Man kann sich das heute gar nicht mehr vorstellen: Anfang bis Mitte der 1990-er Jahre haben sich ganze 7 wissenschaftliche Mitarbeiter – bundesweit verstreut – der Herkulesaufgabe verschrieben, das Fach Allgemeinmedizin in Deutschland universitär zu etablieren. Mit dabei gewesen war damals auch der heutige DEGAM-Präsident Prof. Ferdinand M. Gerlach. Daraus sind bis heute 25 allgemeinmedizinische Lehrstühle geworden, 6 weitere stehen vor der Gründung oder sind ausgeschrieben. In wenigen Jahren werden wohl alle 37 Universitäten einen Lehrstuhl für Allgemeinmedizin vorweisen können.

Mehr Generalisten werden benötigt

Ernüchternd ist allerdings, dass sich dies noch nicht auf die Weiterbildungs-Abschlüsse in der Allgemeinmedizin ausgewirkt hat. Im Jahr 2010 hatten erst 29,3 % der Studierenden Bereitschaft für die Weiterbildung Allgemeinmedizin signalisiert. Heute sind es immerhin schon 34,5 %. Das ist schon bemerkenswert, da sich noch vor einigen Jahren „viele gar nicht getraut hatten, den Berufswunsch Allgemeinarzt zu äußern“, erinnert sich Gerlach. Diese interessierten jungen Menschen müsse man nun verstärkt für die Allgemeinmedizin gewinnen und so Jahr für Jahr den Anteil derjenigen, die sich dann tatsächlich für eine Weiterbildung in der Allgemeinmedizin entscheiden, von derzeit 10,2 % auf 20 bis 30 % erhöhen. Und dies ist notwendiger denn je, weil der Hausarzt als Generalist für den ganzen Menschen mehr denn je benötigt wird, bekräftigte Kongresspräsident Prof. Martin Scherer auf dem Jahreskongress der DEGAM in Hamburg völlig zu Recht. So müssten in Zukunft immer mehr chronisch kranke und multimorbide Patienten versorgt werden, was dem gut weitergebildeten Allgemeinarzt bei 9 von 10 Patienten „mit einfachen Mitteln und zu sehr geringen Kosten“ gut gelinge.

Langer Weg zum "coolen" Fach

Die DEGAM selbst – mit ihren inzwischen beachtlichen 5 600 Mitgliedern im Rücken – wie auch der Sachverständigenrat (SVR) haben nun der Politik zukunftsfähige Handlungsvorschläge unterbreitet. Dazu zählen regionale Weiterbildungsverbünde, Weiterbildungs-Kompetenzzentren oder eine Förderstiftung. Es wird aber noch ein langer Weg werden, bis die Allgemeinmedizin tatsächlich als „cooles Fach“ gesehen wird. Das fängt schon bei den Studenten an, die in der Mehrheit das Hausarztdasein weiterhin mit „viel Arbeit“ und „ständiger Erreichbarkeit“ – und das noch als Einzelkämpfer – verbinden. Es setzt sich fort bei der Weiterbildung, die durchschnittlich 8 Jahre dauert und bei der gerade junge Frauen vor einem schier unlösbaren Spagat zwischen Weiterbildung, Promotion und Familiengründung stehen. Und falls dieser Spagat dann doch gelingt, wollen sich die jungen Ärztinnen nicht noch mit einer Niederlassung abquälen. Alternativen gibt es, seien es die Anstellungen in MVZ oder in den vom SVR geforderten „Lokalen Gesundheitszentren“ oder Teilzeitmodelle, die den Lebenswelten vieler junger Allgemeinmediziner entgegenkommen.Ist das alles Utopie? Nein, keineswegs. Auch vor gut 20 Jahren konnte man es sich nicht vorstellen, dass die Allgemeinmedizin an den Hochschulen aufblühen würde. Das macht dann doch ein wenig Mut, dass der große Durchbruch auch hier bald gelingen möge, meint

Ihr Raimund Schmid


Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2014; 36 (18) Seite 36