Bei 6 – 8 Millionen bekannten manifesten Diabetikern überwiegen natürlich bei weitem die Typ-2-Patienten mit 90 – 95 %. Die Typ-1-Patienten sind aber aus verschiedenen Gründen für die Praxis besonders wichtig: Zum einen ist auch bei diesem Diabetes-Typ eine ständige Zunahme der Erkrankungen zu erkennen, zum anderen gibt es Möglichkeiten zur Früherkennung dieser Autoimmunkrankheit, die besser ausgeschöpft werden könnten.

Nestor der deutschen Diabetologie
Wer kennt ihn nicht? Prof. Dr. med. Hellmut Mehnert ist seit über 50 Jahren auf dem Gebiet der Diabetologie aktiv. Auch heute noch hält der ehemalige Chefarzt der Medizinischen Klinik des Krankenhauses München-Schwabing Vorträge und leistet Aufklärungsarbeit. Auch auf der practica erfreuen sich seine Seminare gleichbleibender Beliebtheit. Das liegt daran, dass Mehnert Diabetesforschung so vermitteln möchte, dass sie auch für den niedergelassenen Allgemeinarzt umsetzbar ist. In diesem Sinne sind auch "Mehnerts Diabetes-Tipps" verfasst, die als Serie im Allgemeinarzt erscheinen und hoffentlich dazu beitragen, dass Sie Ihre Diabetes-Patienten besser betreuen können.

In Deutschland sind derzeit 30.000 Kinder und Jugendliche unterhalb des 20. Lebensjahres an Typ-1-Diabetes erkrankt. Die Diagnose trifft die meisten Familien unerwartet und erst beim Auftreten einer typischen Diabetessymptomatik, die nicht selten frühzeitig zu Polyurie, Polydipsie, Exsikkose und der gefürchteten Ketoazidose führt. Man muss aber wissen, dass sich die Autoimmunerkrankung schon Monate, wenn nicht Jahre vorher durch bestimmte Insel-Auto-Antikörper ankündigt, wie eine große Studie an prädisponierten Kindern gezeigt hat.

Je nachdem, wie stark die Betroffenheit ist, werden verschiedene Frühstadien des Typ-1-Diabetes unterschieden. Zunächst gibt es ein Typ-1-Diabetes-Risiko, was die Genetik und wohl auch die Umwelt angeht. Im Stadium 1 kommt es dann zu Betazellautoimmunität mit normaler Glukosetoleranz, ein Stadium, das asymptomatisch einhergeht, ebenso wie das Stadium 2, bei dem die Betazellautoimmunität mit einer gestörten Glukosetoleranz vergesellschaftet ist. Das Stadium 3 gehört wiederum zur Betazellautoimmunität mit gestörter Glukosetoleranz sowie Symptomen.

Screening nach Typ-1-Diabetes verhindert schwere Verläufe

Wie die Autoren der bayernweit durchgeführten FR1DA-Studie belegen konnten, führt eine frühzeitige Immundiagnostik zur Verhinderung schwerer Stoffwechselentgleisungen. Zudem wird die Hospitalisierungsrate gesenkt und – was besonders wichtig ist – die Familien werden rechtzeitig auf eine spätere Insulintherapie vorbereitet. Die FR1DA-Studie ist das erste bevölkerungsweite Screening zur Diagnose eines Typ-1-Diabetes weltweit. Ausgesucht für das Screening wurden Kleinkinder im Alter von 2 – 5 Jahren, bei denen im Rahmen der üblichen Vorsorgeuntersuchungen in den pädiatrischen Praxen in Bayern Blut für Autoimmunmarker abgenommen und diese bestimmt wurden. Seit Studienbeginn (Januar 2015) haben sich bereits mehr als 33.000 Familien an den Untersuchungen beteiligt.

Hierbei wurde etwa bei 0,4 % aller Probanden ein Frühstadium des Typ-1-Diabetes diagnostiziert. 4/5 dieser Patienten zeigten keine Symptome und einen noch normalen oder gestörten Glukosetoleranztest, also Stadium 1 und 2. Bei weniger als 10 % lag schon ein manifester Diabetes vor, was für die Betroffenen ein eminent wichtiger Befund ist. 90 % der Kinder hatten keinen erstgradigen Verwandten mit Typ-1-Diabetes, so dass man davon ausgehen kann, dass insbesondere Kinder aus Familien ohne Typ-1-Diabetes von dem Screening besonders profitieren.

Impfung mit oralem Insulin

An das Screening gekoppelt ist die FR1DA-Insulin-Interventionsstudie, bei der vielversprechende Ansätze mit neuen Antigen-basierten Therapien geprüft werden. Hierbei nimmt man an, dass ähnlich wie durch Desensibilisierung bei Allergien das Immunsystem durch ein bestimmtes Antigen moduliert und im Falle des Typ-1-Diabetes eine Autoimmunzerstörung der Betazellen der Inseln im Pankreas verhindert werden soll.

Die Studie geht davon aus, dass Insulinautoantikörper anderen Autoantikörpern als Marker meist vorausgehen, so dass Insulin als das hoffnungstragende Schlüsselantigen gilt, welches über die Schleimhäute (Mund oder Nase) verabreicht wird. Die immunologische Toleranz soll damit wiederhergestellt werden. Vorangehende Studien haben gezeigt, dass eine "Impfung" mit oralem Insulin keine Nebenwirkungen wie Allergien oder Unterzuckerungen hervorruft, wohl aber das Immunsystem aktiv im Sinne einer Immunregulation beeinflussen kann.

Konsequenzen für die Allgemeinarztpraxis

In Bayern ist die Situation klar: Das Screening betrifft jene Patientengruppe der kindlichen Typ-1-Diabetiker, die eine besondere Zunahme der Inzidenz erfährt. Es lässt sich dadurch vermeiden, dass Eltern diabetischer Kinder von der schwerwiegenden Diagnose Typ-1-Diabetes mit dem Auftreten der sehr gefährlichen Symptomatik (Ketoazidose) überrascht werden. Stattdessen kann der Typ-1-Diabetes rechtzeitig erkannt werden. Aber auch für andere Bundesländer hat zu gelten, dass im Falle einer Typ-1-Belastung in der Familie (vor allem bei Kindern Typ-1-diabetischer Eltern) nach Inselantikörpern mit Autoimmunmarkern gefahndet werden sollte. Dies lässt sich auch kassentechnisch bei entsprechender Familienanamnese begründen.

Leider bleiben natürlich die so häufig Prä-Typ-1-diabetischen Kinder ohne Familienanamnese bei einem solchen Vorgehen unberücksichtigt. Ein bundesweites Screening wie bei der FR1DA-Studie wäre also von großer Bedeutung. Auch sollte nicht unterschätzt werden, dass neben der Beratung der Eltern, was im Bedarfsfall zu tun und was zu lassen ist, die Vorsorgemaßnahmen, die in Form der Impfung mit Insulin angeboten werden, einen bedeutsamen Vorteil darstellen.

Als Fazit für die Praxis hat zu gelten, dass durch frühzeitige Diagnose des Typ-1-Diabetes schwerwiegende Stoffwechseldekompensationen verhindert und die betroffenen Familienangehörigen rechtzeitig auf eine Insulintherapie des Kindes vorbereitet werden.



Autor:

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Prof. Dr. med. Hellmut Mehnert

Forschergruppe Diabetes e.V.
82152 Krailling

Interessenkonflikte: Der Autor hat keine deklariert.



Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2017; 39 (3) Seite 62-65