnittslähmung oder nach Gliedmaßenamputation, der aber gelernt hat, mit seinem Handicap zu leben, nicht unbedingt als schwer krank betrachten.

Das vorliegende Sonderheft soll diesen unterschiedlichen Sichtweisen Rechnung tragen. In unserer Politik-Rubrik stellen wir außer den Neuerungen der Pflegereform auch die Initiative "Klug entscheiden bei Krebspatienten" vor, die sich mit Fragen möglicher Unter-, aber auch Überversorgung beschäftigt. In der Fortbildungsrubrik geht es um neue Therapieansätze bei Krebserkrankungen, die individualisierte Behandlung der Herzinsuffizienz und um die Frage eines möglichen Zusammenhangs zwischen Diabetes und Krebs. Schließlich gehen wir in der Rubrik "Praxis" darauf ein, was bei der Gesprächsführung mit Diabetespatienten und bei der Aufklärung bei anstehender Chemotherapie zu beachten ist.

Ich wünsche Ihnen eine informative und kurzweilige Lektüre.



Autorin:

Dr. med. Vera Seifert

Chefredaktion
Der Allgemeinarzt

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2017; 39 (22) Seite 3