Die Fachärzte laufen Sturm gegen das Versorgungsstärkungsgesetz (VSG). Zuletzt wollten sie mit einer Unterschriftenaktion das scheinbare Unheil für sie noch abwenden. Solche Proteste gegen das VSG hört man vom Hausärzteverband kaum bis gar nicht. Offensichtlich ist man dort mit den meisten Regelungen des Gesetzes ganz zufrieden. Schließlich steht darin ja, dass die hausärztliche Versorgung gestärkt werden soll. Man hat sich bei der Politik offensichtlich das nötige Gehör für seine Anliegen verschafft. Für die Spezialistenverbände ist das offenbar ein Alarmsignal. Sie wollen nun gegensteuern und sich in einem einzigen großen Verband zusammenschließen, um so einen stärkeren Gegenpol zum Hausärzteverband zu bilden.

Schiere Größe allein ist kein Zeichen für Stärke, gerade dann wenn die inneren Strukturen kompliziert und die Interessen komplex sind. Ein aktuelles Beispiel bietet hier der Spitzenverband der Fachärzte (SpiFa), der entgegen seiner Namensgebung eigentlich mehr sein will, nämlich ein Dachverband der „für alle Ärzte offen“ steht.

Das Anliegen ist nachvollziehbar. Sehen sich die Fachärzte durch die Reformvorhaben des Versorgungsstärkungsgesetzes doch zunehmend in die Defensive gedrängt. Praxiszwangsaufkauf, Terminvergabestellen, Lücken in der Grundversorgung und die Schnittstellenproblematik zwischen den Sektoren verunsichern und wecken Existenzangst. Eine Renaissance des Spitzenverbandes der Fachärzte soll hier als starker Golem alle gleichzeitig in Sicherheit bringen. Funktioniert das angesichts der vielfältigen Einzelinteressen der unterschiedlichsten Arztgruppen und Daseinsformen? Neidisch schauen die Fachärzte auf die Erfolge des Hausärzteverbandes. Doch die Macht des SpiFa steht auf tönernen Füßen. Er ist eher ein schwerfälliger Scheinriese.

Euphorie und Skepsis

Dr. Dirk Heinrich, Initiator und 2. SpiFa-Vorstandsvorsitzender, zeigt sich vom Konzept jedenfalls überzeugt. Mit dem SpiFa entstehe „etwas völlig Neues“. Die Leitidee des SpiFa sei „nicht die Reorganisation einer alten Struktur, sondern Antworten zu finden, wie die Fachärzte heute und morgen Versorgung gestalten wollen und können. Wie soll eine Grundversorgung, und wie soll Spezialversorgung aussehen, wo sind die Schnittstellen zur hausärztlichen Versorgung und zum stationären Bereich?“ Personelle Überschneidungen – wie mit Blick auf die Doppelfunktion von KBV- und SpiFa-Chef Dr. Andreas Gassen – sind für den Boss des NAV-Virchowbunds kein Hindernis.

Skeptischer ist hier allerdings der erst vor kurzem einstimmig im Amt bestätigte Vorsitzende von MEDI-GENO, Dr. Werner Baumgärtner. Die hauptamtliche Tätigkeit der KBV-Vorstände verbiete eine solche Personalunion, „weil die Vorstände in erster Linie der Institution und ihren rechtlichen Vorgaben verpflichtet sind. Im Ernstfall kann man als Vorstandsvorsitzender diesen Spagat zwischen Körperschafts- und Verbandsinteressen nicht aushalten.“ Auch der oberste Hausarzt Deutschlands, Ulrich Weigeldt, dessen Organisation als erfolgreiche Blaupause dienen soll, glaubt nicht daran, dass das gelingt. Als SpiFa-Vorsitzender vertrete Gassen die Interessen der Fachärzte. „Als KBV-Chef soll er hingegen die Interessen aller ambulant tätigen Ärzte vertreten. Dies ist zweifelsohne ein Spagat. Inwiefern der SpiFa als ausschließliche berufspolitische Vertretung der Fachärzte als Rettungsboot für das marode KV-System fungieren soll, erschließt sich mir jedoch beim besten Willen nicht“, so Weigeldt.

Das Angebot der Einvernahme unter das große Dach stößt selbst inhaltlich auf wenig Gegenliebe. Auch wenn Heinrich nicht müde wird zu versichern: „Wir sind für alle offen, die mit uns diese Versorgungsideen diskutieren und mitgestalten wollen. Deshalb reden wir mit allen Parteien. Daraus resultiert nicht gleich automatisch eine Aufnahme.“ Baumgärtner antwortet auf die Werbungsversuche so ironisch wie selbstbewusst mit dem Rat: „Der SpiFa sollte sich nicht übernehmen! Die niedergelassenen Ärzte brauchen keine neuen Gruppierungen, sondern einen Zusammenschluss etablierter Verbände. Dafür gebe es bereits die Allianz Deutscher Ärzteverbände.“

Hausärzteverband winkt ab

Auch Hausärzte-Chef Weigeldt lehnt das Angebot lapidar ab: „Es ist nicht meine Aufgabe zu kommentieren oder zu bewerten, ob und wie es zu Konflikten innerhalb des Spitzenverbandes der Fachärzte kommt. Unabhängig davon, wie der SpiFa am Ende aussieht, werden wir als Hausärzteverband selbstverständlich im Dialog bleiben. Dass der Deutsche Hausärzteverband dem SpiFa beitritt, kann ich jedoch aus naheliegenden Gründen mit Sicherheit ausschließen.“ Dementsprechend sieht Weigeldt den SpiFa auch eher in Konkurrenz, quasi „als Gegengewicht zum Hausärzteverband“.

Einen Seitenhieb kann sich Weigeldt dabei nicht verkneifen: „Dass der NAV-Virchowbund, nach eigener Aussage Vertretung von Fach- und Hausärzten, dem Spitzenverband der Fachärzte beitritt, ist ausschließlich die Entscheidung der handelnden Personen. Dies unter dem Dach der Fachärzte zu tun, erscheint mir dann aber doch etwas absurd.“



Autor:
Hans Glatzl

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2015; 37 (7) Seite 28-29